Abgehört - neue Musik Das Beben aus der Bronx

Cardi B war Gangmitglied, Stripperin und Reality-TV-Star - mit ihrem Debütalbum wird die Rapperin zur Popikone. Außerdem: Goat Girl erfinden "London Gothic", Locust Fudge exhumieren Indie, Kate Nash die Nullerjahre.

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Cardi B - "Invasion of Privacy"

(Atlantic/Warner, seit 6. April)

Ach, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll! Unter den vielen bemerkenswerten Dingen, die einem zu Cardi Bs Debütalbum "Invasion of Privacy" einfallen, ist das Cover-Artwork vielleicht das verblüffendste - und signifikanteste: Die 25-jährige Rapperin aus New York zeigt sich darauf als androgyne Kunstfigur, eine Art effeminierter Max Headroom, ein neonfarbener Avatar, der Stil- und Fashion-Elemente von Missy Elliott und Lady Gaga zur Schau trägt, beides wichtige Einflüsse für den aktuellen Superstar des US-HipHop. Dieses Coverbild ist nicht nur ein Pop-Art-Statement, das weit über ihr Genre hinausweist, also einen Mainstream-Anspruch formuliert. Es vermeidet auch ganz bewusst die sexualisierten Posen, in denen sich Frauen im Rap und R&B inszenieren oder von Männern inszeniert werden. Exhibitionismus, das stellt dieses Image klar, findet bei ihr jetzt auf künstlerischer Ebene statt.

Ihren Körper hat Belcalis Almanzar, so heißt Cardi B eigentlich, lange genug benutzt. Mit 16 gehörte sie in der South Bronx der berüchtigten Bloods-Gang an, später arbeitete sie als Stripperin, um sich, wie sie sagt, aus toxischen Beziehungen und Abhängigkeiten von Männern zu befreien. Als Tochter von Einwanderern aus der Dominikanischen Republik spricht sie Englisch mit hartem Latino-Akzent, ihr ruppig-nasaler Nu-Yawk-Flow brachte ihr schon früher Vergleiche mit Foxy Brown und Lil Kim ein, Pionierinnen eines aggressiv-weiblichen Ostküsten-Raps. Doch Cardi B gehört zu einer neuen Generation: Schon früh, um 2013, entdeckte sie Instagram und Vine für sich und gewann mit ihren Erzählungen aus dem Alltag eine bis heute treue, vorrangig weibliche Gefolgschaft.

Diverse Mixtapes, auf denen sie ihre fast zufällig entdeckten Rap-Skills ausprobierte, begleiteten ihre Auftritte in der VH1-Rap-Soap "Love & HipHop: New York". Dann kam ein Majorlabel-Plattenvertrag und ihre Single "Bodak Yellow", mit der Cardi B 2017 die "Rap-Hymne des Sommers" ("New York Times") lieferte. Der Track, auf dem sie ihre Unabhängigkeit und den Stolz auf ihre Stripper-Karriere betont, wurde zur ersten Billboard-Nummer-Eins einer weiblichen Solo-Rapperin seit Lauryn Hills "Doo Wop (That Thing)" von 1998 - und schaffte es zeitweise sogar, Taylor Swift vom Charts-Thron zu schubsen. "Invasion Of Privacy" soll nun zeigen, dass der raunchy Reality-TV-Star keine Eintagsfliege ist, sondern eine talentierte Rapperin, die das Zeug hat, einer der definierenden Popstars der kommenden Dekade zu werden.

Das gelingt, weil Cardi B den zwischen Trash und Klasse balancierenden Soap- und Fashion-Appeal der Kardashians ebenso in sich trägt wie eine authentische Ghetto-Erzählung. Aus ihr schöpft sie fesselnde biographische Narrative wie die Old-School-Hymne "Get up 10", die das Album mit Sirenengeheul eröffnet: Went from makin' tuna sandwiches to makin' the news/ I started speakin' my mind and tripled my views/ Real bitch, only thing fake is the boobs", rappt sie darin mit Verachtung für all die "Bitches" und "Haters", die das Schmuddelkind für eine Schlampe oder Fake halten.

