CD-Kritik Björk: "Homogenic"

Elegisches Polareis: Der düstere Grundton erhellt sich kaum auf Björks emotional radikaler Songkollektion.

Von Klaus Winninger


Ihre einzige Heldin, sagt die 31jährige isländische Sängerin, sei ihre Großmutter. So hat sie die Verbindung zu ihrer isländischen Heimat, zu deren Geistes- und Gefühlswelt nie gekappt. Und doch schwört Björk auf nichts mehr denn auf Modernität und Innovation. Mit jeder neuen Platte will sie eine neue, noch nie gehörte Musik kreieren: das ist ihr mit ihrem dritten Soloalbum "Homogenic" einmal mehr gelungen.

Vor den Aufnahmen dieser CD erstellte sie ein simples musikalisches Konzept: auf einem Kanal sollten die massiven, lauten, verzerrten High-Tech-Beats des britischen Frequenzterroristen Mark Bell (vom Techno-Duo "LFO") zu hören sein, auf dem anderen die symphonischen Streicherarrangements des "Icelandic String Octet". Und in der Mitte allein Björks Stimme. Konsequent durchgehalten hat sie den Plan nicht. Am Boden poltern zwar die Computer-Beats, als ob man das Knistern und Krachen des Polareises aufgenommen und durch eine elektronische Mangel gedreht hätte. Und darüber schweben die elegischen, isländischen Streicher, die ihre Schatten auf Björks emotionale Landschaften, auf die gebrochenen Herzen und bloßliegenden Nervenbahnen werfen. Doch dazwischen dröhnen heftig pumpende Bässe, oszillieren schrille Elektrogeräusche, schunkelt auch mal ein Akkordeon. Und im großen Finale von "All Is Full Of Love" fehlen die fulminanten Beats zur Gänze, die auf ersten Proben aus Björks Klanglabor noch zu hören waren. Wie das?

Diese beatfreie Zone ist nicht die einzige Änderung gegenüber der Vorabkassette, die Björks Plattenfirma letzten Sommer herausgab. Neben Titeländerungen bei vier Songs, einer Neuordnung der Songreihenfolge und einigen deutlich veränderten Abmischungen fehlt mit "So Broken" ein, wenn nicht sogar das Kernstück von "Homogenic". Zur Begleitung zweier melancholischer Flamenco-Gitarren läßt Björk in "So Broken" (jetzt zu hören auf der Singleauskopplung "Joga") ihre Stimme und wunde Seele Amok laufen: "My heart is so broken / completely unhealable." Ein dramatischer Abschluß des härtesten Jahres in Björks Leben und Karriere, das auch in den restlichen Songs von "Homogenic" skizziert beziehungsweise durchleuchtet wird.

Da waren die rasch wechselnden Affären mit namhaften Musikern wie Tricky und Goldie, die in Streit und Tränen endeten, und mit denen Björk in Songs wie "Immature" ("How could I be so immature / to think he would replace / the missing elements in me") abrechnet. Dazu kam die Jagd der Regenbogenpresse auf die Sängerin, die Björk dazu brachte, auf dem Flughafen von Bangkok eine Journalistin zu verprügeln, die ihren elfjährigen Sohn belästigte. Und zuletzt wurde Björk Adressatin einer Paketbombe eines irren amerikanischen Fans, der zu Björks Musik vor laufender Videokamera Selbstmord verübte. Was für ein Alptraum. Björk floh nach Spanien, wo sie an den neuen Liedern arbeitete.

"Homogenic" ist Björks musikalisch und emotional radikalste Songkollektion und ihre beste. Von Björk größtenteils allein komponiert und getextet und erstmals auch in Eigenregie produziert. Vorgetragen von einer ungemein leidenschaftlichen Stimme. Gipfelnd im wunderbaren Liebeslied "Bachelorette", das von dramatischen James-Bond-Streichern emporgetragen wird: "I'm a tree that grows hearts / one for each that you take." Im Herbst 1997 hängt für Björk der Himmel wieder voller Geigen.

Björk: "Homogenic" (Mother Records/Polygram)



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