CD-Kritik Hooverphonic: "Blue Wonder Power Milk"

Belgisches Sound-Nirvana: Die Band aus macht Musik für die moderne Hausfrau und andere Freunde elektronischer Geräte.


Belgische Bands haben es in Deutschland schwer. Kaum eine Formation schafft wie Vaya Con Dios den Sprung aus den belgischen in die deutschen oder europäischen Charts. Dabei ist die belgische Musikbranche durchaus vielfältig. Eine der interessanten belgischen Bands ist Hooverphonic. Doch die Schwierigkeiten der Band, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, begannen schon bei der Veröffentlichung des letztjährigen Debütalbums. Da nannte sich die Band noch Hoover, und ein gleichnamiger Produzent moderner elektrischer Haushaltshilfen verbat sich den Vergleich zwischen seinen Artikeln und moderner Musik. Wer könne schon wissen, was man da vertauscht.

Auch wenn moderne Hausfrauen sicherlich zwischen einer silbernen Scheibe und einem Vakuumsauger unterscheiden können, nannte sich die Band fortan Hooverphonic. Der Erstling "A New Stereophonic Sound Spectacular" machte sich trotz des umständlichen Namens ausnahmslos gut. Eine musikalische Melange von Portishead und Massive Attack begeisterte Kritiker und Hörer gleichermaßen. Auch Kollegen ließen sich nicht lumpen, und so baten Massive Attack die belgische Formation auf ihrer diesjährigen Tour doch bitte die Vorband zu mimen.

Das neue Album von Hooverphonic geht etwas andere Wege. Die oft so zerbrechlich wirkende Stimme von der Sängerin mit dem hübschen Namen Geike Arnaert verschwindet in perkussiven Kaskaden. Hooverphonic versuchen, schnellen und harten Rhythmus mit samtweichen Geigen zu verbinden. Dafür greifen sie nicht in die elektronische Trickkiste, sondern haben tatsächlich ein ganzes Orchester angekarrt. Alles zusammen ergibt einen blumigen Sound, den man so noch nicht gehört hat. Es bedarf auch schon einer Menge Mut, derartig verschiedene Stile miteinander zu vermengen. Das Experiment gelingt zwar oft, aber längst nicht immer. Ab und an pendelt das Album in einem Sound-Nirwana und weiß nicht so richtig, wohin mit sich selbst. Doch alles in allem macht das nicht besonders viel aus, denn wichtig erscheint bei diesem Album die Faszination des Neuen.

Hooverphonic propagieren keinen neuen Stil oder gar eine neue Mode. Sie experimentieren mit den gängigen Sounds und basteln sich so ihre eigene kleine Welt. Keine besonders leichte Kost, aber hat man sich ein wenig eingehört, weiß man, warum man belgischen Bands mal eine Chance geben sollte.

Hooverphonic: "Blue Wonder Power Milk" (Columbia / Sony)



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