Bach-Jahr 2014 Diesmal Erststimme CPE!

Happy Birthday, Bach! Gemeint ist 2014 aber der Sohn Carl Philipp Emanuel - zu Lebzeiten erfolgreicher als der Vater Johann Sebastian. Warum, das zeigt Ophélie Gaillard, die seine Cellokonzerte kundig und kantig interpretiert.

Caroline Doutre

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Ein Vollblutmusiker namens Carl Philipp Emanuel Bach: Produktiv war er, innovativ, vielseitig mit Sinn fürs Virtuose, seinerzeit populär wie kaum ein Zweiter, Sohn eines Giganten. Herrje, weshalb nur führt "CPE", wie er gern verkürzt wird, heute in den Konzertsälen dieses Schattendasein? Zu seinem 300. Geburtstag veranstaltet die große Hansestadt an der Elbe, die ihm den Beinamen "Hamburger Bach" verpasste, ein paar Konzerte. Aber keine Geburtstagsparty. Schade, denn die Musik dazu könnte das muntere Werk des Bach-Sohnes, der hier (neben Berlin) einen großen Teil seiner kreativen Jahre verbrachte, locker liefern. Wie raffiniert und doch eingängig das klingt, kann man der neuen Aufnahme von zwei Cellokonzerten entnehmen, die die formidable französische Virtuosin Ophélie Gaillard ablieferte. Dazu gibt es die Sinfonia Nr. 5 und eine originelle Triosonate, fertig ist das CPE-Bach-Bouquet für Einsteiger.

Und so leicht und behände diese Musik auch klingt, sie verlangt nach kundigen Interpreten, die den rechten, federnden Ton und die sangliche Grazie sicher hinbekommen. Ophélie Gaillard (1974 in Paris geboren) spielt von Kindesbeinen an Cello und konzentrierte sich früh auf Barockmusik. Neben Johann Sebastian Bachs Cellosuiten - Pflichtprogramm fürs Instrument - spielte sie bald auch jene von Benjamin Britten ein, denn nur Barock macht auch nicht glücklich.

Temperamentvoll, raffiniert und eingängig

Für die Pflege der Alten Musik gründete Ophélie Gaillard 2005 ihr Ensemble Pulcinella, das 15 Solokönner mit Originalinstrumenten vereinigt. Der Enthusiasmus des Teams sorgt dafür, dass nicht museales Bewahren, sondern lebendiges und temperamentvolles Musizieren ansteht, das den Elan der Alten Musik feiert. Auch Gaillards Instrument, ein Cello von Francesco Goffriller aus dem Jahre 1737, klingt zwar historisch trocken, aber unter den Händen der Virtuosin biegsam und elegant - perfekt für CPE Bach, den Alleskönner seiner Zeit.

Sein Ziel, mit seiner Musik die Gemüter der Menschen zu beflügeln und vor allem ihre Sinne zu erfreuen, gelang CPE besonders mit seinen Solokonzerten für Klavier, Flöte und eben Streichern ganz ausgezeichnet. Die schnellen Ecksätze der Cellokonzerte Wq. 170 und 172 (nach der Zählung des belgischen Musikwissenschaftlers Alfred Wotquenne) wirbeln optimistisch durch rasende Kantilenen, bei denen Ophélie Gaillard beste Gelegenheiten bekommt, ihre Tonsicherheit auszustellen und mit starken Akzenten für Spannung zu sorgen. Die langsamen Sätze kontrastieren knallhart mit beinahe todtraurigen, melancholischen Themen, eine würdige Herausforderung für das homogene Pulcinella Orchestra.

Beim rasenden Presto in der fünften Sinfonia beeindruckt das Pulcinella Orchestra mit blitzender Perfektion, dem die Chefin Gaillard etwa im abschließenden Allegro assai des A-Dur-Konzertes ein Feuerwerk an Synkopen und Expressivität entgegensetzt: Es swingt wie beim seligen Glenn Gould.

Humorig dagegen die Triosonate für zwei Violinen und Continuo Wq. 161, die einen Dialog zwischen zwei klassischen Temperamenten, dem sinnenfrohen Sanguiniker und dem nachdenklichen Melancholiker, führen. Den Continuo-Part übernahm Ophélie Gaillard selbst, die erste Violine spielt ihr Erster Violinist Thibault Noally, Nicolas Mazzoleni sekundiert mit angemessen sattem Zugriff. Im Booklet der CD ist der Dialog nach den Maßgaben des Komponisten sogar verbal und launig zum Stück ausformuliert, nachzulesen allerdings nur in Englisch und Französisch.

Ophélie Gaillard und das Ensemble Pulcinella spielen CPE Bach
Europop des Barock

Wie sich CPE Bach mit spanischem Akzent anhören kann, führt der 1977 in Granada geborene Dirigent Pablo Heras-Casado aus, der Bachs e-Moll-Sinfonia "Fandango" auf seiner CD "El Maestro Farinelli" (DG Archiv Produktion) interpretiert. Gemeinsam mit dem feinen Ensemble Concerto Köln ist dieses Album zunächst eine Hommage an den berühmten Kastraten Farinelli und die Musik seiner Zeit in Spanien, weshalb Bachs Komposition nur wegen ihrer musikalischen Themas hineinpasst - aber die Melodienseligkeit und Virtuosität CPE Bachs hatten eben schon damals Europa-Qualität. Und inmitten solcher Barock-Pop-Kracher wie der "festa cinese"-Ouvertüre von Nicola Conforto (1718-1793) oder den smarten Tanzstücken wie José de Nebras Seguidillas nimmt sich CPE Bachs Stück zwar teutonisch aus, aber doch bezaubernd: Der Vergleich hat seinen Reiz.


CD-Angaben

Carl Philipp Emanuel Bach. Ophélie Gaillard, Cello, und Pulcinella Orchestra. Aparte; 19,99 Euro.
El Maestro Farinelli. Concerto Köln, Leitung Pablo Heras-Casado. Archiv Produktion; 16,99 Euro. Erscheint am 16. Mai.



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mcvitus 04.05.2014
1. Schöner Beitrag.
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