Verdis Sakralmusik Göttliches Marketing, heilige Töne

Bigotte Religiosität war ihm ein Graus, dennoch schuf Giuseppe Verdi auch maßgebliche Werke für die Kirche. Dabei zeigte sich der große Komponist als leidenschaftlich Suchender - und bewies zudem ein gutes Gespür für effizientes Musik-Marketing.

Von

Musacchio & Ianniello

Einen "Pfaffenfresser" ("mangiapreti") nennt Star-Dirigent Riccardo Muti den von ihm tief verehrten Komponisten Giuseppe Verdi. Natürlich nicht ohne Augenzwinkern, denn Verdi stamme ja aus der Emilia Romagna, wie Muti entschuldigend hinzufügt, wo schließlich alle "Pfaffenfresser" Italiens herkämen.

Das - und gottlob einiges mehr - erzählt Muti über seinen Lieblingskomponisten in seinem soeben erschienenen Buch "Mein Verdi" (Bärenreiter/Henschel). Trotz seiner Abneigung gegen bigotte Religiosität komponierte Verdi Maßgebliches für die Kirche. Und bei seinem 1898 erschienenem Spätwerk "Quattro Pezzi Sacri" geht es wirklich um heilige letzte Dinge. Aber dieses "heilig" ist bei Verdi natürlich nur die halbe Wahrheit, denn der politisch denkende Komponist profilierte sich musikalisch kaum als schlichter Betbruder, eher als leidenschaftlich Suchender.

Seine frühere Affäre mit dem Sakralen trug bereits hochdramatische Züge: Das 1874 donnernd gelandete "Requiem" erschien dem Publikum von Beginn an mehr als Oper denn als Totenmesse. Dazu noch die clevere Provokation des Schöpfers, sein Werk zunächst nicht in Kathedralen, sondern in Konzertsälen und Opernhäusern aufführen zu lassen, was für Entrüstung sorgte - und letztlich für breiten Erfolg in ganz Europa. Effizientes Musik-Marketing ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Bis heute gehört sein "Requiem" zu den erfolgreichsten Werken der Konzertliteratur.

Ein Schock für sensible Hörer

Wie es in einem solchen Heiligtum brodeln kann, demonstrierte der opernerprobte Orchesterleiter Sir Antonio Pappano bereits 2009 mit seiner Einspielung des Verdi-Requiems, die nicht nur mit nobler Besetzung (Anja Harteros, René Pape, Rolando Villázon, Sonia Ganassi) überzeugte, sondern auch mit der instrumentalen Klasse der Accademia Nazionale di Santa Cecilia aus Rom. Pappano leitet dieses Orchester mit Hingabe neben seiner Cheftätigkeit an der Londoner Covent Garden Opera.

Jetzt spielte Pappano mit der Accademia auch Verdis Pendant zum Requiem, die "Quattro Pezzi Sacri" ein, live aufgenommen im November 2012 im orchestereigenen Konzertsaal. Dank kultivierter Akustik und Gesangstechnik verstört der kongeniale Chor der Accademia schon in den ersten fünf A-capella-Minuten sensible Hörer: "scala enigmata" (rätselhafte Reihe) nannte Verdi die verwendete Tonalität, die auf Dur und Moll verzichtet, auch nicht zwölftonig organisiert ist, jedoch mit krassen Intervallen überrascht. Dieses "Ave Maria" zu Beginn gipfelt sofort meditativ, keine Donnerschläge, kein Ewigkeitsschock.

Die folgen bald: Zum Beispiel beim machtvollen zweiten Satz, dem "Stabat mater", der forsch kontrastierend losorgelt und dem Orchester reichlich Gelegenheit bietet, große Gefühle auszuleuchten. Der feinsinnig zeichnende Pappano verzichtet darauf, Effekte vordergründig auszukosten, und erreicht so die dichte Verbindung von Chor und Instrumentalisten. Aus dieser konzentrierten Fülle lässt er dann die sorgfältig aufgebauten Höhepunkte und dynamischen Extreme umso heller leuchten. Die Sopranistin Donika Mataj setzt im abschließenden "Te Deum" vokale Glanzlichter, während nach halber Strecke des viertelstündigen Schlusssatzes das Blech wie bei "Aida" glänzt.

Vorzug für Verdi

Antonio Pappano, 1959 in Epping bei London geboren, erlernte wie es sich für einen künftigen Dirigenten gehört, zunächst das Klavierspiel, bevor er Komposition und Dirigieren studierte. Bereits mit 21 Jahren überzeugte er als Korrepetitor an der New York City Opera Daniel Barenboim, der ihn als Assistent nach Bayreuth verpflichtete. Dort debütierte Pappano dann 1999 mit dem "Lohengrin". Gemeinsam mit Plácido Domingo und Nina Stemme spielte er eine markante "Tristan und Isolde"-Version ein (2005), denn neben seinen Verdi-Aufnahmen überzeugen gerade auch seine differenzierten Wagner-Ideen. Bei den Salzburger Festspielen 2013 gab er allerdings wieder Verdi den Vorzug: Antonio Pappanos "Don Carlo"-Premiere mit den Wiener Philharmonikern erntete große Zustimmung.


Sacred Verdi: Quattro Pezzi Sacri. Chor und Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Roma, Leitung: Sir Antonio Pappano mit Donina Mataj, Sopran, Maria Agresta, Sopran. Warner Classics/EMI; 16,99 Euro.

