Abgehört - neue Musik Tapfere Wanderer

Sie schafft's auch allein: Cat Power kehrt mit einem der besten Alben ihrer Karriere zurück; Lil Waynes Comeback hat Spielfilmlänge. Außerdem: Tim Hecker, Roosevelt und ein bisschen Gänsehaut.

Von , , Tobi Müller und


Cat Power - "Wanderer"
(Domino/Goodtogo, ab 5. Oktober)

Die Geburt eines Kindes ist für viele Anlass, sich niederzulassen, häuslich zu werden, in familiärer Seligkeit zu schwelgen. Nicht so für Chan Marshall alias Cat Power. Die 46-Jährige bekam 2015 einen Sohn, verriet aber nicht, von wem - und kehrt jetzt, drei Jahre später, mit einem zugleich ruhig-konzentrierten und nervös-rastlosen Album zurück. "Wanderer" ist eines der besten ihrer fast 25-jährigen Karriere.

Ein Grund dafür ist auch, dass man "Wanderer" nicht mit früheren, auch sehr guten Cat-Power-Alben vergleichen kann: Es ist weder ein neues "Moon Pix" (1998), noch ein neues "The Greatest" (2006) oder "Sun" (2012), es ist schlicht etwas Neues, ein weiterer Evolutionsschritt in der Entwicklung einer der besten Songwriterinnen, die der US-amerikanische Indierock der Neunziger hervorgebracht hat.

Marshall, in der Vergangenheit von Depression und Alkoholismus ebenso wie von gesundheitlichen Problemen und privaten Desastern geplagt, gibt sich auf ihren elf neuen Songs als lebenserfahrene, aber nicht -müde Folk-Sängerin, zumeist reicht eine gezupfte Gitarre oder ein einsames Piano als Begleitung, ihr Gesang trägt fast alles. Im Titelstück beginnt sie eine Desperado-hafte Reise zu sich selbst und durch ihr Leben als Solitärin. "Wild heart, young man, goddamn", verabschiedet sie sich von einem Lover, der sie offenbar enttäuscht hat. Sie packt ihre Gitarre und ihr Kind (siehe Cover) - und zieht von dannen. Sie schafft es auch alleine.

Andreas Borcholtes Playlist KW 40
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Steiner & Madlaina: Das schöne Leben

 2 Cat Power: Woman (feat. Lana Del Rey)

 3 Lana Del Rey: Venice Bitch

 4 Dave Dee, Dozy, Beaky Mitch & Tich: Marina

 5 Theodor Shitstorm: Mama, schick mir die Platten von Reinhard Mey

 6 Kelly Moran: Helix

 7 Tim Hecker: In Death Valley

 8 How To Dress Well: Nonkilling 6 Hunger

 9 Marie Davidson: So Right

 10 Chic: Sober (feat. Craig David & Stefflon Don)

Die Lieder dieser Wandersfrau könnte man sich auch am Lagerfeuer zum Trost vorspielen, sie haben, auch ohne viel Produktionsaufwand, Sound-Spielereien oder aufdringliche Refrains, die suggestive, magische Kraft. Jeder dieser subtil zupackenden, an Blues und Appalachen-Folk geschulten Songs könnte zum Abspann der dramatischsten Episode einer Lieblingsserie auf Netflix oder HBO laufen - wenn man, noch ganz bewegt, dem Geschehen nachsinnst. Es sind disparate Songs, die man zumeist von Männern kennt, Bill Callahan, Nick Cave, Will Oldham fallen einem ein, aber weil Chan Marshall eine Frau ist, fehlt ihnen das Pathos. Sie kommen gut ohne aus.

