CD-Kritik The Prodigy: "The Fat Of The Land"

Elektronisches Beat-Gewitter: Energiegeladen wie eine Kernfusion, aber kein neuer Quantensprung wie ihre Single "Firestarter", ist das Album der englischen Beat-Maschinisten.

Von Klaus Winninger


Wenn im Eröffnungstrack "Smack My Bitch Up" nach exakt 50 Sekunden die welterschütternde Kickdrum einsetzt, ist klar, woran "Prodigy"-Musikmaschinist Liam Howlett in den letzten Monaten im Studio getüftelt hat: an den lautesten, härtesten, wildesten Beats der Saison. An Beats, bei denen selbst die "Chemical Brothers", die gemeinsam mit "The Prodigy" an der Spitze der englischen Big-Beat-Bewegung stehen, klein beigeben müssen.

Alles andere wäre auch eine Enttäuschung gewesen. Zu gut waren "Firestarter" und "Breathe", die beiden epochalen Singles, die "The Fat Of The Land" vorangingen und der Kernfusion von Dancefloor- und Rockmusik, von Rave, Rap, Techno und Punk eine neue Dimension eröffneten. Über hektischen, funkigen Hip-Hop-Beats vibrierten ozeantiefe Bässe, dröhnten jaulende Synthesizer, ratterten grelle, schwergewichtige Gitarrenriffs, schrien sich die beiden "Vokalisten" Keith und Maxim wahnwitzige Parolen aus dem Leib: "I'm the firestarter..."

Das Problem: "Firestarter" datiert aus dem März 1996, "Breathe" aus dem letzten Herbst. Damals hätte auch "The Fat Of The Land" erscheinen sollen, ja müssen. Aber "The Prodigy" gingen stattdessen auf Tournee, um zu beweisen, daß ihre synthetische Musik auch live auf der Bühne funktioniert, verhandelten mit Madonnas Plattenlabel Maverick, mit dessen Hilfe sie jetzt zur Welteroberung ansetzen und feilten im Studio immer wieder an den restlichen Tracks des Albums, das ein aufs andere Mal verschoben wurde.

Jetzt ist es, eben fertiggestellt, doch noch erschienen: Weitere große Innovationsschübe, weitere Quantensprünge finden nicht statt. Aber es gelingt "The Prodigy" die Standards, die sie mit den beiden Jahrzehnt-Singles setzten, zu halten. Liam Howlett beweist, daß ihm die guten Ideen, die großen, peitschenden Beats und die verrückten Geräusche noch nicht ausgehen. Gastvokalisten wie der Rapper Dr. Octagon und Kula-Shaker-Sänger Crispian Mills sorgen für neue Klangfarben, gewitzte Songtitel wie "Diesel Power", "Serial Thrilla" und "Mindfields" sind nicht nur Programm, sondern zumeist auch die einzigen Textzeilen - was zählt, ist die rauhe, pure Energie, die naturgewaltige Intensität, die physisch spürbare, hohe elektrische Spannung, die "The Prodigy" erzeugt.

Wenn 2010 jemand wissen will, wie Popmusik im Jahr 1997 geklungen hat, sollte er besser zu "The Fat Of The Land" denn zu "Pop" von "U 2" greifen. Das ist auch heute schon die richtige Entscheidung.

The Prodigy: "The Fat Of The Land"



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