Wer ihr dumm kommt, muss damit rechnen, einen spitzen High Heel in den Hintern oder eine schwere Gucci-Bag über die Rübe zu kriegen, das gilt für Männer sowieso, aber eben auch für Frauen, die über ihre Herkunft und Ermächtigungsstory die Nase rümpfen. So geht das mit markigen Metaphern und bedrohlich klappernden Trap- oder Boom-Bap-Beats durch Battle-Tracks wie "Drip" (mit ihrem Verlobten Offset von Migos), "Bickenhead" oder "She Bad", auf dem Gastrapper YG ganz kleinlaut und ehrfürchtig wird. Dazwischen streut Cardi B ein paar Pop-Rap-Balladen ("Be Careful", "Ring"), ein bisschen TLC-Nostalgie ("Best Life" mit Chance the Rapper) und demonstriert Sommerhit-Gespür mit dem fröhlichen Tropical-Tänzchen "I Like It".

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Ihr vorläufiges Meisterstück, auch was den Rap-Flow betrifft, ist "Bartier Cardi", ein Wortspiel mit Cartier, denn sie imaginiert sich in ein Diamantenbad hinein. Im Refrain stellt sie klar, wer beim neuen HipHop-Powercouple Cardi B/Offset die Hosen an hat und über mehr Köpfchen verfügt: Cardi got rich, they upset, yeah/ Cardi put the pussy on Offset/ Cartier, Cardi B brain on Offset". Ihre Schwangerschaft präsentierte sie neulich stolz bei Jimmy Fallon einer bezauberten Nation. Nach Konkurrentin Nicki Minaj fragt schon niemand mehr, und auch New Yorks Queen Bee Beyoncé erbebt bereits ein bisschen in ihrem Midtown-Palast vor dieser entwaffnenden Invasion aus der Bronx. (9.0) Andreas Borcholte

Kate Nash - "Yesterday Was Forever"

(Girl Gang Records, seit 30. März)

"I wish that I could take you to another time", singt Kate Nash gleich zu Beginn ihres neuen Albums, und man hört noch die ersten Akkorde ihres Gitarren-Pops, dann beginnt etwas Kurioses. Eine Metamorphose. Der Hörer wird zu einer jungen Frau, die tanzt, und sich voll unerfüllten Verlangens - also in Rage gewissermaßen - gegen ein Poster an der Wand schmeißt. Mit der Zunge löst man das Papier da auf, wo es einen männlichen Mund zeigt. Nun hat man Papier im Mund. Papier von 2007. "What's wrong with me", kräht man. Das Papier ist eine Seite aus dem "NME". Von damals, als es ihn noch wöchentlich gab und zu jeder Band eine Myspace-Seite gelistet wurde.

"Yesterday Was Forever" ist ein Konzeptalbum. Eine 30-Jährige erzählt aus dem Leben einer gerade 20-Jährigen, die sich "anders" fühlt, vielleicht weil sie zu viel Popmusik hört. Es ist eine Reise zurück nach 2007. Und wer hätte gedacht, dass 2007 jetzt schon nostalgiefähig ist? Es war die Zeit der The-Bands, durch und durch gitarrendominierte Jahre. Selbst Pop hatte Saiten. Soko sang damals "I'll Kill Her", Amy Winehouse "Rehab" und Kate Nash "Foundations": Indie-Pop mit Cockney-Dialekt. Ihr Debütalbum "Made of Bricks" bekam Platin. Ihr drittes Album erschien 2013, es war dunkler, rockiger, Riot-Grrrl-Pop - es verkaufte sich nicht. Universal machte - so will es die Legende - per Textnachricht Schluss mit Kate Nash. Und nun? Klingt ihr erstes selbstfinanziertes Album mehr nach 2007 als "Bricks" es je tat.

