Casting-Band No Angels Mädchen-Handel, Runde zwei

Die Girl-Band No Angels galt als erfolgreichstes Casting-Projekt des deutschen Pop. Dann stand die Truppe ausgebrannt vor dem Aus. Jetzt wagen die Engel nach dreijähriger Pause ein Comeback und bangen: früher top, heute Flop?

Von Jörg Oberwittler


Aus den Boxen dröhnt Popmusik. Elf Assistenten beäugen das Set, zupfen Oberteile zurecht, kämmen Haare, richten Scheinwerfer aus. Indes posieren Lucy Diakovska, Sandy Mölling, Jessica Wahls und Nadja Benaissa gekonnt lässig vor einem feuerroten Hintergrund in leuchtend weißen Outfits: Fotoaufnahmen in Berlin-Tempelhof für ein TV-Magazin. Zehn Seiten sollen es werden – plus Magazincover. Das Shooting ist seit Wochen geplant, eigens dafür wurden ein Tonstudio und eine Bühne nachgebaut. Entsprechend groß ist die Nervosität beim Fotografen, dem am Nachmittag dann der Geduldsfaden reißt.

Casting-Band No Angels: "Werden die uns noch erkennen?"
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Casting-Band No Angels: "Werden die uns noch erkennen?"

"Ich hab' hier eigentlich für drei Leute bezahlt!", herrscht er seine beiden Assistentinnen an, die im Akkord die Filme der analogen Kamera auswechseln, zurückdrehen und neue einlegen. Während der Fotograf hektisch einen Film nach dem anderen verschießt, beweisen die No Angels eine Engelsgeduld. "Ihr seid toll!", "Ja, klasse!", "Ganz toll!", "Klasse, klasse, klasse!"

Gewohnt professionell flirten die vier Frauen mit der Kamera. Unerwartet unprätentiös fällt ihre Begrüßung beim Interview aus, absehbar weichgespült kommen die Antworten daher. Die Plattenfirma sei "ganz aus dem Häuschen gewesen", als sie ihren Comebackwunsch verkündet hätten, erzählt die rothaarige Lucy, 30. Was sagt ihr dazu, dass Vanessa Petruo als fünftes Mitglied nicht mehr dabei ist? "Ich akzeptiere ihre Meinung und ihren Lebensstil", antwortet die blonde Sandy, 25, eine Spur zu routiniert. Genau den gleichen Text hatte sie im Januar schon einmal in einem Interview aufgesagt. Vanessa hatte sich offiziell aus "künstlerischen Gründen" zurückgezogen, will an ihrer Solokarriere weiterarbeiten.

"Erfolgreichste Band Kontinentaleuropas"

Im Umgang mit den Medien sind die No Angels Profis. Sechs Jahre Erfahrung im schnelllebigen Popgeschäft, der Titel "Erfolgreichste Girlband Kontinentaleuropas" (nur die Spice Girls bleiben ungeschlagen) sowie über fünf Millionen verkaufte Platten sorgen zumindest auf den ersten Blick für Gelassenheit. Verglichen mit dem aktuellen Retortenband-Nachwuchs, dessen Haltbarkeit sich in letzter Zeit immer stärker dem einer Packung H-Milch angleicht, sind die vier Frauen alte Hasen im Geschäft.

Ob Bands wie Preluders, Nu Pagadi, Overground oder Bro'Sis: Sie alle haben sich mit ihren späteren Alben ins Aus gefloppt. Entsprechend überschaubar präsentiert sich momentan der Plattenmarkt, so dass Branchenkenner dem Comeback gute Chancen einräumen – trotz multimedialer Übersättigung der Zuschauer, was die Flut kalkuliert zusammengestellter Bands anbelangt.

Dennoch wird auch die No-Angels-Neubelebung kein Spaziergang werden. Als Solokünstlerinnen waren sie alle nur mäßig erfolgreich. Ein Beweis für die mangelnde Bindung an die Fans? Um die kauffreudige junge Zielgruppe wieder in Begeisterung zu versetzen, läuft die PR-Maschine auf Hochtouren. Die Vorwoche des gestrigen Single-Starts von "Goodbye To Yesterday" war mit Terminen prall gefüllt.

