CD-Kritik John Zorn: "The Circle Maker"

Tarnhose und Davidstern: Der New Yorker Avantgarde-Star setzt sein langfristiges Unternehmen "Masada" fort als versöhnliche Kammermusik vor dem Hintergrund der "Radical Jewish Culture".

Von Michael Pilz


Als er 40 wurde vor fünf Jahren, zog John Zorn wieder einen beherzten Strich in seinem Lebenslauf. Er unternahm dann eine Konzertreise, stieg in New York in ein Flugzeug und landete dort, wo er das Gros seiner Platten verkauft: in Europa. In Städten wie Köln oder Berlin, wo ihn eine standesbewußte Gefolgschaft als Hauptmann der New Yorker Avantgarde verehrt. Da stand er auf der Bühne im ruinösen Berliner Tacheles, trug zum Altsaxophon die Tarnhose und den Davidstern auf der Brust. Und blies gewöhnlichen Jazz mit der Melodik der Klezmer-Musik. Seine Begleiter wischten fahrig über Toms und Becken, zupften behutsam am Standbaß, stießen hymnisch in die Trompete. - Ein Quartett, klassisch besetzt wie Ornette Colemans legendäre Band der frühen Sechziger. Und John Zorn war nun auch vertraut mit den Tücken seines Saxophons.

"Masada" hieß das Programm: benannt nach jener in der Antike geschliffenen Feste am Toten Meer. Mehrere Jahre hatte sie der Belagerung der Römer standgehalten, dann war ihre Besatzung in den Märtyrertod gegangen. Zorns "Masada" ist heute eine Art musikalisches Epizentrum der "Radical Jewish Culture" in New York. Ist ein Unterfangen, das mittlerweile acht Quartett-Aufnahmen hervorgebracht hat, eine Reihe illegaler Konzertmitschnitte und ein erstes Doppelalbum mit Kammermusik.

Auf dem zweiten Doppelalbum überläßt John Zorn nun seine Stücke einem Streichensemble, das sich mit Gitarre und Schlagwerk zum Sextett erweitert. Das ändert im Grunde wenig an der Anlage der Musik: Sie behält den langen Atem, hegt die weiten Bögen, erscheint virtuos, versöhnlich und traditionsselig. Zorns musikalische Radikalität ist einem radikalen Programm gewichen.

In seinen Dreißigern war er ein linkischer Bursche mit Formschnitt und Hornbrille. Ein Nerd, der gehörig Lärm schlug mit seinem No Wave, wo er sämtliche Stile in sekundenkurze Stücke drängte. Es waren urbane Kakophonien mit scharfen Schnitten; dichte Hörclips, die sich dann auch häufig hinter Werbespots und Filmen wiederfanden.

Für "Thieves Quartet", einen Film von Joe Chappelle, stellte Zorn 1993 mit dem Trompeter Dave Douglas ein Quartett zusammen für einen Soundtrack, wie er Miles Davis im "Fahrstuhl zum Schafott" gelungen war. Die Besetzung blieb zusammen für "Masada". Die militante Besinnung auf seine überlieferte Identität, das Judentum, hatte John Zorn schon 1992 ereilt: Seine "Kristallnacht" war ein Konzeptalbum, auf dem Scheiben klirrten und die Klarinetten klagten.

Das bisherige Kunstwerk der Reihe war die Kammermusik "Bar Kokhba" vor zwei Jahren. Bar Kokhba war der Anführer einer antirömischen Revolte im Jahr 130 n. Chr., der Märtyrer schlechthin. Und so stellte Zorn auch seine Solisten heraus. Allein oder vor überschaubarer Begleitung spielten Pianisten, Gitarristen, Bläser oder Streicher redlich und notentreu und bewiesen, daß aus John Zorn, dem Brutisten, ein bemerkenswerter Komponist geworden war. Da strichen Erik Friedlander und Mark Feldman die schönsten Duette auf Cello und Geige. - Was Zorn jetzt bewogen haben mag, ihnen vor allem dieses neue Doppelalbum einzuräumen und ihnen zunächst einen zupfenden Bassisten an die Seite zu stellen.

"Issachar", dieses Masada String Trio, darf sich auch aus der Form wagen. Es schabt und kratzt und streut sonderbare Zitate aus volkstümlichen Freylekhs oder Beethovens "Elise" in den Satz. Doch "Zevulun", das Bar Kokhba Sextet, führt "Masada" wieder zurück in die Sinnlichkeit der jüdischen Musik. Die Percussion hoppelt, Marc Ribot vollführt einen fröhlichen Gitarren-Surf. Das reicht zurück bis zum amerikanischen Easy Listening der Nachkriegszeit, das in der Tat beherrscht war von Komponisten jüdischer Herkunft. So zieht John Zorn seine Kreise, als "The Circle Maker", wie er diese beiden Platten überschrieben hat. Die bislang schönsten in vier Jahren "Masada".

John Zorn: "The Circle Maker." Issachar - Masada String Trio / Zevulun - Bar Kokhba Sextet



© SPIEGEL ONLINE 1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.