"I'm a Woman", bekräftigt sie dann auch, zusammen mit Duettpartnerin Lana Del Rey, im Ermächtigungs-Gospel "Woman": "My word's the only thing I've ever needed/ I'm a woman of my word". Rihannas Power-Ballade "Stay" deutet sie solo am Klavier zur zarten, aber auch harten Emanzipationshymne um: Ich will, dass du bleibst, aber nicht um jeden Preis, erklärt da etwas Stählernes in ihrem brüchigen Gesang. "In Your Face" und "You Get" sind verletzte, sehr persönliche Stücke, deren Texte sich aber auch auf den aktuellen Diskurs zwischen Mann und Frau in den USA lesen lassen: "It's time", zerdehnt sie in "You Get" über kratzenden E-Gitarren-Akzenten, "on time, you will get what you get" - du kriegst schon noch was, dir zusteht.

Ihr langjähriges Label Matador wollte "Wanderer" nicht herausbringen: zu karg, zu folky, zu wenig Adele, hieß es. Die Konkurrenz von Domino sprang ein und bot Cat Power eine neue Heimat. Außer "Woman" fügte sie nichts hinzu und änderte keinen Ton und keine Zeile. Zum Glück. (9.2) Andreas Borcholte

Tim Hecker - "Konoyo"
(Kranky, seit 27. September)

Spröde und harsch waren die Platten von Tim Hecker schon immer seit seinem Debüt "Haunt Me, Haunt Me Do It Again" von 2001, und sei es nur passagenweise. Seitdem der kanadische Laptop-Musiker die Orgel für sich entdeckt hat und regelmäßig mit Distortion-Liebhabern wie Aidan Baker und Ben Frost kollaboriert, haben seine Platten aber rein gar nichts Wohliges mehr. "Dropped Pianos" und "Ravedeath, 1972", beide 2011 erschienen, waren zwar auch schon keine Dokumente unbändiger Lebensfreude. Aber seit "Virgins" (2013) hat sich Heckers Musik, offenbar aus einem autobiografischen, zumindest ansatzweise ironisch gebrochenen Impuls heraus, mehr und mehr in eine Art Ambient-Version gotteslästerlicher Krachmusik verwandelt.

Definiert man Ambient als Musik zur Ausgestaltung klanglicher Räume, wäre der Raum, den Hecker mit "Konoyo" eingerichtet hat, eine Kirchenruine. In der Krypta ist seit Tagen ein japanisches Orchester-Ensemble eingeschlossen. Und auf dem angekokelten Altar spielt ein DJ auf einem sehr guten Pilztrip mit einem unerschöpflichen Archiv von Samples (ein Teil davon vom japanischen Orchester) sowie allerlei krausen Klängen - und vertont damit alles, was ihm gerade so ins Gehirn schießt.

Was dem ersten Eindruck nach überbordend und chaotisch anmutet, ist in Wahrheit streng kontrolliert. Die Tracks beziehen ihre Intensität nicht primär aus der schieren Lautstärke, die es braucht, damit sie sich ganz entfalten können. Hecker baut seine Musik vielmehr so, dass kleine Verschiebungen in der Schichtung der verschiedenen Stränge maximale Wirkung bedingen - was man realisiert und spürt, wenn man genau zuhört. In diesem Sinne entspricht das ästhetische Prinzip von "Konoyo" dem der vorangegangenen Tim-Hecker-Veröffentlichungen allerspätestens seit 2013: Als Hintergrund taugt dieser Ambient gar nicht mehr. Wer sich nicht einlässt und auch das Befremdliche, Nervtötende und Irritierende mit offenem Herzen in sich aufnimmt, kriegt am Ende schlicht nichts mit von dieser Musik, die in ihrem immersiven Impetus nichts neben sich duldet. (8.0) Benjamin Moldenhauer


Lil Wayne - "Tha Carter V"
(Young Money/Universal, seit 27. September)

Vergangenen Freitag war die sprichwörtliche Pistole auf der Brust von US-Rapper Lil Wayne geladen und entsichert: Sechs lange Jahre steckte sein neues Album wegen allerhand (Rechts-) Streitigkeiten in der Pipeline fest. Das ließ natürlich die Erwartungen überkochen und führte geradewegs in eine Sackgasse, aus der im Grunde nur zwei Szenarien führten: Entweder sein zwölftes Album würde ein spätes, definitives Meisterwerk. Oder eben der Anfang von Waynes Umzug auf die Resterampe.

