Casa del Jazz in Rom Früher Killer, heute Brönner

Können Verbrecher aus bestem Hause sein? Kommen Sie doch einmal in die Casa del Jazz: In der römischen Herrschaftsvilla residierte früher ein Mafia-Clan. Jetzt geben dort Stars wie Til Brönner und Nils Landgren den Ton an.

Von Ralf Dombrowski, Rom


Es ist auch eine Weihnachtsgeschichte. Sie spielt in Rom, und genau genommen beginnt sie bereits in den frühen achtziger Jahren. Damals hatte man in Italien die Notwendigkeit erkannt, endlich wirksam gegen die Mafia vorgehen zu müssen, nachdem in Palermo ein erbitterter Bandenkrieg der Corleone-Clans wütete. Auf Initiative des Abgeordneten Pio La Torre wurde ein Gesetz auf den Weg gebracht, mit dem nicht nur die Mafia als kriminelle Organisation an sich definiert wurde, sondern auch wirksame juristische Schritte gegen sie eingeleitet werden konnten.



Unter anderem wurde es aufgrund des "La-Torre"-Gesetzes möglich, beschlagnahmten Besitz der Mafia öffentlichen, beispielsweise kulturellen Zwecken zuzuführen. So schließt sich der Kreis zwei Jahrzehnte später nach Rom und mit einigen Umwegen auch zur Kunst und Musik. Denn in der italienischen Hauptstadt waren Ende der Neunziger Enrico Nicoletti und seine Banda della Magliana dingfest gemacht worden. Der Pate von Südrom hatte mit seiner Anhängerschaft zuvor in einer fürstlich anmutenden Villa residiert, einem historistisch inspirierten Herrschaftssitz, den der Gründer der Banca Nazioale del Lavoro, Arturo Osio, in den dreißiger Jahren von dem renommierten Architekten Cesare Pascoletti hatte verwirklichen lassen.

Von der Mafia-Villa zur Casa del Jazz

Dieser repräsentative Bau am Fuße der Aurelianischen Mauer stand nun leer, und als der erklärte Jazzfan Walter Veltroni 2001 zum Bürgermeister der Stadt gewählt wurde, setzten sich die Dinge in Bewegung. "Er bekam die Möglichkeit, sich Räumlichkeiten anzusehen, die früher der Mafia gehörten und nun der Stadt zur öffentlichen Nutzung zur Verfügung gestellt wurden", erinnert sich Luciano Linzi, der Leiter der Casa del Jazzan die Anfänge. "Veltroni sah das Gebäude und hatte spontan die Idee, es für den Jazz zu nutzen."

Von da an ging es zügig voran. Der Bürgermeister erklärte die Casa del Jazz zur Chefsache. Für rund fünf Millionen Euro wurden die Villa und der zweieinhalb Hektar große Park hergerichtet, weitere eineinhalb Millionen Euro konnten mit einer Mischfinanzierung aus kommunaler Unterstützung und Sponsorengeldern als jährlicher Etat auf die Beine gestellt werden. Ein kleiner Konzertsaal wurde in die ursprünglichen Mauern eingebaut, ein Studiokomplex eingerichtet, hinzu kamen ein Fernseharchiv und Dokumentationszentrum, ein Shop und Gastronomie.

Am 21. April 2005 öffnete die Casa del Jazz ihre Pforten, seitdem avancierte sie mit regelmäßigem Konzertprogramm, im Sommer im Park auf einer Außenbühne, zu einem Treffpunkt der Szene und des Publikums, das durchaus mit Picknickkorb , Kind und Kegel anrückt, um in gepflegtem Ambiente angenehm modern swingende Musik zu hören. Die Konzerte konzentrierten sich zunächst auf die einheimischen Künstler, die unter anderem mit eigenen Live-CD-Reihen gefeatured wurden. Das war jedoch nur der Anfang.

Advents-Bop

"Die Casa del Jazz ist beispiellos", sagt der Trompeter Till Brönner und kommt ins Schwärmen. "Wenn es Vergleichbares bei uns in Berlin gäbe, wäre das ein Traum". Er ist mit dem Posaunisten Nils Landgren und dem Vibraphonisten Christopher Dell zu Gast in Rom, um gemeinsam mit den italienischen Kollegen Riccardo Fassi am Klavier, Piero Leveratto am Bass und dem Schlagzeuger Massimo Manzi an einem deutsch-italienischen Jazzer-Gipfeltreffen teilzunehmen. Geprobt wurde in den Räumen der Casa del Jazz, so wie überhaupt die Aktivitäten von Luciano Linzi und seiner Bühne mehr und mehr über das Gelände der Villa Osio hinaus Bedeutung gewinnen.

Das Konzert wurde dann allerdings aufgrund des zu erwartenden Andrangs in die wesentlich größere Aula des Goethe-Instituts in Rom verlegt. Eine umsichtige Entscheidung, wie sich herausstellte, denn das Publikum strömte in Scharen zu dem grenzübergreifenden Event. Geboten wurde dezent Adventliches, von Händel-Bearbeitungen über eine Slow-Flow-Adaption von "Es ist ein Ros entsprungen" bis hin zu den unvermeidlichen amerikanischen Gassenhauern der kandierten Konsumhörkultur.

Über Rom hinaus

Wichtig war dabei weniger der konkrete musikalische Inhalt, als er die Aktion an sich, in kultureller Kooperation zwei noch immer wenig verknüpfte nationale Szenen zusammen zu bringen. "Es genügt ja nicht, nur hier für die einheimischen Musikhörer etwas zu veranstalten. Wirklich nachhaltig bewirkt man erst etwas, wenn es auch über Rom hinaus wahrgenommen wird", meint Uwe Reissig, Leiter des Goethe-Instituts vor Ort und Initiator des vorweihnachtlichen Musikertreffens. Und deshalb startete er in diesem Sommer die Zusammenarbeit mit der Casa del Jazz in Form einer eigenen Reihe und hat für die kommenden Jahre noch Einiges vor.

Im Gespräch sind Gastspiele etwa der NDR-Bigband im Park der Villa, Konzerte mit Wolfgang Dauner oder Eric Schaefer sind bereits bestätigt. Ein dauerhafter Platz für deutschen Jazz soll geschaffen werden, bislang unterrepräsentiert im Kulturprogramm der Stadt, so wie auch italienischen Musikern mehr Kontakte nördlich der Alpen vermittelt werden sollen. Der erste Schritt jedenfalls ist gemacht, mit Events wie "Natale in Jazz", dem Weihnachtskonzert von Brönner, Fassi & Co. Und die Perspektiven lassen zuversichtlich in die Zukunft blicken. Jazzfan Veltroni jedenfalls wurde in seinem Amt bestätigt und bleibt der Stadt voraussichtlich bis 2011 erhalten.

Noch ein Nachtrag. Für Till Brönner war das Weihnachtskonzert auch eine Art von Heimkehr. In dessen Kindheit Anfang der Siebziger arbeitete sein Vater als Lehrer an der deutschen Schule in Rom. Und die hatte ihren Sitz in den Räumen des heutigen Goethe-Instituts. "Ich bin als Kind schon in diesen Hallen herumgesprungen. Es ist ein verrücktes Gefühl und ich schaue an jeder Ecke, ob ich mich daran erinnere". Die Serpentinen des Jazz sind noch immer für kleine Überraschungen gut.



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