Klaus Schulze, Can & Co. Die Krauts klingen frisch

In den USA und in Großbritannien als Helden des Krautrock gefeiert, blieben Klaus Schulze und Can in ihrer deutschen Heimat eher Außenseiter. Jetzt bieten diverse Neuausgaben ihrer Werke die Chance auf späten Ruhm.

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In der Mode ist das Wort "zeitlos" ein Synonym für "langweilig". In der Musik ist es das ultimative Lob. Dass Musik noch lange nach ihrem Entstehen frisch klingt, ist ein Kunststück, das nur selten gelingt.

Einen eindrucksvollen Beleg für die Dauerhaftigkeit guter Musik lieferte jüngst der Soundtrack zu Sofia Coppolas Film "The Bling Ring". Der bietet überwiegend ambitionierten HipHop und R&B von jungen Könnern wie Kanye West, Frank Ocean, Deadmau5, Azealia Banks und M.I.A.

Wer diesen Klängen lauscht, wird kaum bemerken, dass zwei der Beiträge aus dem Rahmen fallen: Da ist zum einen "Freeze", eine wundersame, wehmütige, instrumentale, ganz elektronische Melodie, die an Aphex Twin erinnert, aber vor Jahrzehnten von Klaus Schulze programmiert wurde. Und dann ist da "Halleluwah" von Can, ein rätselhaft flackerndes Avantgarde-Rock-Stück mit Groove und merkwürdigem Gesang, das im Original atemberaubende achtzehneinhalb Minuten währt und erstmals 1971 auf dem Album "Tago Mago" zu bestaunen war. Brian Reitzell, der Hipster, der die Soundtracks für Sofia Coppola in Hollywood zusammenstellt, sagte dazu in einem Interview: "Klaus Schulze und Can haben zeitlos coole Musik produziert, die ich über alles liebe. Es ist unglaublich, wie sich ihre Songs in den Film einfügten. Der Can-Track 'Halleluwah' klingt so modern wie ein Song von Kanye West."

Klaus Schulze ist auch in der Ferne gefragter

Es passt, dass Lob für die Werke von Klaus Schulze und Can zumeist weitab von Deutschland formuliert wird. Denn alle Künstler, die dem bizarren Genre namens Krautrock zugeordnet werden, sind in der Ferne zu mehr Ruhm gekommen als in ihrer Heimat. Als Krautrock gelten die abenteuerlustigen, meist avantgardistischen Klänge, die in der Bundesrepublik Deutschland von 1968 bis Mitte der siebziger Jahre entstanden. Verantwortlich waren dafür Bands wie Neu!, Tangerine Dream, Kraftwerk, Faust - und eben Can. Allesamt sehr unterschiedliche Musiker, die verbindet, dass sie in Deutschland lange übersehen wurden.

So wie die Kölner von Can, deren Schaffen von David Bowie und Damon Albarn bis hin zu Dr. Dre bejubelt wurde. Wem ihr Werk fremd ist, kann nun pünktlich zu Weihnachten mit der imposanten Can-Vinyl-Box eine Bildungslücke schließen. Der bleischwere Kasten bietet über die Distanz von 17 Vinyl-Platten Pop-Weltkulturerbe. Angereichert wurde die Box mit Postern und einem bislang unbekannten Live-Album.

Auch als Solisten liefern die Can-Musiker noch aufregende Musik

Daran, dass die Can-Mitglieder auch nach dem Ende der Band ihr Können bewiesen, erinnern diverse neue Solo-Veröffentlichungen, die nun die Can-Box perfekt ergänzen. Was Can-Gründer Irmin Schmidt seitdem an außergewöhnlichen Melodien, oft mit Unterstützung seiner Ex-Kollegen, produzierte, ist auf der Doppel-CD "Villa Wunderbar" nachzuhören. Dazu gehört auch eine von Wim Wenders kompilierte CD mit Filmmelodien.

Aufregend ist ebenfalls, was Can-Bassist Holger Czukay 1980 mit dem Can-Produzenten Conny Plank als Les Vampyrettes einspielte. Die limitierte Vinyl-Box der Neuauflage dieses Klassikers ist als Sammlerstück konzipiert. Auch der Schlagzeuger Jaki Liebezeit ist immer noch umtriebig. Nach fünf tollen Alben mit Burnt Friedman überraschte er zuletzt auf dem Album "The Obscure Departure" als musikalischer Partner von Singer/Songwriter Robert Coyne. Klaus Schulze ist ebenfalls noch munter, wie der DVD-Mitschnitt "Big in Europe" beweist, auf dem ein Konzert von Schulze und Lisa Gerard, der Sängerin von Dead Can Dance, zu sehen ist. Sicher ist: Diese Musik wird auch in vielen Jahren noch frisch klingen.


CD-/LP-Angaben

Can: Can Catalogue Vinyl Box Set. 17-LP-Edition, limitierte Auflage. Spoon Records; 319,99 Euro.
Irmin Schmidt: Villa Wunderbar. Spoon Records; 17,99 Euro.
Les Vampyrettes: Les Vampyrettes. Grönland/Rough Trade; 3x10" limitierte Vinyl-Box, 39,99.
Friedman & Liebezeit: Secret Rhythms 5. Nonplace; 19,99 Euro.
Robert Coyne & Jaki Liebezeit: The Obscure Department. Meyer Records; 16,99 Euro.
Klaus Schulze & Lisa Gerrard: Big in Europe, Vol. 1 Warsaw. 2 DVDs + CD; Sony Music Entertainment; 18,99 Euro.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
levantiner 06.12.2013
1. Deadlock
Can hat auch den absolut genialen Soundtrack zu dem Film "Deadlock" von Roland Klick aus dem Jahr 1970 gemacht: http://www.imdb.com/title/tt0065620/
robert.c.jesse 06.12.2013
2. Ganz einfach...
Damals gut, Heute gut, für Immer gut.
horstmoik 06.12.2013
3. Ich bin Fan seit 1975
von Klaus Schulze. Ihr Musiktipp hierzu in allen Ehren, aber "Dune" von 1977 ist DAS Standardwerk der elektronischen Musik!
mrdude 06.12.2013
4. In der Aufzählung fehlen mir:
Ashra mit den drei überragenden Alben "Inventions for Electric Guitar", "New Age of Earth" und "Blackouts" Kraan u.a. mit "Flydays" Harmonia und Cluster usw, usw....da gibt es so einige Perlen!
Prokrastes 06.12.2013
5. Wie schwachsinnig Schubladen sind
... beweist die Einordnung von Klaus Schulze und Tangerine Dream in der mit "Krautrock" beschrifteten. Eine besser beschriftete Schublade hierfür heißt übrigens "Berlin School" ...
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