CD-Kritik: Konstantin Wecker: "Brecht"

Von Bettina Koch

Verwandte Töne: Von Lebenslust und Übermaß singt Wecker wieder mal auf dieser 37 Minuten kurzen Platte. Sie klingt wie aus seinen besten Zeiten, aber die Texte stammen nicht von ihm.

Erstmals in seiner Liedermacher-Karriere stützt Wecker sich auf Texte eines anderen. Aber der heißt immerhin Bert Brecht. Damit ist Wecker einer von vielen Künstlern, die sich im Jubiläums-Jahr zu Deutschlands großen Quälgeist hingezogen fühlen. Aber kaum zwei passen so gut zusamen.

"Alle Laster sind zu etwas gut" schrieb Brecht in seinem "Choral vom Baal", und Wecker, der auch nie maßhalten wollte, lockt mit saftiger Stimme: "Sucht euch zwei aus. Eines ist zuviel!" Auf den Leib geschrieben ist dem bayerischen Kraftstrotz ebenso Brechts Zeile "Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch".

Ja, der politische Intellektuelle aus Augsburg war auch ein Erotiker. Unter den rund 2500 Gedichten, die er zwischen 1913 und 1956 schrieb, finden sich gut hundert erotische, teils sogar obszöne und handfest pornographische. Vor allem für solche Texte hat Wecker sich von den Erben die Erlaubnis zur Vertonung geholt. "Oh, die unerhörten Möglichkeiten, wenn man Frauen um die Hüften nimmt, zwischen Schenkeln sanft im Abwärtsgleiten durch das grüne Meer der Wollust schwimmt" singt er nun und preist damit wie je Lust, Genuß und Übermaß.

Da sind zwei sich ähnlich, nicht nur thematisch. Das soll schon das Cover des Albums deutlich machen. Ein kleiner Bert Brecht pinnt da als Foto neben dem großen Wecker, der sich auch schon mit Kurt Tucholsky gemein machte. Beide lächeln leise aus dem Augenwinkel, als schielten sie bereits nach dem nächsten Unterleib.

Die Platte klingt wie aus Weckers besten Zeiten. Hemmungslos zitiert der Künstler sich selbst, läßt das "Liebeslied" seiner wilden Ballade "Du mußt dir alles geben" ähneln und vertont Brechts "Vom Schwimmen in Seen und Flüssen" als Mischung aus "Genug ist nicht genug" und "In diesen Nächten": Da kommen einem die typischen Harmonien so vertraut vor wie die Texte, die die Leidenschaft und den Tod besingen oder den Wunsch, sich "von Ziel und Schwere" zu lösen. Den politischen Songs gab Wecker einen ungewohnten Ton: Nicht fordernd und antreibend wie von Therese Giehse bekannt, sondern nachdenklich interpretiert Wecker die von Krieg und Exil geprägten Verse ("In den Zeiten der äußersten Verfolgung"). Am lustvollsten aber hört man dem Traumpaar Brecht/Wecker zu, wenn sie vom faulen sich Hingeben an den Augenblick schwärmen und einen davontragen mit der sorglosen Zeile: "Natürlich muß man auf dem Rücken liegen...und sich treiben lassen. Man muß nicht schwimmen."

Konstantin Wecker: "Brecht" (BMG)

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