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insgesamt 5 Beiträge
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rastar 24.08.2013
1. Marketing allüberall?
Ach, ich bitte Sie... Die große Beliebtheit von Verdis Requiem bis zum heutigen Tag ist das Ergebnis von cleverem Marketing? So ein Unsinn. Man sollte da wohl eher (möglicherweise...) die Qualität der Musik als Ursache in Erwägung ziehen. Im übrigen war es auch schon im 19. Jhdt. durchaus Sitte, Oratorien und Konzertmessen (wie die Missa Solemnis oder das Deutsche Requiem) im Konzertsaal aufzuführen. Ein nennenswerter Erkenntnisgewinn ist Ihren Ausführungen jedenfalls nicht zu entnehmen. Allerdings ist es einigermaßen verblüffend und vielleicht lehrreich zu sehen, in welch 'weit entfernte' thematische Spezialgebiete neoliberale Mythenbildung und betriebswirtschaftliche Denkfiguren mittlerweile vorgedrungen sind.
Joachim Baum 24.08.2013
2.
Zitat von rastarAch, ich bitte Sie... Die große Beliebtheit von Verdis Requiem bis zum heutigen Tag ist das Ergebnis von cleverem Marketing? So ein Unsinn. Man sollte da wohl eher (möglicherweise...) die Qualität der Musik als Ursache in Erwägung ziehen. Im übrigen war es auch schon im 19. Jhdt. durchaus Sitte, Oratorien und Konzertmessen (wie die Missa Solemnis oder das Deutsche Requiem) im Konzertsaal aufzuführen. Ein nennenswerter Erkenntnisgewinn ist Ihren Ausführungen jedenfalls nicht zu entnehmen. Allerdings ist es einigermaßen verblüffend und vielleicht lehrreich zu sehen, in welch 'weit entfernte' thematische Spezialgebiete neoliberale Mythenbildung und betriebswirtschaftliche Denkfiguren mittlerweile vorgedrungen sind.
Einer der größten Vermarkter seiner Werke war G.F. Händel - die Qualität (und Stil) seiner Werke war zum größten Teil auf den jeweiligen Publikumsgeschmack seiner Zeit und den Allüren der Gesangsstars zugeschnitten. Das soll nicht seine Genialität schmälern, im Gegenteil, aber so ganz uneigennützig (und geschäftsuntüchtig) waren eben er und viele seiner Kollegen eben nicht.
sysop 24.08.2013
3. Selbstverständlich...
...ist die überwältigende Qualität der Musik der wichtigste Faktor, und Verdis Requiem steht ganz einzigartig und faszinierend da! Aber er war eben ein vielseitig denkender Mensch, der nicht nur von Musik etwas verstand.Und das macht ihn als Menschen nur noch beeindruckender. Und zu Händel: Es gibt ein sehr flott geschriebenes Buch über den Meister und seine Zeit, "Tumult und Grazie" (Hoffmann und Campe 2008) von Karl-Heinz Ott, amüsant, informativ und kundig, sehr zu empfehlen. Werner Theurich / Spiegel Online
Sou Vereign 24.08.2013
4. Nichts ist selbstverständlich
Überwältigende Qualität der Musik ist leider nicht der wichtigste Faktor, oder wie erklärt es sich, dass noch immer wahnsinnig tolle Kompositionen von Frauen nicht oder so gut wie nicht gespielt und aufgeführt werden? Die meisten Dirigenten (!) scheuen sich, neue oder wiederzuentdeckende Werke einzustudieren, viele VeranstalterInnen scheuen sich, Unbekannteres anzugehen aus Angst, dafür kein Publikum zu finden. Dabei gibt es unzählige Werke, die sagenhaft großartig sind wie z.B. Ethel Smyths "Messe in D", die vor rund 100 Jahren sogar die Royal Albert Hall vollbekommen hat und die man mit Sicherheit wieder vollbekommen würde - vorausgesetzt, jemand würde sich ihrer annehmen und ein tolles Marketingkonzept dafür entwickeln. Dass Frauen(musik) kein Gehör finden/t liegt nämlich auch daran, dass die Suchmaschinen der Notenverlage schlecht aufgezogen sind: anstatt nach dem Schlagwort "Komponistin" suchen zu können, geht nur eine Namenssuche. Hat man dazu aber noch nichts als Musikinteressierte/r, spucken diese Maschinen auch nichts aus und es hat den Anschein, als gäbe es keine Musik von Frauen. Einige Verlage geben ausschließlich Musik von Frauen heraus wie z.B. der Furore-Verlag in Kassel. Das weltweit größte und bedeutendste Archiv für Musik von Frauen (Archiv Frau und Musik) in Frankfurt ist gar von der Schließung bedroht. Vereine wie musica femina münchen e.V. kämpfen darum, dass Musik von Frauen gleichberechtigt mit der Musik von Männern auf Bühnen, im Radio, im Konzert etc. zu hören sind - aber leider zieht die breitere Masse des Publikums nicht mit, eben WEIL u.a. das Marketing rund um Frauenmusik in den letzten Jahrzehnten nicht intensiv genug gefördert wurde. Es gibt noch so viel zu tun - so viele grandiose Werke warten auf ihre Entdeckung...
kdgraewe 24.08.2013
5. Der uralte Unterschied...
... zwischen dem genialen Hungerleider und dem geschäftstüchtigen Genie begleitet von Anbeginn die Musik-, Kunst- und Menschheitsgeschichte. Wohl dem, der (wie u.a. Verdi) sich in mehreren Métiers auskennt. Oder kompetente Urheberrechtler an seiner Seite hat. Die chromatische Tonleiter, die Verdi als "musikalisches Rätsel" 1888 in der "Gazetta musicale di Milano" vorfand und anschließend im eigenen Ave Maria verarbeitete, nannte sich recte übrigens eine "scala enigmatica".
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