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"Life In Pink", der Opener, erinnert an einen Ashlee-Simpson-Song, der in Ermangelung von Rockigkeit stimmlich kräht. "Body Heat" vermischt R&B-Elemente mit der kleinen Schwester eines Florence-&-The-Machine-Refrains. "Take Away" ruft in Erinnerung, dass auch Avril Lavigne mal eine Gesangskarriere hatte, und macht entsprechend ein bisschen fertig, bis einen völlig unverhofft diese Zeile trifft: "I wanna watch Buffy in my room on the TV/ And you know I'll be smiling when we spoon and you kiss me"

Wie leicht man doch mit scheinbar jüngsten Popkultur-Referenzen zu kriegen ist, denkt man, und ist dann wieder beschämt, weil diese popkulturelle Referenz eben doch nicht mehr so jung ist. 2007 ist tatsächlich schon lange her. Aber wenn man verliebt ist - wie Kate Nashs lyrisches Ich auf diesem Album - dann ist das eben immer wie Yesterday. Und das forever. (4.2) Julia Friese

Andreas Borcholtes Playlist KW 15
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

1. Kamasi Washington: Fists Of Fury

2. Sevdaliza: Soul Syncable

3. Cardi B: I do (feat SZA)

4. Azealia Banks: Anna Wintour

5. Drake: Nice For What

6. Diplo: Worry No More (feat. Lil Yachty # Santigold)

7. Eunique: Lila

8. Eels: The Deconstruction

9. Goat Girl: Throw Me A Bone

10. Venetian Snares, Daniel Lanois: Mag11 P82

Goat Girl - "Goat Girl"

(Rough Trade/Beggars, seit 6. April)

Wenn King Krule, auch so ein Querschläger aus dem bisher nur teilgentrifizierten Süden der britischen Hauptstadt, "London Noir" spielt, dann machen Goat Girl jetzt ein neues Feld auf, das man vielleicht "London Gothic" nennen könnte. Wobei damit jetzt nicht Kajalstrich, Okkultes und Düsterrock gemeint ist (das gab's ja schon einst bei Wayne Hussey), sondern ein Gefühl für das Sonderbare, abgründig Eigenartige, das Grant Wood 1930 in seinem Gemälde "American Gothic" in Gestalt eines Puritaner-Pärchens mit Pitchfork verewigt hat. Aufs moderne England übertragen, wäre es wohl ein Porträt von Boris Johnson und Theresa May, im Hintergrund die Abomination des "Shard"-Towers, der seinen zynisch-neoliberalen Schatten eben auch via Elephant & Castle bis nach Southwark wirft.

Hier entstanden die 19 wundersamen Songs und Skizzen, die Sängerin Clottie Cream, Gitarristin LED, Bassistin Naima Jelly und Schlagzeugerin Rosy Bones nun auf ihrem Debütalbum als Goat Girl präsentieren. Man sagt nichts Falsches, wenn man diese Platte eine der kuriosesten des laufenden Jahres nennt. "Burn the Stake" will die Tories gleich mal auf dem Scheiterhaufen verbrennen, "Creep" phantasiert über einen ekligen U-Bahn-Stalker: "I wanna smash your head in/ Right in!".

Von der Wut und Frustration über all die "dead weights" im "Zombie state" England ist aber in der Musik wenig zu spüren. Anders als die meisten jungen Indierockbands ventilieren Goat Girl ihre Verachtung nicht mit Lärm, sondern lassen Jim Morrisons "The End" durch ihren träge mäandernden Rummelplatz-Rockabilly geistern. Es ist nicht ironisch kühler Post-Punk von Kollegen wie Shame, der hier als Blaupause dient, sondern der trunkene Southern-Gothic-Sound von Vorbildern wie Gun Club Lydia Lunch oder den Cramps, dessen siruphafte Lethargie ein noch viel grässlicheres Gefühl der gesellschaftlichen Lähmung und des Ennui vermittelt, als es jeder generische Punkrock könnte.

