Nielsen und Rachmaninow: Schönheit trifft Gewalt trifft Erotik

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Wenn der richtige Dirigent zupackt, können Carl Nielsens und Sergej Rachmaninows Symphonien die Hörer überwältigen. Alan Gilbert und Vasily Petrenko sind solche Macher - beide treiben ihre Musiker in einen Rausch.

Carl Nielsen und Sergej Rachmaninow: Berauschende Klanggefilde Fotos
dapd

Seine Symphonien rauschen wie Nordseefluten: Die Musik des dänischen Komponisten Carl Nielsen (1865-1931) strömt mit üppiger Klangfülle, spült über Grenzen klassischer Harmonik hinweg und kitzelt die Hörer mit vielfarbiger Instrumentierung.

Man muss kein Nordlicht sein, um diesen Charme zu gestalten: Der venezolanische Dirigent Gustavo Dudamel zum Beispiel fühlt sich in der Welt der vierten Nielsen-Symphonie sehr zu Hause, wie er bei seiner Europatournee vor drei Jahren bewies. Und aktuell zeigt der gebürtige New Yorker Alan Gilbert, was man mit Nielsen anstellen kann. Gilbert, der seit 2009 die New York Philharmonic leitet, hat sich für eine Live-Aufnahme die zweite ("Die vier Temperamente") und die dritte Symphonie ("Sinfonia Espansiva") ausgesucht, die beide Nielsens spätromantisch geprägte Ideen effektreich präsentieren.

"Schönheit und Gewalt" bescheinigt der amerikanische Musikjournalist Alex Ross ("The Rest Is Noise") dem Werk Nielsens - aber man kann noch mehr entdecken. Manches erinnert an den eklektischen Witz und die Fülle von Gustav Mahler, nicht nur die jubilierenden Solostimmen (Erin Morley/Sopran und Joshua Hopkins/Bariton) in der dritten Symphonie Opus 27. Vier Sätze, vier große An- und Ausläufe, griffige Melodik und keine Angst vor plakativer Orchestrierung.

Carl Nielsen wusste, wie man im Konzertsaal Wirkung erzielt, wenn auch manchmal ein Hauch Zirkusluft durch die Hallen weht. Daher dürften Gustavo Dudamel auch die zwei Solo-Pauken inspiriert haben, die sich in Nielsens "Vierter" ein wildes Percussions-Duell liefern: ein todsicherer Bringer bei jeder Performance. Alan Gilbert muss auf andere Effekte zurückgreifen, er baut seine Spannungsbögen aus den dicht gewebten Arrangements.

Erotisch aufpeitschend

Die zweite Symphonie Opus 16, die mit den "Temperamenten", erforscht denn auch in ihren vier Sätzen den "Choleriker", das "Phlegmatische", den "Melancholiker" und - Überraschung! - den sanguinischen, optimistisch-ausgeglichenen Charakter. Das klingt, musikalisch umgesetzt, viel spannender als es sich programmatisch liest: Die Form folgt gottlob nicht sklavisch der Funktion, sondern erobert ihren eigenen Ausdruck und fließt in rhythmisch straff gestaltete Motive, die an die Ballettszenen eines Leonard Bernstein erinnern.

In Sachen Wirkung und melodischer Kraft muss sich auch Sergej Rachmaninows (1873-1943) kaum verstecken: Seine Klavierwerke werden gern als "erotisch" aufpeitschend dargestellt; Marilyn Monroe sollte ja in "Das verflixte siebte Jahr" mit Rachmaninow ganz piano verführt werden. Rachmaninows Symphonien hingegen wird keine aphrodisierende Wirkung zugemessen, was sich als vorschnelles Urteil erweisen könnte, wenn man sich der aktuellen Lesart des Kapellmeisters Vasily Petrenko widmet.

Petrenko war ein Lichtblick bei der diesjährigen TV-Festivität zum Klassik-"Echo", denn er dirigierte das Konzerthausorchester Berlin mit Verve, Charme und ohne Mätzchen, wie sie leider das Moderatorenduo Eichinger/Villazón zelebrierte. Der 1976 im damaligen Leningrad geborene Musiker leitet derzeit das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra mit einigem Erfolg - wovon auch die neue Aufnahme der zweiten Rachmaninow-Symphonie zeugt, der populärsten seines Landsmannes.

Petrenko, der seine Karriere Mitte der Neunziger in St. Petersburg begann, etablierte sich später in Großbritannien und debütierte 2004 bei den Liverpoolern, deren Chefdirigent er schon ein Jahr später wurde. Beim russischen Repertoire fühlt er sich besonders zu Hause, doch auch sein Opernrepertoire von Verdi bis Wagner brachte ihm schon in jungen Jahren Anerkennung.

Russische Weite am Mersey River

Sergej Rachmaninow dirigierte die Uraufführung der zweiten Symphonie 1908 in St. Petersburg selbst, ein rund einstündiges Werk, dessen erster Satz in seinem epischen Anlauf allein fast 25 Minuten dauert. Vasily Petrenko gelingt es auf seiner neuen CD, mit seinem englischen Ensemble das heikle Spannungsfeld vom einleitenden Largo bis ins gemäßigte Allegro hypnotisch zu dehnen; manchmal liegt russische Weite nicht an der Wolga, sondern am Liverpooler Mersey River. Die spritzigen Streicher des zweiten Satzes flirren nervös und erregt, das sehnsüchtige Adagio baut dezent auf, was das finale Allegro aufschwingend und lustvoll zusammenbringt. Man glaubt sich an Mussorgskys "Großes Tor von Kiew" versetzt. Das allerdings ersteht in moderner Leichtbauweise, die Vasily Petrenko mit dem packend aufspielenden Liverpooler Ensemble konstruiert.

Marilyn Monroe zog im Film übrigens den "Flohwalzer" den Klavier-Klängen Rachmaninows vor: Vielleicht wäre ihr Abend mit dieser "Zweiten" bunter verlaufen.

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