CD-Kritik: Curd Duca: "Elevator"

Von Cristina Moles Kaupp

Zwei-Minuten-Terrine: Mit gesampelten Erinnerungen beamt Curd Duca, der Sprinter des Easy Listening, seine Hörgemeinde durch die Musikgeschichte.

Keine langen Intros, kein endloses Good Bye: Curd Duca ist ein Meister musikalischer Miniaturen. Selten schafft eines seiner Stücke die Zwei-Minuten-Hürde. Kaum erklungen, schon ist es vorbeigezischt - wie die Motorgeräusche eingangs seiner neuen CD. "Elevator" heißt sie und streift 27 Etagen seines neuen Coca-Cola-roten Klanggebäudes.

Er hat es diesmal nach den Blaupausen einer "Electronic Mood Music" konstruiert und mitunter sehr seltsame Räume geschaffen. Dunkel und bedrohlich wie das Schlußstück "2000 Elevators". Nur selten flackert jene beschwingte Heiterkeit auf, die seine inzwischen fünf CDs umfassende Reihe "Easy Listening" so lebendig prägte. Auch das Rätselraten fällt schwerer, das seine Fans bislang an den Rand der Verzweiflung treiben konnte - immer dann, wenn die Quelle seiner Samples und Stilzitate partout nicht von der Zunge springen wollte.

Heute sind die Diskussionen um Easy Listening verstummt. Anfang der Neunziger war es hip, wenn mit überlegenem Charme Vergessenes und Verklungenes aus den Mottenkisten gekramt wurde, um in neue Zusammenhänge gebracht zu werden. Alte Ideen weiterzuspinnen - das geschah nicht allein der Parodie wegen, sondern, um in Minutenkürze gute Gefühle und Erinnerungen zu wecken. Angesichts tumber Revivals und einer Schlacht mit platten Zitaten ist das heute langweilig geworden. Doch Duca wäre nicht der eigenwillige Klangtüftler, wenn ihm nicht auch neue Etiketten für seine nach altem Schema präsentierten Klänge einfielen.

Seele und Maschine gehören für den heute 42jährigen Österreicher zusammen. Leidenschaftlich sammelt er Sounderinnerungen: Jazz- oder Blacksploitation-Grooves, saftige Fetzen von Walzer, das monotone Dröhnen von Maschinen, Natur- und Industriegeräusche. Darüber legt er das Kratzen von abgenudeltem Vinyl. Duca pfeift auf digitale Klangbrillanz. Auch die Kapazität einer CD bleibt ungenutzt - die Reise mit "Elevator" dauert knapp 47 Minuten.

Trotzdem schafft er es immer, Vergänglichkeit und Ewigkeit in einem flüchtigen Augenblick zu konzentrieren und zeigt Musik im Entstehungsprozeß. Stets verblüffend, mit welch abstrusen Einfällen er zu überraschen weiß: Wenn plötzlich die hastige Monotonie von "Latin2" die ambientösen Klangtropfen des Tracks "Waterphonics" wegwischt, um seinerseits von der Vielstimmigkeit von "Bongos 2" übertroffen zu werden. Einige Stücke wirken wie Chiffren, Codes über das Verstehen von Musik. Mitunter geben ihre Titel Aufschluß über die Quelle der Inspiration. Oder sie funktionieren ganz einfach als Leitfaden, der einen sicher durch das Ducasche Klanglabyrinth führt wie "Night Train Blues", das saumselige "Traces", "Country" oder das völlig wirre "Goddess".

Seit Ende der achtziger Jahre experimentiert Curd Duca hauptsächlich am Computer und versucht, seine Techno-Begeisterung mit Easy Listening zu kombinieren. Elektronische Muzak für Film, Multimedia, Installationen, Funk und Fernsehen sind daraus entstanden, und längst ist der Musiker in Szene und Kunstbetrieb etabliert. "Elevator" ist nun angekommen, doch Duca sprintet weiter. Im Kopf, im endlosen Kosmos der Erinnerungen nach neuen Fundstücken wühlend.

Curd Duca: "Elevator" (Mille Plateaux/EFA)

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