CD-Edition "World Tour", Teil 12 Nouvelle Vague des Chansons

Pop aus Frankreich: Das klang lange nach Piaf-Klageliedern und Pornogestöhne von Serge Gainsbourg. Wie gut, dass junge Künstler die Grande Nation mit neuen Ideen aufmischen. Zu hören auf "Chanson Nouvelle", der 12. Ausgabe der KulturSPIEGEL-Edition "World Tour".


Die Franzosen haben tolle Landschaften und schöne Frauen, das beste Essen und die besten Weine der Welt, da sei es doch tröstlich, dass sie wenigstens in einer Hinsicht zuverlässig nur Katastrophales zu Stande brächten: Ihre Popmusik sei ein Fiasko. So stand es zumindest vor ein paar Jahren in der US-Zeitschrift "New Yorker" geschrieben.

Allerdings gilt das in Zeiten der allgemeinen Pop-Globalisierung nicht mehr. Paris ist längst als Pop-Metropole so en vogue wie London oder Los Angeles. Und es ist auch klar, dass all die jungen Franzosen, die seit einigen Jahren die Welt der Feuilletons und Hitparaden erobern, nicht Teil einer schnelllebigen Mode sind, sondern die Substanz haben, beständig frische und aufregende Musik zu liefern.

Dabei schien es ewig Gesetz, dass der Ruhm französischer Pop-Helden nur bis zur Landesgrenze Bestand hat. Denn so sehr man in Frankreich auch die eigenen Stars über den grünen Klee lobte, so wenig beeindruckte das irgendwen im Rest der Welt. Wofür der junge Chansonnier Benjamin Biolay durchaus Verständnis zeigte, als er zu Protokoll gab, dass den alten Franzosenliedern leider der abgestandene Geruch kalten Gauloises-Rauchs anhänge. Gemeint waren – Sakrileg! – die ganzen betagten Klagelieder von Georges Brassens, Edith Piaf (und Jacques Brel, ein Belgier, der Frankreich kurzerhand zugerechnet wird) und Konsorten.


Der bis heute inbrünstig verehrte Großmeister des coolen Chansons ist natürlich Serge Gainsbourg. Dessen Skandal-Porno-Hit "Je t’aime ...moi non plus" mit der aus London zugereisten Jane Birkin wirbelte 1969 auch viele Hitparaden jenseits des französischen Hoheitsgebiets auf. Ja, selbst der Papst verdammte das Meisterwerk sehr werbewirksam als Schmutz! Jenseits der Heimat ist der Exzentriker Gainsbourg ein One-Hit-Wonder geblieben, in Frankreich trauern sie ihm immer noch nach.

Chanson-Feen wie Françoise Hardy oder France Gall probten den Auslandserfolg einst, indem sie ihre Hits auch auf Deutsch, Englisch oder Italienisch für fremde Märkte trällerten.

Woher der Kreativschub kam, der vor einigen Jahren in die französische Popmusik fuhr, ist schwer zu sagen. Experten führen die Talentexplosion rund um Paris unter anderem darauf zurück, dass der französische Staat eine Quote einführte, die festlegt, dass im Radio ein garantierter Anteil an französischen Produktionen gespielt werden muss. Seitdem sorgen so unterschiedliche junge Könner wie Air, Bertrand Burgalat, Vincent Delerm, Keren Ann, Benjamin Biolay, Jeanne Cherhal und viele, viele mehr im In- und Ausland für Aufsehen.

Deren Motivation erklärt sich Hubert Blanc-Francard, die glatzköpfige Hälfte des Electro-Wumms-Duos Cassius so: "Es gab schon immer eine grandiose Songwriter-Tradition in Frankreich. Aber um ehrlich zu sein: Ihr größter Einfluss auf uns ist, dass wir uns so weit wie möglich von ihrem Erbe entfernen. Denn sollten wir ihnen nacheifern, würden wir im Rest der Welt unbekannt bleiben."



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