CD-Kritik: The Beach Boys: "The Pet Sounds Session"

Von Günther Fischer

Revolutionsbox: Auf vier CDs die Genese eines Albums, das Popgeschichte machte. "Pet Sounds" brach 1966 mit dem Surf- und Sound-Image der Beach Boys und war so revolutionär, daß die Beatles für ihren "Sgt. Pepper's" noch einmal ins Studio gingen - um nachzubessern.

Sommer 1966. Die Beach Boys glorifizieren seit Jahren ihre kalifornische Heimat, besingen die "California Girls", vermarkten das Strandleben ebenso wie den Slang und die Wortspiele der Surfer, Sonnenanbeter und Geschwindigkeits-Fetischisten. Ihre Hits heißen "Surfin' U.S.A", "I Get Around", "Help Me Rhonda" und "Barbara Ann".

Sommer 1966. Brian Wilson, Mastermind der Band, packt der Ehrgeiz. Zwar hat er sich zuvor nach einem Nervenzusammenbruch (verursacht von strapaziösen Tourneen) von der Band zurückgezogen, bleibt den Beach Boys aber als Songschreiber und Produzent erhalten. Brian Wilson schafft es, den Mythos von der Sommer-Sonnen-Jugend in immer neuen Variationen frischzuhalten - obwohl er das Meer haßt und Sand verabscheut. Endlich will Brian Wilson auch als Musiker anerkannt werden. Angespornt hat ihn das Beatles-Album "Rubber Soul", dessen Kraft und Songqualität er unbedingt übertreffen will. Also schließt er sich ein halbes Jahr im Studio ein und nimmt "Pet Sounds" auf, quasi im Alleingang, begleitet von hochkarätigen Studiomusikern und einem 23-Mann-Orchester. Die Beach Boys selbst duldet der Meister nur für die Gesangsaufnahmen. "Pet Sounds" klingt so revolutionär, daß die Beatles für ihr im Entstehen begriffenes Konzeptalbum "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" noch einmal ins Studio gehen - um nachzubessern. Auf vier CDs ist nun die Genese dieses Albums, begleitet von einem hervorragenden Booklet, nachzuhören.

16. Mai 1966. An diesem Tag erscheint "Pet Sounds". Das Album vollzieht den Bruch mit dem bisherigen Surf- und Sound-Image der Beach Boys. "Pet Sounds" ist eine Platte, die eher nach Sonnenuntergang als nach Sonnenbad klang, eine Sammlung melancholischer, opulent arrangierter Miniatur-Symphonien ("Wouldn't It Be Nice", "God Only Knows"), die zum Teil schon die negativen Vibes der amerikanischen Gesellschaft vorwegnehmen, die eine Band wie die Doors so perfekt widerspiegeln sollte.

Es ist zudem das erste Konzeptalbum der Popmusik. Die Beatles sind erstmals nur zweiter Sieger. Obschon in Mono aufgenommen (diese Aufnahme ist als Bonus-CD mit in der Box), nimmt Brian Wilson alles vorweg, was heute als Standard gilt: Er experimentiert mit mehreren Tonspuren, die er mischte, nutzte reality bites wie Fahrradglocken, Cembalo, bellende Hunde und leere Cola-Dosen für Soundeffekte und schrieb Melodien, deren A-cappella-Versionen (nachzuhören auf der dritten CD mit elf Tracks) heute noch mit ihrer Perfektion faszinieren. Es ist nicht nachzuvollziehen, daß die damaligen Label-Bosse Wilsons Werk nicht verstanden und das Kernstück des Albums, den Song "Good Vibrations" (der später der größte Hit der Gruppe wurde), durch "Sloop John B" ersetzten. Das Album wurde zum kommerziellen Flop.

Detaillierter wurde die Entwicklung eines Albums noch nie dokumentiert. Zwei Dutzend Work-In-Progress-Takes mit Studioanweisungen von Wilson geben Einblick in die eigenwillige Arbeitsweise eines Genies. Zu hören außerdem: Sämtliche Songs des Albums in Instrumentalversionen; 19 Song-Alternativen mit veränderten Backing-Tracks und die elf A-cappella-Versionen.

Mike Love, Bandmitglied der ersten Stunde, keifte nach dem Hören der ersten Songs: "Was ist das für ein Schrott? Musik für Hunde?" So kam die Platte zu ihrem Titel.... Trotzdem ist "Pet Sounds" die beste Platte, die die Beach Boys je veröffentlichten. Und die CD-Box ist so genial wie das Album.

The Beach Boys: "The Pet Sounds Session"

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