CD-Kritik Cucumber Men: "Turbo"

Spaß und Baß: Klar können Weiße funky sein - aber auch, wenn sie deutsch singen? Die drei Pinneberger probieren es.

Von Fiete Stegers


Stromgitarren an, einmal durch den Verzerrer gejagt und dann los, mit viel Baß. Das kennen wir von den Chili Peppers, aber die drei Pinneberger machen ihre Sache auch nicht schlecht. Neben den Sockenträgern aus Los Angeles hört man auch Altmeister Hendrix als Vorbild raus.

Dann der Augenblick der Wahrheit: Justin Balk erhebt die Stimme, und er will nicht schreien oder zum Sprechgesang ansetzen, sondern richtig singen. Wer auf dem Plattencover in Seventies-Verbrecherklamotten posiert, in den sich sonst höchstens die Fischmob-Meute auf die Straße wagt, der traut sich das. Zunächst klingt's etwas nach Seelig und ziemlich jaulend. "Schluß. Aus. Haus. Maus - Mehr hab' ich nicht zu sagen", singt Balk da, dann kommen aber doch noch 15 Songs.

"Zeit für mich zu gehen", vermuteten Cucumber Men auch im nächsten Track "Partyblablabla". Und bleiben doch. Das ist gut so, denn der Rest der Platte groovt in einem durch. Da spart sich die Gurkentruppe endlich das Blablabla und kombiniert statt dessen Discobeat mit schmutzigen Riffs und süßen Pop-Streichern ("Disco Montezuma"). Auch lyrische Perlen wie den funky Duschvorhang bringen sie zustande ("Guten Morgen"), schlichte Elbstrandromantik ("Aus Deinen Händen") und die Jungstar-Hymne "The Great Rockn'n Roll Irrtum".

Mittlerweile können sich die drei Mittzwanziger also durchaus ironisch sehen. 1995, als Vorband von Fischmob reagierten sie auf den lauen Applaus des Publikums noch mit trotzigen Sprüchen: "In fünf Jahren werdet ihr sagen, die hab' ich damals schon gesehen." Musikalisch ist die Mannschaft beim bewährten Konzept geblieben. Aber innovativ ist es nicht, was Justin Balk (Gesang, Gitarre), Heiko Franz (Schlagzeug) und Nico Wirtz (Bass) da produzieren, und nicht frisch genug, um wirklich Erfolg zu haben. Droht ihnen ein Schicksal wie den Freaky Fukin Weirdoz aus München? Die deutschen Crossover-Pioniere sind erheblich experimentierfreudiger, mischen auf ihren Platten Ethno- und Dub-Sounds dazu und warten trotzdem seit zehn Jahren auf den großen Durchbruch.

Auf der kommenden Tounee werden schwache Wortbeiträge die Cucumber Men nicht bremsen. In Konzert-Lautstärke zählen nur noch Spaß und Baß. Beim nächsten Studiogang sei den Gurkenmännern dann Inspiration gewünscht, damit sie immer so klingen wie in ihren besten Momenten: wie Stoppok im Turbogang nämlich.

Cucumber Men: "Turbo" (Mercury)



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