Songwriter Caetano Veloso Raus aus der Weltmusik-Schmuddelecke!

Der Brasilianer Caetano Veloso gilt daheim längst als Legende. Im Rest der Welt verstauben seine Platten in der Weltmusik-Ecke. Nun verneigen sich coole Hipster wie Beck, Devendra Banhart und The Magic Numbers auf einer Tribut-CD vor Velosos Kunst.

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Die "New York Times" kürte den Brasilianer Caetano Veloso vor einiger Zeit zu einem der "großartigsten Songwriter des Jahrhunderts: einem Meister der Melodien, einem Lyriker, der surreale Vorstellungskraft mit einem Gespür für Historie verbindet". Also zu einem Künstler auf Augenhöhe mit Bob Dylan, John Lennon und Paul Simon. Wumms! Der so beklatschte Musiker konnte sich gar nicht vorstellen, dass Menschen, die des Portugiesischen nicht mächtig sind, an seinen Songs überhaupt interessiert sein könnten, wie er in Interviews immer wieder sagte.

Inzwischen hat dieser Titan der brasilianischen Musik allerdings mitgekriegt, dass in den letzten Jahren immer mehr Kollegen aus aller Welt seinen Songs Beachtung schenkten. Er fand seinen Namen auf Dankeslisten von CD-Hüllen angesagter Bands wie Animal Collective, trat mit Talking-Heads-Mann David Byrne in New York auf und tauschte sich mit amerikanischen Wilden wie Beck und Devendra Banhart aus - deren Abenteuerlust ihn an seine jungen Jahre erinnerte.

Da passt es, dass sich einige dieser Verehrer aus Anlass von Velosos 70. Geburtstag auf der CD "A Tribute To Caetano Veloso" ehrfürchtig verneigen. Neben Beck und Banhart führen da so unterschiedliche Könner wie die Britpopper The Magic Numbers, die Pretenders-Chefin Chrissie Hynde und aufstrebende junge Brasilianer wie Céu und Seu Jorge eine angemessen eklektische Auswahl an Songs des Jubilars auf. Dass sich das, am Stück angehört, herrlich harmonisch ineinander fügt, unterstreicht den Charme dieser Liedsammlung.

Chansons neben Alpenbläsern und japanischen Trommlern

Berühmt, zumindest in Brasilien, wurde der 1942 in Bahia geborene Veloso, Ende der sechziger Jahre als einer der führenden Köpfe der Tropicalia-Bewegung. Einer Szene, die damals die in Schönheit erstarrte Bossa-Nova-Welt ablöste. Tropicalia war ein flirrender Mix aus Bossa, Psychedelic, Kunst-Rock, Politik und Poesie; eine Musik, die bis heute frisch und herausfordernd klingt. Weil das der damals amtierenden Militärregierung nicht geheuer war, wurden Veloso und sein Mitstreiter Gilberto Gil erst inhaftiert und dann nach London ins Exil abgeschoben. Nach zwei Jahren kehrte Veloso nach Hause zurück und stieg mit immer neuen furiosen Alben zum Klassiker auf.

Trotz all des Lobes ist er außerhalb der Heimat eine Art Geheimtipp geblieben. So wird auch diese feine Tribut-CD vermutlich jenseits von Brasilien in den Weltmusik-Ecken der Plattenhändler und Feuilletonisten versteckt und begraben werden. Weltmusik ist ein unsinniger Begriff, der alles und nichts bedeutet. In englischen oder amerikanischen Plattenläden findet man in der Abteilung schon mal Chansons neben Alpenbläsern und japanischen Trommlern. In Deutschland ist es nicht besser.

Aber wenn man so will, bietet Caetano Veloso tatsächlich Weltmusik: Songs, die auf der ganzen Welt gehört werden sollten.


Diverse: A Tribute to Caetano Veloso. Universal.



insgesamt 17 Beiträge
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Christofkehr 24.08.2012
1. was soll denn das?
"So wird auch diese feine Tribut-CD vermutlich jenseits von Brasilien in den Weltmusik-Ecken der Plattenhändler und Feuilletonisten versteckt und begraben werden. " Herr Autor, zählt für Sie nur der kommerzielle Erfolg? Sollten wir den Plattenhändlern (die gibt es ja kaum noch) und den Feuilletonisten nicht dankbar dafür sein, dass sie unbekannte Musiker "ausgraben"? Ich fürchte, in Ihrem Weltbild verkommt die Kultur zur Casting-Show .....
Manollo 24.08.2012
2. Brasilien braucht sich musikalisch vor keinem Land zu verstecken
Zitat von sysopAPDer Brasilianer Caetano Veloso gilt daheim längst als Legende. Im Rest der Welt verstauben seine Platten in der Weltmusik-Ecke. Nun verneigen sich coole Hipster wie Beck, Devendra Banhart und The Magic Numbers auf einer Tribut-CD vor Velosos Kunst. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,851715,00.html
...auch nicht vor den USA. Caetano Veloso, Gilberto Gil, Milton Nascimento, João Bosco und Chico César haben umwerfend faszinierende Pop-Musik geschrieben. Die 1982 verstorbene Elis Regina hatte eine gigantische Stimme und Musikalität. Maria Bethânia, Daniela Mercury, Badi Assad und Marisa Monte stehen da kaum nach. Alleine die Sprache verhindert, dass diese MusikerInnen weltweit berühmt werden. Der brasilianische Scott Joplin hieß Ernesto Nazareth und schrieb "Choros", die in puncto Swing und Vitalität kaum hinter dem Ragtime zurückbleiben. Der Komponist Villa-Lobos war genauso fantasievoll wie Debussy oder Strawinsky. Das Land hat grandiose Pianisten wie Nelson Freire hervorgebracht und geniale Gitarristen wie Baden Powell, die Gebrüder Assad, Marco Pereira und Paulo Bellinati. Doch leider gilt die Kunst der sogenannten Dritten Welt zumeist weniger als die der USA oder Europas, was sich wohl erst allmählich ändern wird.
redaktionär 24.08.2012
3. optional
Dass den hierzulande nur eine kleine Gruppe von Musik-Connoisseurs kennt, ist eigentlich sehr schade. Kleiner Anspieltipp für Leute, die sich mit Tropicalia und Bossanova schwertun: "Burn this House" im Duett mit Lila Downs aus dem "Frida"-Soundtrack. Dann leuchtet einem ein, dass das nicht einfach das Talent des Songwriters ist, sondern auch eine Stimme, die seinesgleichen sucht.
Clemens Grün 24.08.2012
4. Schön, dass die SPON-Redaktion...
...auch mal wieder über ihren sonst recht engen popkulturellen Horizont hinausblickt, aber warum ausgerechnet Weltmusik aus der "Schmuddelecke" kommen soll - einem Synonym für Verschlagenes, Anrüchiges, Skandalöses - bleibt des Autors Geheimnis. Wobei offen bleibt, ob es sich dabei nur um eine Stilblüte handelt oder seiner fehlenden Kenntnis des wichtigsten Impulsgebers der Popmusik in den letzten 50 Jahren geschuldet ist. Als hätte es die Welterfolge von Paco de Lucia, Sergio Mendes, Miriam Makeba, Goran Bregovic oder des Buena Vista Social Clubs nie gegeben. Übrigens auch nicht die Spätphase der Beatles. Oder womöglich meint Herr Dallach Shakiras Hüftschwung? Fragen über Fragen...
Ketamo 24.08.2012
5.
Wer Caetano Veloso nicht kennt, hat die Welt verpennt! !! Feliz aniversário atrasado grande mestre!!!
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