CD-Kritik Freunde der italienischen Oper: "Um Thron und Liebe"/"Edle Einfalt, stille Größe"

Geborgen im Käfig: Die legendäre Dresdner Underground-Kapelle steckt nun im rustikalen Schuber.

Von Michael Pilz


Als die Westdeutschen ihr Wirtschaftswunder empfingen fuhren sie nach Italien. Als die Ostdeutschen davon erfuhren, träumten sie immerhin davon, mit dem Motorroller nach Rom und Rimini zu reisen. Der Dresdner Franz Friedrich Kunze gründete 1956 daheim den Zirkel der "Freunde der italienischen Oper". Zehn Jahre später löste er ihn wieder auf, weil die DDR wenig hielt von einer italophilen Bohème, die sich unkontrolliert traf und fremde Lieder sang. Kunze kannte das aus Berlin, von 1933: "Il Grande Silenzio", der Vorläufer seines Freundeskreises, war damals, nach fünf bewegten Jahren, am strengen deutschen Volksempfinden gescheitert.

Ein dritter Versuch begann zu Weihnachten 1987 in Dresden. Im Schwung der Perestroika entsann sich eine Gruppe junger Sachsen der Legende, nahm später auch Kunzes Neffen Ralph in die Band. Jene neuen Freunde der italienischen Oper stiegen aus dem Rock-Untergrund empor und wuchsen selbst zum Mythos der DDR-Subkultur. Sie wurden berühmt als Musiker in Wolfgang Engels "Faust" am Schauspielhaus. Diese zweite Reinkarnation endete Weihnachten 1992. In Italien: Als der Rentner Franz Friedrich Kunze gestorben war, fuhren die Hinterbliebenen nach Montegalda, woher der andere Begründer der F.D.I.O., Constante Lazzoli, stammte. Mit großer Geste gaben sie ein letztes Konzert. Sie lösten sich auf und offenbarten ihren Sinn für einen starken Abgang.

Die Freunde der italienischen Oper hinterließen ein überschaubares Repertoire schwarz vertriebener Kassetten, nur eine einzige wirkliche Langspielplatte und ein mysteriös verschollenes Debüt. Die ersten fertigen Master-Bänder seien in den Wendewirren aus dem Studio verschwunden, hieß es. "Um Thron und Liebe", die folgende LP, war das Album zur Revue "Il Grande Silenzio", die 1991 das Dresdner Schauspielhaus erschütterte. Doch die Platte gab wenig wieder von der surrealistischen und heftigen Darbietung: Die Musik war im Mix verflacht, die kakophonische Kraft gezähmt.

Nun ist dieses vergriffene Album zwar verdienstvollerweise frisch digitalisiert - doch es klingt kaum besser als sein legendäres Original. Dafür steckt es im rustikalen Pappschuber mit einer zweiten CD, auf der sich unveröffentlichte Reste wiederfinden. Dokumente, die beweisen, daß die F.D.I.O. die beste Band waren im real existierenden Underground der DDR. Da prallte der Punk auf ein dramatisches Pathos. Zur Begleitung liefen Schellacke historischer Opernaufnahmen, echte Posaunen und leibhaftige Streicher. R.J.K.K. Hänsch, der Sänger, tremolierte, während der Gitarrist Jänz Dittschlag fröhlich seine drei Akkorde drosch.

Dazwischen verstauten die F.D.I.O. in wechselnder Besetzung ihre sperrigen Texte, ihre kryptische Kritik an den herrschenden Verhältnissen. "Keine Angst, du wirst nichts spüren im Käfig der Geborgenheit", deklamierten sie und trafen die sozialistische Seele an ihrer wunden Stelle. Im politischen Phlegma gediehen diese Nischen, in denen auch die wildesten Musikanten so gut aufgehoben waren, daß ihre Musik selten mehr war als zuverlässiger Protopop. Diese "Anderen Bands" schieden sich gewöhnlich in beherzte Kopien ihrer westlichen Originale und in übermäßig ambitionierte Künstler. Doch den Dresdner Opernfreunden gelang das dialektische Spiel mit hochkulturellem Tiefsinn und wundersamen Popsongs. "Edle Einfalt, stille Größe", so der rückwirkende Titel der Dokumentensammlung, erscheint nun fünfeinhalb Jahre nach ihrer vorläufig letzten gemeinsamen Reise nach Italien.

Freunde der italienischen Oper: "Um Thron und Liebe"/"Edle Einfalt, stille Größe" (Standard 63/What's so Funny About...INDIGO)



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