Um es gleich aufzulösen: "Tha Carter V" ist beides. Zunächst einmal bietet die Platte so ziemlich alles, was man von einem Hip-Hop-Album im Jahr 2018 erwartet: Auf Spielfilmlänge frühstückt Wayne jeden Stilfurz der letzten Dekade ab. Sedierter Trap, bassschwere R&B-Balladen, Rock-, Emo-, Reggae- und Latin-Einflüsse? Genug für alle da. Wüsste man es nicht besser, könnte man "Tha Carter V" für einen Best-of-Mix halten.

Aber wem, wenn nicht Lil Wayne, stünde eine so ausgedehnte Ehrenrunde zu? Denn seien wir ehrlich: Der 36-Jährige ist schlicht eine der wichtigsten Persönlichkeiten der letzten zehn Pop-Jahre, eine Art James Brown der Glasfaser-Generation. Drakes Erfolg, ein Rap-Weirdo wie Young Thug, Kendrick Lamars scharfe Gesellschaftsporträts… selbst Autotune-Rap wäre ohne den Mann aus New Orleans nicht denkbar gewesen.

ANZEIGE

Dennoch wäre es falsch, "Tha Carter V" nur auf alte Meriten zu reduzieren. Denn das Album rechnet über weite Strecken präzise vor, welche Qualitäten Wayne über die Jahre ausgemacht haben. Er reimt schwerelos über progressive Beats, verbiegt Reim- und Versmaße wie kaum ein anderer - und klingt damit weiterhin origineller als das Gros seiner Konkurrenz.

Obendrein öffnet er nun auch noch seine Seele, um zu zeigen, zu welchem Preis der ganze Erfolg erkauft wurde: "Livin' in the spotlight, twistin' life up when it's blinking/ I'm never alone, I got my demons and my angels/ Can't talk to myself, 'cause mama said don't talk to strangers", rappt er etwa in "Famous", einem Duett mit seiner Tochter Reginae Carter - und bringt damit die Scheinwelt, in der er sein halbes Leben verbracht hat, wunderbar auf den Punkt.

Klingt so ein Abgesang? Womöglich, wenn auch ein äußerst würdevoller. Aber ein Meisterwerk? Höchstens, wenn man acht der 23 Songs wieder gestrichen hätte. (7.8) Dennis Pohl

Roosevelt - "Young Romance"
(Greco Roman/City Slang, seit 28. September)

Roosevelt ist verliebt in taghellen Pop, der vor vielen Jahren nachts in der Disco geträumt wurde: Leichte Funkgitarren und Perkussions-Instrumente mit Rasseln sitzen auf dem Schlag. Dazwischen schaukeln Bässe und analoge Synthies, bis, Aaah!, der Beat verschwindet und ein Keyboardsignal wie aus greller Zuckerwatte zur kurzen Pause ruft. Alle raus an den Strand jetzt, den ein Retro-Filter in das Licht der Erfahrung taucht. Die discofizierte Kopfstimme singt zwar von ungelungener Liebe. Aber hey, da ist das Meer, dort steht die Sonne: Dazwischen ist alles möglich. Willst du mit mir gehen?

Marius Lauber heißt der 27-jährige Rheinländer hinter Roosevelt, der erneut auf dem englischen Label von Hot Chips-Joe Goddard veröffentlicht und viel außerhalb Deutschlands tourt. Der Titel seines zweiten Albums "Young Romance", klingt ironisch nach Schulhof- oder Erstsemester-Gefummel. Doch Laubers Liebe zielt auf die Musik. Hatte er sein Debüt vor zwei Jahren noch im Alleingang eingespielt (zu unserer Verblüffung), reiste er nun dahin, wo ein Pop-Romantiker wie Roosevelt hingehört: Kalifornien! Da fragt keiner, ob das ein politisches Album sei und wie man damit bitte schön die Einkommensschere in den Griff kriegen soll.

