CD-Kritik Die Ärzte: "13"

Dürftige Entwicklung: Die Einsicht, daß man statt 17 lauwarmen lieber fünf starke Songs veröffentlicht, sollte schnellstens auch die selbsternannte "beste Band der Welt" erreichen.

Von Martin Schrüfer


"Männer sind Schweine", und die Ärzte wieder einmal die Nummer eins in Deutschland. Ist ein gutes Lied Grund genug, das dazugehörige Album zu kaufen? Nur selten.

"13" nennt sich schlicht die neue CD der Ärzte und benennt die Zahl der Anläufe, die die Berliner in wechselnder Formation bisher unternahmen, um zur "besten Band der Welt" zu werden. Diese Krone werden sie sich auch nach "13" wohl nur selber aufsetzen. Denn das Album ist dürftig.

Was oft genug in der Musikszene passiert, dagegen haben auch die Ärzte kein Rezept gefunden: Eine Band zieht ihr Konzept durch - und sei es noch so wenig anspruchsvoll oder kritikergeliebt -, löst sich nach ein paar Jahren auf und geht dann nochmal zusammen. Der Enthusiasmus und die Unbekümmertheit der frühen Jahre sind verschwunden, aber es muß weitergehen, die Plattenindustrie und Fans fordern es.

Die Ärzte sind sich, fünf Alben nach der Wiedervereinigung, noch immer nicht im klaren, ob sie weiter Zwei-Minuten-Teenager-Punksongs klopfen sollen, oder ob es mehr sein sollte. Zum Beispiel, weil man (theoretisch) älter und reifer geworden ist. Oder, weil es nicht mehr in ist, von Mädchen und ihren Beziehungen zu Schäferhunden zu singen. "13" vereint beide Richtungen. Gute und schlechte Songs der Teenager-Kategorie, gute und schlechte Songs des neueren Stils.

"Ein Lied für Dich" ist ein Dankeschön an die treuen Fans, bei "Meine Freunde" schwelgt der Hörer in Erinnerungen. Farin Urlaub bekennt: "Meine Freunde sind homosexuell, meine Freunde sind alle kriminell, sie ficken sich ganz einfach gegenseitig in den Po, und das macht ihnen auch noch Spaß." Da ist die Bundesprüfstelle nicht mehr weit. Wie in alten Zeiten. Andere Lieder dieses Stils kommen weit weniger unbeschwert und frisch aus dem Lautsprecher, sondern bemüht und fast peinlich.

Zugute halten muß man den Ärzten, daß sie mittlerweile ihre Instrumente besser beherrschen, auch über Songwriting scheinen sie sich ein paar Gedanken mehr gemacht zu haben. "Rebell" und "Nie gesagt" zeigen, daß es hinter den Drei-Akkorde-Bergen noch Neuland zu entdecken gibt - beispielweise orientalische Geigenparts. Andererseits lauern auf der Seite der "neuen" Songs auch abgrundtief schlechte Liedchen wie das vom "Graf". Graf Dracula scheint gemeint zu sein, soweit das aus dem amateurhaften Gefasel klar wird.

Das Fazit soll die Ärzte nicht pauschal verdammen, aber eines darf man sich wünschen: Daß die Einsicht, fünf starke Songs statt 17 lauwarmen zu veröffentlichen, schnellstens auch die selbsternannte "beste Band der Welt" erreicht.

Die Ärzte: "13" (Hot Action Records/Motor)



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