CD-Kritik Garbage: "Version 2.0"

Makelloser Müll: Das kritische zweite Album von Mastermind Butch Vig ist eine kompakte Produktion mit brodelnden Loops und Mitsing-Pop.

Von Uwe Schütte


Garbage kamen in mancher Hinsicht aus dem Nichts. Madison, Wisconsin, genauer gesagt. Ein desolater Landstrich im Mittleren Westen, der allerhöchstens für seine Milchindustrie und seine Serienmörder bekannt ist. Daß ausgerechnet von dort eine der ungewöhnlichsten Bands der Neunziger kommen sollte, war genauso unvorhersehbar wie der große Erfolg des 1995 erschienen Debütalbums.

Buch Vig, der Kopf von Garbage, geht zwar entschieden auf die 40 zu, weiß aber, was die Kids in Amerika und dem Rest der Welt hören wollen. Als Produzent von Nirvanas "Nevermind" wurde er 1991 zum Geburtshelfer des Grunge. Mit der ersten Platte seiner eigenen Band trug Butch Vig den Grunge vier Jahre später zwar nicht unbedingt zu Grabe, gab ihm aber eine neue Richtung.

Er nahm die ungestüme Wildheit des Grunge, unterlegte sie mit feinausgetüftelten Loops und Samples und bändigte diese Mischung mit einer makellosen Produktion. "Wir sind eine Rockband und wir machen Popmusik, wobei wir versuchen, so viele Samples und Effekte wie möglich hineinzupacken. In der Hoffnung, daß das Resultat dann irgendwie anders als alles andere klingt", beschreibt er die Philosophie der Band.

Dieses Rezept erwies sich als phänomenal erfolgreich. Über drei Millionen Käufer fand das 1995 veröffentlichte Debütalbum mit dem schlichten Titel "Garbage". Der nun veröffentlichte Nachfolger heißt nicht von ungefähr "Version 2.0". Von der Angst vor dem schwierigen zweiten Album, die viele Bands nach einem erfolgreichem Anfang befällt, ist bei Garbage nichts zu hören. Butch Vig und seine Mannschaft sind schon lang genug im Geschäft, um zu wissen, wie man einen marktgerechten Sound erfolgreich reproduziert. Das ist, wohlgemerkt, nicht unbedingt eine Kritik.

"Version 2.0" klingt allenfalls ein wenig einheitlicher und kompakter als ihr Vorläufer. "Push It", die erste Single, ist zwar nicht der beste Track darauf, in ihrer gebremsten Intensität aber durchaus typisch für das gesamte Album: Ein Kessel brodelnder Loops, über den die Sängerin Shirley Manson beschwörend die Worte "don't worry baby" murmelt. An die Knaller "Vow" und "Supervixen" des ersten Albums erinnert das frenetische "Hammering in My Head". Mehr als 100 dröhnende Geräusch-Effekte und Drum-Loops hat Vig in die knapp fünf Minuten des Songs gepreßt.

Am stärksten klingen Garbage diesmal bei den eher langsamen Stücken. Das sanfte "Medication" etwa, das wie ein sehnsüchtiges Liebeslied daherkommt, während die von Streichern begleitete Shirley Manson über Sucht und Abhängigkeit singt. Höhepunkt des Albums ist "The Trick is To Keep Breathing": Eine atmosphärische Ballade zwischen Trip-Hop und Mitsing-Pop, in dem sanfte Celloklänge, verzerrte Vocals und gesampelte Atemgeräusche eine so gespenstische wie stimmige Mischung eingehen. "I won't be the one who is going to let you down. You get what you want this time around", verspricht Shirley darin. "Version 2.0" hält dieses Versprechen.

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