Mit Ernest Greene alias Washed Out hat Roosevelt einen weiteren Liebhaber des Ozeanischen als Kollaborateur für einen Song gefunden. Zwei Seelenverwandte, die wissen, dass kein Gefühl groß genug sein kann, kein Blick weit genug in die Ferne schweift: out there, dude. So verliert man sich und der Urlaub vom Selbst kann endlich beginnen. "Am I losing myself?", heißt es in der Single "Under the Sun". Einzig Liebe ist die Droge, an die wir dabei denken, liebe Jugendliche, sonst nichts!

"Young Romance" ist eine erwachsene Erinnerung daran, wie kontrollierter Emo-Exzess geht. Auch wenn etwa "Illusions" mehr Popzucker auf das Pausenbrot streut als andere Tracks, sucht Lauber im Kern immer denselben perfekten Song. Das ist ein schönes, fast altmodisches Projekt, weil es viel Sorgfalt anwendet und die Popmeisterschaft anstrebt. Allerdings sind da, besonders, in "Yr Love", manchmal Coldplay nicht mehr weit. (7.0) Tobi Müller

Various - "Goosebumps - 25 Years of Marina Records"
(Marina, seit 28. September)

Wer ein Marina-Album zuhause im Regal hat, weiß, was für edel designte Liebhaberstücke die Hamburger Labelmacher Stefan Kassel und Frank Lähnemann in den letzten 25 Jahren hergestellt und veröffentlicht haben: den Beach-Boys-Coversampler "Caroline Now!" zum Beispiel, das verschollen geglaubte Shack-Album "Waterpistol" oder die erste, umwerfende Pearlfishers, die tolle Jazzateers-Platte "Sixteen Reasons", und, und, und.

Kennen Sie alles nicht? Macht nichts. So wie Ihnen geht es vielen, denn die Musik, die in den Eimsbüttler Wohnbüroräumen für Marina Records ausgesucht und sorgfältig betreut wurde, war immer etwas für Spezialisten. Wie die 1992 Hals über Kopf zu Labelbetreibern gewordenen Pop-Fans Kassel und Lähnemann, die Sehnsucht nach dem von süßen Sixties-Melodien und Motown-Soul infizierten New-Wave-Pop aus England und Schottland hatten, den einst Bands wie Orange Juice, Pale Fountains oder Aztec Camera gespielt wurden. Viele dieser Veteranen fanden eine neue Heimat bei Marina.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Nachhören kann man das nun alles noch einmal auf dem Doppelalbum "Goosebumps", das nicht nur ein Best-of aus einem Vierteljahrhundert Label-Geschichte und ein paar süße Goodies bietet, sondern gleichzeitig, umso bitterer, das Ende der kleinen, feinen Plattenfirma einläutet: Denn Nischenpflege und Spezialistentum, verpackt in schönstes Cover-Design, ist in Zeiten von Playlisten und Streaming-Flatrates leider kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr für die beiden Marina-Macher, denen es ohnehin nie ums Geldverdienen ging, sondern um Pop und Ästhetik und die Freude an gefühlvoller, herzerwärmender Musik. Es wäre natürlich schön, wenn die Welt sie dafür mit Geld überschüttet hätte. Hat sie aber nicht.

Sie können das nun zumindest ein bisschen wieder gut machen, indem sie "Goosebumps" kaufen, auf CD, als Download oder - sehr limitiert - natürlich auch auf Vinyl. "'Finish your tea, my precious', called Marina", wird am Rand aus Nabokovs "Ada oder das Verlangen" zitiert. Wir nippen lieber noch genüsslich ein bisschen weiter. (ohne Wertung. Ist toll!) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
flow-tschi 02.10.2018
1. Belanglos,
langweilig oder nicht hörbar... schade, hier gabs mal richtig gute Musik zu hören...
sekundo 05.10.2018
2. So wird das gemacht!!
Im "Tagesspiegel" gibt es eine Rezension zum neuen Album von Cat Power. Die sollte Herr Borcholte dringend lesen. Da wird doch tatsächlich, man höre und staune, auf musikalische Aspekte eingegangen und nicht soziologischer Firlefanz hineingewürgt!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.