Virtuose Violinen: Per Facebook zur Staatskapelle

Von

Virtuose Violinen: Ein Live-Date dank Facebook Fotos
J Henry Fair

Wenn Geigen nicht flüstern, sondern auftrumpfen, klingen sie wie bei Catherine Manoukian und Leonidas Kavakos. Ob Elgar oder Beethoven, explosiv und frisch muss sein. Da tönt auch vermeintlich Bekanntes ganz unerhört.

Wenn kultivierte Herrschaften wie die in der britischen Serie "Downton Abbey" dargestellten seinerzeit ins Konzert gingen, dürften sie vielleicht Werke ihres Landsmanns Edward Elgar (1857-1934) goutiert haben. Und der hat mehr zu bieten als nur immer "Pomp and Circumstance"! Sein monumentales Violinkonzert op. 61 zum Beispiel, 1910 uraufgeführt, hätte bestens als Soundtrack für die Aristokraten-Saga der BBC gepasst. So etwas wie Brahms auf Britisch, riesengroße Form und dazu fein arrangierte, spätromantische Melodienfülle auf 50 Minuten Spieldauer ausgebreitet. Das hat imperialen Zuschnitt.

Verständlich, dass sich nicht jeder Violinvirtuose an diesen technisch anspruchsvollen Schinken herantraut. Die kanadische Geigerin Catherine Manoukian, Jahrgang 1981, pirscht sich heran, denn sie verfügt über die Technik, die sie anscheinend mühelos auch über die Marathon-Distanz des Elgar-Konzertes trägt. Die Töne einer Nachtigall auf Adlers Schwingen. Dazu hat sie sich wunderbare Unterstützung durch die Staatskapelle Weimar geholt.

"Es war die reine Freude, mit der Staatskapelle zu arbeiten", sagt Manoukian, "Stefan Solyom, den Dirigenten, stellte mir ein gemeinsamer Freund, der Cellist Alban Gerhardt, vor. Er meinte, wir hätten denselben Humor! Wir chatteten dann über Facebook und stellten fest, dass wir auch dieselbe Tempo-Vorstellung vom zweiten Satz des Sibelius-Konzertes hatten. Also wollten wir es mal konzertant gemeinsam probieren." Versuch gelungen, allerdings nicht mit Sibelius.

Keine Furcht vorm Risiko

Den Spannungsbogen des Elgar-Konzertes halten Orchester und Solistin bei ihrer Aufnahme überaus sicher, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass Elgars Werk als Konzertmitschnitt aus der "Weimarhalle" realisiert wurde. Lebendig pulsierendes "Hier und jetzt"-Gefühl, dazu eine Prise Risiko und Spontaneität, all das konnte dem gefürchteten Werk nur gut tun.

Manoukian ist eine Virtuosin mit Verstand und Sinn für Proportionen. "Wenn ich mich für bestimmte Kompositionen entscheide, hat das meist etwas mit meiner Biografie zu tun", berichtet sie, "Angst und Dunkles sind für mich derzeit passé, das Elgar-Konzert repräsentiert für mich Optimismus, der aber nicht naiv ist, sondern aus Selbstbewusstsein und Erfahrungen erwachsen ist. Das wird in dem Konzert sanft, kraftvoll und zuversichtlich dargestellt." Gut getroffen, Frau Manoukian: Das hört man.

Bereits 1491 wurde die Staatskapelle der Goethe-Stadt Weimar gegründet. Tradition gehört also zum Profil des Orchesters, das seit 2009 vom jungen schwedischen Dirigenten Stefan Solyom geleitet wird, der auch als musikalischer Direktor des Nationaltheaters fungiert. Die Violinistin Manoukian, geboren in Toronto, ausgebildet in New York, trat bisher hauptsächlich in den USA, Japan und Kanada auf und brachte fünf CDs mit ungewöhnlichem Repertoire heraus - Violintranskriptionen von Chopin-Werken oder dem Konzert von Aram Khachaturian.