Was nicht heißt, dass es in diesem zur süßlich-sauren Melasse geronnenen Hipster-Latte-Macchiato nicht auch giftige Eruptionen gibt: "Nooo Braiiinnn" stöhnt Clottie Cream höhnisch genervt in "The Man with No Heart and No Brain" über jedwedes Mannsbild und vor allem Politiker. "The Man" wiederum feiert einen Lover, aber mit so gelangweilt leiernder Stimme, dass es nicht lustvoll, sondern nur enteiernd mokant wirkt: "You're the man, you're the man, you're the man"… Ja ja, aber wen kümmert's. "I don't care", gleich auf zwei Songs aufgeteilt, formuliert dann auch das Credo dieser No-Future-Londonerinnen, die sich weder von Nachhaltigkeitswahn noch veganem Fair-Trade-Aktivismus von ihrer miesen Laune abbringen lassen wollen: "Don't know why the people try/ 'Cause the people try and they all do die". Gegen diese Goat Girls ist Lana Del Rey ein Ausbund der Lebensbejahung. Wirf' ihnen ein paar Knochen hin und sie tanzen Dir den "Dance of Dirty Leftovers". Bezaubernd gruselig wie die Stadt, aus der sie kommen. (8.0) Andreas Borcholte

Locust Fudge - "Oscillation"

(Play Loud!, seit 30. März)

Musik speichert Empfindungen und Bedeutungen. Wenn man alt oder zumindest älter geworden ist, kann ein bestimmter Sound den Erinnerungsspeicher aufschließen, und man spürt, was früher wichtig war. Wer in den Neunzigerjahren angefangen hat mit der Rezeption von dezent abwegiger Musik, für den war es oftmals amerikanischer Indierock, Lemonheads, Pixies, Sonic Youth etc. Es war nicht die schlechteste Zeit.

Die neue Platte von Locust Fudge wirkt beim ersten Hören wie eine Hommage an die Musik von damals, ist aber mehr als Reenactment. Dirk Dresselhaus und Christopher Uhe überführten in den Neunzigerjahren mit Speed Niggs, Hip Young Things, Sharon Stoned und eben Locust Fudge US-College-Rock stilsicher in ein eigenes Koordinatensystem, in dem die Liebe zum Stilbildenden immer hörbar war. So geht es heute weiter, als wäre "Oscillation" nicht die erste Locust-Fudge-Platte seit 23 Jahren. Gleich der erste Song, das elfminütige "Light and Grace", sturzelt in mehrere übersteuerte Gitarrensoli, und man denkt, nicht ohne nostalgische Anwandlungen, Dinosaur Jr. hätten das zu "You're Living All over Me"-Zeiten auch nicht schöner hinbekommen. Was natürlich auch daran liegt, dass Dinosaur-Gitarrist J Masics hier als Gast mitspielt und gegen Ende alles in entgrenztem Feedback zerfasern darf.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Das Prinzip glückt vor allem in der ersten Hälfte des Albums (die zweite fällt dann passagenweise ab): Man baut auf den Großtaten der kanonischen Bands auf und spinnt weiter, was einst Tiefe und Glück versprach, gedacht als Möglichkeit einer sanften Dissidenz - "I would prefer not to" statt offene Rebellion. Auf entspanntes Slackertum ("Come on In", "Hormones") folgt von Yo La Tengo inspirierter Noisepop ("No Defense", "Relativity Check"), im ersten Song mit überraschend befreit aufspielendem Saxofon.

Dass Traditionsbewusstsein in diesem Fall nicht in Betulichkeit verendet, liegt schlicht am Ideenreichtum, der sich hier entfalten darf. Und, so banal ist es halt, an enormer Spielfreude. Alles an dieser Musik klingt in selbem Maße alt und neu. Das muss man auch erst einmal fertigbringen. (7.0) Benjamin Moldenhauer

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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go2dive 10.04.2018
1. Pop Ikone?!
Wikipedia: "Ikone steht für: ... in bestimmten Kontexten synonym zu Idol, Medienikone, Leitbild, Galionsfigur, Symbolfigur, Kultfigur." Mit dem zweiten Album schon? Auf einer Stufe mit Ikonen wie Michael Jackson, David Bowie, Madonna, etc.? Die Welt muss dann voll mit Ikonen sein - oder der Begriff ist beliebig geworden; jeder Künstler wird nach seinem zweiten Werk zur Ikone.
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