Promo-Auftritte auf sämtlichen TV-Kanälen

Der Dienstag begann um sieben Uhr in der Maske. Drei Maskenbildner hatten vier Stunden Zeit für aufwändige Turmfrisuren, glatte Mähnen und wallende Engelslocken. Tags zuvor Interview-Marathon: "Brisant", "Blitz", "Exclusiv", "Leute heute", "Vox-Prominent". Abends dann Besuch beim Plattenlabel, gemeinsames Grübeln über den neuen Albumtitel. Um 2.19 Uhr erreichte Pressemanager Peter Lanz eine SMS: Der Albumname ist da – "Destiny", Schicksal, Vorsehung. Die verlangt natürlich auch nach einem Besuch bei Show-Clown Stefan Raab.

"Neunzig Prozent des Jobs sind Promotion", weiß Lanz und lässt sich im Flur in einen Sessel fallen. Blitzlicht flackert unter der Tür durch, begleitet vom Kichern der Engel und ekstatischen Rufen des Fotografen. Kurze Zeit später wechseln die Frauen ihre Outfits in der Garderobe. Haarspray liegt in der Luft, hochhackiges Schuhwerk auf dem Boden und ein erschöpfter Fotograf im Sessel.

Das Medieninteresse sei diesmal außergewöhnlich, verrät Lanz. Allein 14 Kamerateams und 130 Journalisten seien bei der Pressekonferenz im Januar dabei gewesen, als die No Angels das "Comeback des Jahres" verkündeten, wie eine zweiteilige Dokumentation auf ProSieben die Wiederauferstehung des Quartetts anpries.

Die Erwartungen der Plattenbosse und Musikjournalisten sind groß. Gemessen daran können die vier nur scheitern. Sie haben alles erreicht, was in Deutschland zu erreichen ist: die wichtigsten Preise, vier Nummer-Eins-Hits. Das weiß auch die dunkelhaarige Nadja, 24: "Wird es so wie damals? Wenn ich so denken würde, würde ich unter dem Druck zusammenbrechen."

Gerade mal fünf Tage am Stück frei gehabt

Den Single-Titel "Goodbye To Yesterday" haben die ehrgeizigen Engel daher auch bewusst ausgewählt. "Er steht schon für einen Neuanfang, aber auf gar keinen Fall für einen Abschied", sagt Lucy, nascht am Catering-Büffet und macht es sich auf dem Sofa bequem. "Wir wollen sagen: Wir haben aus der Vergangenheit viel mitgenommen." Zum Beispiel die Einsicht, dass man sich nicht unbegrenzt ausbeuten lassen kann. Erschöpfung war ein Grund, warum die vier im Dezember vor drei Jahren das Aus verkündet hatten. Gerade fünf Tage am Stück hatten sie zwischen Bühnenauftritten, Studioaufnahmen und PR-Terminen frei gehabt.

Das soll nun anders werden. Jetzt sind sie unüberhörbare "Unternehmerinnen" und keine singenden Söldnerinnen mit Knebelvertrag mehr. Klugerweise sind sie nicht beratungsresistent. Der neue No-Angels-Sound ist ganz der alte geblieben: mainstreamig, stimmgewaltig und professionell produziert. Ob das die Fanbasis von einst in die Läden treibt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

Ihren ersten gemeinsamen Auftritt nach der Wiedervereinigung vor den Fans hat die Vierer-Combo schon hinter sich. Bei der Verleihung der Goldenen Kamera zitterten sie über den roten Teppich, vorbei an kreischenden Teenagern. "Werden die uns noch erkennen?", flüsterte Lucy ihren Kolleginnen zu. Sie wurden erkannt und ließen sich 54 Minuten Zeit bis ins Foyer.



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