CD-Kritik Genesis: "Calling All Stations"

Altbackene Nichtigkeiten: Langatmig und verstaubt - "Calling All Stations" hört sich an, als hätten "Genesis" altes Sessionmaterial im Archiv gefunden. Dort hätte es besser bleiben sollen.

Von Klaus Winninger


Kreativer Neubeginn oder musikalischer Offenbarungseid? Fortführung einer langjährigen Tradition oder Etikettenschwindel? Mit dem Abgang von Phil Collins schienen "Genesis" vor einem Jahr ihr letztes charakteristisches Element, das letzte wesentliche Mitglied verloren zu haben.

Keyboarder Tony Banks und Saiteninstrumentalist Mike Rutherford, die verbliebenen Ur-"Genesis"-Musiker, sahen das anders: Sie beide seien es gewesen, die von Anfang an die Musik mit-, wenn nicht hauptkomponiert hätten. Warum nicht, so ihre Überlegung, einen neuen Sänger suchen und so weitermachen, als sei nichts passiert? Schließlich hätten "Genesis" ja schon Mitte der siebziger Jahre den Ausstieg ihres Sängers Peter Gabriel unbeschadet überstanden.

Gedacht, getan: Banks und Rutherford rekrutierten aus angeblich mehr als hundert Kandidaten den 28jährigen Schotten Ray Wilson, dessen größte bekannte Leistung darin besteht, dank eines Levi's-Werbespots mit seiner früheren Band "Stiltskin" einen einzigen mittelmäßigen Hit gelandet zu haben.

Die Rechnung, daß Ray Wilson Phil Collins ersetzen, vielleicht gar vergessen machen könnte, geht nicht auf: weil der Versuch auf einer falschen Idee basiert. Denn es waren natürlich die Frontleute, die die Band prägten: Peter Gabriel, der den Songs der ersten "Genesis" Leben, Charakter und Sinn (wenn sie überhaupt einen hatten) gab. Und es dauerte einige Alben, bis Phil Collins die Rolle seines Vorgängers meisterte und den zweiten "Genesis" sein Gesicht und seine Stimme, Charakter und Charisma verlieh und mit seiner ungetrübten Pop-Sensibilität zum Massenerfolg verhalf.

Die neuen, dritten "Genesis" betreiben Etikettenschwindel: Auf der Verpackung steht zwar "Genesis" drauf, aber es ist nicht "Genesis" drin. Mit Ray Wilson werde man zum progressiven Rock der frühen Jahre zurückkehren, hieß es aus dem "Genesis"-Trainingscamp. Angekommen ist das Trio, das sich mit einem schamlos Phil Collins kopierenden Drummer verstärkt hat, im Nirgendwo - wo ihnen fatalerweise Tony Banks' uralte Keyboard-Sounds auch noch die Sicht vernebeln.

Die Reform-"Genesis" spielen langatmige, kaum einmal unter fünf Minuten dauernde Balladen, auf deren altbackenen Melodien zentimeterdicker Staub liegt. Ray Wilson singt mit Gabriel'schem Timbre über Aliens, Afrika und Allfälliges. Wie interessant! Alles erinnert an im Archiv entdeckte Outtakes von alten Sessions mit Gabriel, die man mangels Qualität nicht veröffentlichte. Allein das hübsch poppige "Shipwrecked", die sentimentalen "Not About Us" und "If That's What You Need" sowie der Titelsong, der allerdings mit einem unentschuldbaren Dutzend-Metal-Gitarrenriff anhebt, können als halbwegs gelungen gewertet werden.

"Calling All Stations" gipfelt im neun Minuten lang ziellos dahin mäandrierenden "One Man's Fool": ein Sammelsurium vieler kleiner Ideen, unter denen kaum eine zwingend ist. "Watching the darkness", murmelt Ray Wilson in einem Song, und tatsächlich: Die dritten "Genesis" wirken, als habe Phil Collins bei seinem Abgang im Studio das Licht ausgemacht, und die Verbliebenen fänden seither den Schalter nicht. "Calling All Stations": Band sucht dringend Geistesblitz.

Genesis: "Calling All Stations" (Virgin)



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