Beethovens Kreuzersonate, trotzig vorgetragen

Bodenständiger - allerdings nur in Sachen Repertoire - präsentiert sich der griechische Violinvirtuose Leonidas Kavakos (1967 in Athen geboren) mit seiner neuen CD-Box: Alle Beethovenschen Violinsonaten am Stück, bekanntes Terrain, viel illustre Konkurrenz im Katalog. Dass sich das Unternehmen trotzdem gelohnt hat, hört man schnell. Einfach das Flaggschiff, die "Kreutzersonate" op. 47 von 1802 antesten und tief durchatmen, es folgt eine steife, gar nicht mediterrane Brise.

So, wie Kavakos hier mit trockenem, fast trotzigem und dennoch sensibel austariertem Ton zur Sache geht, keine Dramatik scheut und dennoch sicher formt und kühl gestaltet, das raubt einem den Atem. Er verzichtet auf allzu virtuoses Effekt-Gehabe, bietet aber doch einen eigenen Ton, mit dem er hörbar macht, was Leo Tolstoi zu seiner tief philosophisch-ethischen Erzählung inspirierte. Und so machen auch die unspektakulären Stücke wie op. 12/2 Spaß, denn auch hier entgeht Kavakos' feingliedrigem Spiel keine Nuance. Es ist eine Freude - und die hat noch einen Grund.

Denn natürlich kann dieser dichte Eindruck nur gelingen, wenn man einen guten Partner hat. Da steht Kavakos mit dem Italiener Enrico Pace ein versierter und vor allem gleichberechtigter Pianist zur Seite, der so virtuos und kundig zugreift, dass der dürre Begriff "begleiten" völlig irreleitet. Pace musizierte auch bereits mit dem deutschen Geiger Frank Peter Zimmermann und ist ein viel gebuchter Gast auf internationalen Podien. Mit einem aus solchem Fundus bestückten Beethoven-Programm könnten beide zu den Abräumern der Konzertsäle werden - denn Kammermusik ist nach den aktuellen Débussy-Erfolgen der Damen Gabetta und Grimaud wieder angesagt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Goethestadt 1491?
Hugh 26.01.2013
Zitat von sysopWenn Geigen nicht flüstern, sondern auftrumpfen, klingen sie wie bei Catherine Manoukian und Leonidas Kavakos. Ob Elgar oder Beethoven, explosiv und frisch muss sein. Da tönt auch vermeintlich Bekanntes ganz unerhört. Catherina Manoukian Leonidas Kavakos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/catherina-manoukian-leonidas-kavakos-a-879448.html)
Ein schöner Artikel, ich werde mir die CD der jungen Dame wohl kaufen müssen. Ich weiß ja, gute Musik, brillant vorgetragen, kann einen ziemlich abheben lassen, aber das ist doch schon sehr, sehr lustig, 1491 war Goethe noch nicht mal auf der Welt. Wie soll es da eine Goethestadt gegeben haben? ;-)
2. kein Wunder
horstma 26.01.2013
"...Er meinte, wir hätten denselben Humor! Wir chatteten dann über Facebook und stellten fest, dass wir auch dieselbe Tempo-Vorstellung vom zweiten Sibelius-Konzert hatten. Also wollten wir es mal konzertant gemeinsam probieren." Versuch gelungen, allerdings nicht mit Sibelius." Kein Wunder, denn ich wüsste nicht, daß es irgendein zweites Konzert von Sibelius gibt. Er hat es, zum Glück, bei einem Violinkonzert belassen.
3.
sysop 27.01.2013
Zitat von horstmaKein Wunder, denn ich wüsste nicht, daß es irgendein zweites Konzert von Sibelius gibt. Er hat es, zum Glück, bei einem Violinkonzert belassen.
Lieber User horstma, natürlich haben Sie Recht, es gibt natürlich nur ein Konzert von Sibelius. Ein Fehler in der Übersetzung, wir bitten dies zu entschuldigen. Danke sysop
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Klassik/Jazz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
CD-Tipps


Facebook