Kammersextett Berlin Counterpoint Techno, aber presto!

Frische Musik-Brise aus der Hauptstadt: Das internationale Sextett Berlin Counterpoint vereint versierte Solisten und mixt Klassisches mit Avantgarde. Wer wagt, gewinnt, auch wenn der schrille Cocktail schwindlig macht.

Carola Schmidt

Von


Gründerzeit in Sachen Musik-Teams! Selten gab es so viele neue Klassik-Formationen, vor allem aber Kammerensembles, die erlebenswerte Werke darbieten. Nicht jeder Musiker, der seine Ausbildung erfolgreich absolviert hat, kann oder will Mitglied eines bestehenden Orchesters werden - warum also nicht die eigene "Band" zu individuellen Bedingungen gründen?

So schlossen sich auch die sechs Musikerinnen und Musiker des Berlin Counterpoint zusammen: junge, internationale Bläser-Solisten (fünf Bläser plus Piano) mit individuellem Background, die gemeinsam Neues entdecken wollen. Und dennoch die Meister nicht verachten. Beethoven und Techno? Warum nicht!

Gut, die "Techno Parade" vom französischen Komponisten Guillaume Connesson ist eine gewiefte Adaption rhythmischer Strukturen, die den genretypischen Groove verfremdet und für die Ensemblebesetzung neu montiert. Die konträren Einflüsse von Olivier Messiaen, Steve Reich und John Adams bis hin zu James Brown, die Connesson für sich reklamiert, sind spürbar, aber nicht dominant. Dennoch verblüfft die schlüssige Verarbeitung der Dance-Muster mit den Mitteln der klassischen Instrumentierung: Der Rhythmus hat Biss, das melodische Geflecht wird mit repetitivem Puls grundiert - und der Name des Ensembles bleibt auch hier Programm.

Der Rhythmus hat Biss

Counterpoint (Kontrapunkt) markiert im übertragenen Sinn eine wichtige Idee, die die sechs Mitglieder verbindet: Verschiedene kulturelle Backgrounds und Erfahrungen sollen sich ergänzen, eigenständige Melodien sich zu einem harmonischen Erlebnis verknüpfen. Aus Rumänien, der Türkei, Deutschland, den USA, England und Slowenien kommen die sechs Berlin Counterpoints, die sich in der Hauptstadt trafen und feststellten, dass sie viel gemeinsam haben. Unter anderem die Lust auf musikalische Abenteuer. Dass Berlin viele junge Künstler anzieht und daher eine vielfältige kreative Szene besitzt, ist ein alter Hut. Wenn aber so quirlige Truppen wie das East Side Oktett oder eben die jungen Wilden vom Berlin Counterpoint dieses Versprechen mit Leben erfüllen, strafen sie das Klischee der vergreisenden Klassikszene Lügen.

Als Kompetenzausweis ihrer CD spielen die Counterpoints sicherheitshalber auch Ludwig van Beethovens Quintett für Klavier und Bläser op. 16, ein selbstbewusstes Jugendwerk. Davor erfrischte als Aufgalopp Francis Poulencs "Sextuor" die Sinne, ein Soundtrack für eine morgendliche Joggingtour, kühl, kantig, sportlich. Danach hat man sich den elegant-stürmischen Beethoven verdient, der einen wieder regelmäßig atmen lässt. Von Mozart inspiriert, aber deutlich mit trockenen Akzenten durchsetzt, hat der Youngster Beethoven hier schon Eigenes im Sinn. Perfektes Spielmaterial für ein temperamentvolles Team wie die Berliner Kontrapunktisten.

Aufgalopp mit Poulenc und Beethoven

Seit der Gründung 2007 hat sich das Ensemble bereits einen guten Konzert-Ruf erspielt und mit seiner Verbindung aus technischem Können und Enthusiasmus stets überzeugt. Andrej Zust (Horn), Heidi Mockert (Fagott), Sacha Rattle (Klarinette), Zeynep Özsuca (Klavier), Viola Wilmsen (Oboe) und Aaron Dan (Flöte) machten auch in diesem Sommer wieder die Festival-Runde zwischen Rheingau, Brandenburg und Bonn, aber auch Bulgarien und Rumänien standen auf dem Tourplan. Man agiert stets als kreatives Kollektiv, daher liebt es Klarinettist Sacha Rattle nicht unbedingt, auf seinen Vater Sir Simon angesprochen zu werden, aber was soll's: Es gibt schlimmere Bürden für einen Künstler als einen prominenten Erzeuger. Umso mehr, wenn die eigenen künstlerischen Früchte so offensichtliche Qualitäten besitzen. Getreu dem Motto, dass ein Ensemble außer den technischen Qualitäten konzeptionell etwas bieten muss, schreiben Berlin Counterpoint auch eigene Werke: bloß keine Routine.

Flötist Aaron Dan, 1981 in Rumänien geboren, schrieb ein neues Arrangement von Richard Strauss' "Till Eulenspiegel" für die Sextett-Besetzung, und aus dem Experiment wurde mehr als nur ein feiner Gag. Strukturelle Neuvermessung eines Klassikers mit eigenen Pointen: Auch das gehört zum Programm des Berlin Counterpoint. Immer für eine Überraschung gut.


CD-Angaben:
Berlin Counterpoint: Works by S. Barber, L. van Beethoven, G. Connesson u.a. Berlin Counterpoint, Woodwind Quintett and Piano. Genuin/Note 1; 19,99 Euro.



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miyu 19.10.2014
1. Horn?
Schoener Artikel ueber eine interessante Formation, nur ist ein Horn doch leider kein Holzblasinstrument. :)
Tamaji 19.10.2014
2. Berlin = Techno
Sind sich die Berliner eigentlich bewusst, dass das viel bemühte Rezept "XYZ + Techno = Neu und aufregend" so abgeschmackt und vorhersagbar ist, dass es schon die Pointe von ebenfalls nicht mehr ganz frischen Witzen ist? Techno ist schon 20 Jahre vorbei.
Uzala 19.10.2014
3.
Dann doch lieber konsequent Techno oder konsequent Klassik. Das da wirkt wie ein Basecap auf einer mittelalterlichen Totenfigur, nämlich eher nicht. Und Techno ist nur für diejenigen vorbei, die alle paar Jahre denken, sie könnten mal schnell n bisschen Kohle damit machen. Alle anderen sehen den nächsten 20 Jahren entspannt entgegen. :)
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