CD-Kritik Ruhrpott AG - "Unter Tage"

Im Ruhrgebiet ist der Strukturwandel in vollem Gange. Auch musikalisch: Der Pott kocht - und immer mehr HipHopper mischen mit. Neueste Seilschaft auf dem Weg nach oben: RAG.

Von Fiete Stegers


Bei der Jam-Session im Freizeitzentrum West am beschaulichen Rand der Dortmunder Innenstadt stehen sie alle früher oder später mal auf der Bühne, peinliche Vorstadttrapper in aufknöpfbaren Trainingshosen und die MCs von morgen. Der Wolf ist öfter da, und Dike hat man auch gesichtet. Dikes erstes Album hat Label-Kollege Lee Buddah produziert. Für Lee Buddah hat DJ Chris an den Reglern gedreht. Der kommt wie "der Lange" von den Szene-Heroen "Too Strong", und jetzt haben beide auf dem Album der "Ruhrpott AG" mitgemischt. Im Jahr eins nach der Krupp/Hoesch-Ehe haben auch Bands fusioniert. Hinter der RAG verbergen sich "Filo Jones" und "RAID". Beide Bands, Anfang der Neunziger entstanden, können auf ein paar Veröffentlichungen auf Samplern und Gastauftritte zurückblicken. Ein Album gibt es erst jetzt. "Unter Tage" heißt das Debüt der vier Ruhrgebietler, und entsprechend düster klingt es auch. Das ist das Konzept: Sie verstehen sich als "gesundes Gegengewicht zu eindimensionalem Party-HipHop".

Statt dessen graben sie an den HipHop-Wurzeln und fördern langsame Beats zutage. Darüber legen sich sparsame Melodien, eine sanfte Trompete, eine Mexiko-Gitarre oder ein Sample, nicht eintönig, aber eingängig. Zusammengeschweißt werden die Stücke durch den gleichmäßigen Reimfluß der Rapper Pahel, Galla und Aphroe.

Auch bei der unvermeidlichen Schelte für unfähige Kollegen gehen sie mit Witz statt Kraftausdrücken ans Werk: "Du fidelst nur in Castrop". Meist aber betätigen sich die Reimsprecher als selbsternannte "Geburtshelfer sinngeschwängerter Passagen". Der cannabishaltige "Westwind" kommt eindeutig aus Holland und bringt den "Hanfstern Galactica" mit. "Kopf Stein Pflaster" erzählt von der Ochsentour durch Mini-Clubs und anderen Härten des Bandlebens. Ganz klar ist der Inhalt der Texte aber nie: Durch die Vorliebe der Beat-Arbeiter für unvollendete Sätze und abrupt in Wortspielen mündende Argumentationslinien werden die Texte zu Synthesen aus expressionistischen Hör-Bildern und albernen Fundstücken der Pop-Kultur.

Der Witz der RAG ist es auch, der sie trotz aller Melancholie vom aggressiven Sprechgesang eines sich im Weltschmerz wälzenden Moses Pelham unterscheidet. "Unter Tage" ist der Soundtrack für gepflegte Melancholie mit genügend Gelegenheiten zum Ausbrechen. Für die Ruhrpott AG selbst ist das Album Werkschau und Vergangenheitsbewältigung, aber auch die Basis, von der die RAG-Mitglieder, einzeln und gemeinsam, neue Sounds zutage fördern wollen.

Ruhrpott AG: "Unter Tage" (EFA)



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