CD-Kritik "Fröhlich sein und Singen - Die schönsten Pionierlieder"

Lernen, schaffen, fröhlich sein, das ist die Parole, hei! Zum Ausfall des 50. Jahrestages der Pionierorganisation "Ernst Thälmann" hebt die alte DDR-Plattenfirma Amiga ihre Pionierlieder aus dem Fundus

Von Michael Pilz


Das erste Lied handelte vom gleichen Schritt und Tritt, von guten Freunden in der Volksarmee und hatte ein fröhliches Bekenntnis am Schluß: "Und wenn wir groß sind, wollen wir Soldat sein so wie sie, juchhei!" Wir, das waren die Jungen Pioniere. Wir haben es gern gesungen, dieses Soldaten-Lied und sind dazu, juchhei, aus der Schule gestapft, daß die Söckchen auf die Knöchel rutschten.

Am 13. Dezember wäre die Pionierorganisation der DDR 50 Jahre alt geworden. Wenn sich nur das Gedicht erfüllt hätte, das ein erregter Jungpionier 1956 auf der 3. Parteikonferenz der SED zum Vortrag brachte. "Am 5. Parteitag, du liebe Partei / sind hoffentlich schon die von Hamburg dabei." Woraufhin der Bursche bebte: "Dann wird ganz Deutschland von Oder bis Rhein / die Heimat der Kinder Ernst Thälmanns sein."

Wir wissen, daß es anders kam. Die DDR lehrte Thälmanns Erben, die Mauer als Schutzwall zu ehren. Sie trug die Mauer vor neun Jahren wieder ab und ließ auch die roten und blauen Halstücher aus dem Straßenbild verschwinden. Ihre Historiker degradierten "Teddy" Thälmann zu einem gewalttätigen Trinker. Und die Kinder hatten keine Lieder mehr von kleinen weißen Friedenstauben und von Straßen ins Morgenlicht hinein.

Nun sind sie wieder da. Die Kinder mit ihren Liedern: "Fröhlich sein und singen" ist eine nahezu lückenlose Sammlung der schönsten Pionierhymnen in historischen Aufnahmen. Pünktlich zum Ausfall des Jahrestages und zum Weihnachtsgeschäft. Wer die kaufen soll zu Weihnachten? "Sammler, Historiker, Nostalgiker", sagt Jörg Stempel, Geschäftsführer der Schallplattenfirma Amiga. Die Amiga hat die Nachkriegszeit überdauert und die DDR, und ihre Archive sind noch voll von den Masterbändern der Pflichtpressungen sozialistischer Soundtracks. Schon vor zwei Jahren erschien "Die Partei hat immer recht" mit Kampfliedern und Märschen. "25.000 verkaufte CDs!" verrät Jörg Stempel. Und ist stolz darauf.

Zu ihrer Zeit waren diese Parteilieder kaum mehr als potemkinsche Songs, die nur in hörigen Zirkeln wirklich gesungen wurden. Doch die Pionierweisen waren Volkslieder. Weil die Kinder noch zu begeistern waren, bis sie mit 14 Jahren widerwillig in die Freie Deutsche Jugend kamen. Weil in den Liedern ganze Spielmannszüge pfiffen und paukten und es hieß: "Lernen, schaffen, fröhlich sein, das ist die Parole, hei!"

"Jetzt bin ich Junger Pionier", piepste ein Mädel mit dem Namen Kerstin Parlitz: "Ist Mutti von der Arbeit da, dann freut sie sich mit mir." Nun hielt sich die Begeisterung bei Mutti und Vati im wahren Leben in Grenzen, weil es berechtigte Bedenken gab, wenn die Sprößlinge mit Halstuch und Käppi in die Wohnung einmarschierten. Doch selbst ein Morgenappell in Reih und Glied und ein Sommerlager mit Frühsport waren nicht militanter als der Alltag katholischer Pfadfinder. Oder hätten die Knirpse wissen müssen, was sie da krähten? "Auf dem Wege weiter, den uns die Partei gewiesen"? Wir, die Kampfreserve der Partei? Eine Form staatlich sanktionierten Kindesmißbrauchs?

Mit sieben und mit zehn Jahren schworen wir feierliche Eide und versprachen die Pioniergebote zu befolgen. "Thälmann-Pioniere halten ihren Körper sauber und gesund", nuschelten wir. Badeten trotzdem so selten wie möglich und rauchten im Keller "Cabinet". Und sangen trotzdem nicht ungern von blauen Fahnen, blauen Tüchern, blauen Wimpeln und der blauen Zukunft. "Das Lied vom kleinen Trompeter", der am Ende tot in seinem "lustigen Rotgardistenblut" lag, ist noch immer zum Heulen. Daß die vielen Naturlieder von der "Heimat, oh Heimat, wie bist du doch so schön" dem Naziliedgut nicht unähnlich waren, hat uns niemand verraten.

Manchmal waren sie auch lustig, die Lieder und ihre Texte. "Wer Angst hat, der wird ausgelacht" hieß es im "Rodellied". "Hab'n Se nicht noch Altpapier" hatte Kurt Demmler, der Dichter von den Puhdys, geschrieben. "Immer lebe die Sonne" war auf Russisch zu singen. Hanns-Eisler-Schüler wie Kurt Schwaen oder Ernst Hermann Meyer hinterließen die schrägsten Kinderlieder der Welt. Der Kabarettist Reinhold Andert hatte 1974 im Friedrichstadtpalast und in vollem Ernst die Kinder um sich geschart wie Michael Schanze im ZDF und sang ihnen vor: Nur Ossi, der Pionierleiter, wüßte wirklich, was einen Pionier zum Pionier erhebe: "Wir schreiben Briefe nach Leningrad und winken jedem Sowjetsoldat." Juchhei!

"Fröhlich sein und singen - Die schönsten Pionierlieder" (Amiga/BMG Ariola)



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