Dirigentenstars Da rauscht der Bach

Yannick Nézet-Séguin gehört zu den erfolgreichen jungen Dirigenten. Unter anderem darum: Der wilde Strawinsky und der milde Bach auf einem Album, sie verstehen sich prächtig unter seinem Taktstock. Es gab allerdings einen weiteren Vermittler.

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Harald Hoffmann/ DG

Ein Mann fürs Gewöhnliche war Leopold Stokowski (1882-1977) nie. Der amerikanische Orchesterchef konnte Ravels "Bolero" wie eine melancholisch-trunkene Ballade dirigieren, er arrangierte gern einmal die Noten bei Brahms, Beethoven oder Wagner neu, er kritisierte sogar Johann Sebastian Bach, den Godfather der reinen Form, für seine Betulichkeit. Dafür schwang Stokowski den Taktstock auch mal für Walt Disneys Popklassik-Opus "Fantasia" und debattierte mit einem wie Glenn Gould über neue Interpretationsformen. Stokowski wurde sogar als Vergleich bemüht, um seinerzeit die Unseriosität der frühen Darbietungen von Vladimir Horowitz zu charakterisieren, wie der Pianologe Joachim Kaiser berichtete. "Kontrovers" war sein zweiter Name.

Völlig klar, dass so ein Mann den emporstrebenden Pult-Athleten Yannick Nézet-Séguin interessieren muss. Der kanadische Dirigent (geboren 1975) leitet derzeit das Philadelphia Orchestra, Gastverpflichtungen führen ihn regelmäßig zu den internationalen Spitzenorchestern. Er hat sich für seine neue CD also ein paar von Stokowskis Bach-Bearbeitungen herausgepickt, unter anderem den scheinbar ausgespielten Kirchen-Hit Toccata und Fuge in d-Moll. Wie logisch Stokowski (er war selber ausgebildeter Organist) den Orgelklang ins Orchestrale rauschen lässt, verblüfft: Ihm gelingt es, sowohl die filigranen Einzelstimmen zu erhalten, wie auch den Geist der Kompositionen mit den Mitteln der Ensemblefülle zu verstärken.

Von der Orgel zum Orchester

Bach ohne überzogenen Pomp, aber mit neuen, symphonischen Akzenten und Zutaten der Romantik. Yannick Nézet-Séguins Sinn für scharfe Konturen, Klarheit und Kraft spüren dem Überschwang Stokowski wie der Struktur Bachs kongenial nach, sein Philadelphia Orchestra schärft jedes Klangdetail heraus. So wird aus der feinen Passacaglia und Fuge c-Moll (BWV582) eine Studie in Barock gewürzt mit einem kräftigen Schuss Brahms. Das war seinerzeit nichts für Puristen, und auch heute noch sträuben sich manchem Bach-Verehrer die Nackenhaare. Anregend und kraftvoll ist diese Musik allemal, und manchmal spannt sich sogar die verblüffende Brücke zur Kammermusik eines Igor Strawinsky.

Nichts für Puristen

Auch das kann kein Zufall sein, denn Maestro Stokowski leistete seinerzeit Pionierdienste in den USA für Strawinskys Konzertsaal-Eruption "Le Sacre du Printemps", deren wilde Wallungen und schroffe Gegensätze ganz dem nonkonformistischen Geist Stokowskis entsprachen. Smarte Wahl also von Yannick Nézet-Séguin, dieses ehemals skandalisierte "Frühlingsopfer" Strawinskys mit den Bach-Exegesen seines Fans Stokowski auf der CD zu verbinden. Gegensätze auf den Punkt und in geschlossene Form zwingen: Das ist Nézet-Séguins großes Talent.

Man muss ihn im Konzert (oder auf DVD) erleben, da spürt man, was die Liaison zwischen pädagogischem Lächeln und fester Hand bewirken können. Sein zackig harter Schlag bindet die unterschiedlichen Aspekte des Werkes, das zwischen brutaler Wucht und zarter Naturpoesie irrlichtert und in der Interpretation des Philadelphia Orchestras auch heute noch verstören kann. Nézet-Séguin wählt forsche Tempi, die aber kaum schneller sind als jene, die Pierre Boulez 1992 mit dem Cleveland Orchestra für seine hoch gelobte Aufnahme wählte. Der ungestüme Kanadier lässt festen Zugriff wirken, zum Bilderstürmer taugt er allerdings nicht. Genau diese Kombination wird seine Karriere in den nächsten Jahren noch erheblich vorantreiben.


Strawinsky - Stokowski: The Rite of Spring, Bach Transcriptions. The Philadelphia Orchestra, Ltg.: Yannick Nézet-Séguin. Deutsche Grammophon; 16,99 Euro.

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CBS@Klassik.TV 15.10.2013
1. reingehört...
Lieber Herr Theurich, in Bezug auf Nézet-Séguin gebe ich Ihnen völlig recht. Er ist einer der Rising Stars. Und es stimmt, dass man ihn am besten beim Dirigieren zuschaut. Da ist das Feuer definitiv entfacht. Das gilt auch in vollem Umfang für das Sacre. Geradlinig, direkt und hart. Ohne Schnörkel. Und mit einer großen Leidenschaft für Innenstimmen. Großartig. Leider kann ich bei Stokowski's Bach-Bearbeitung nicht ganz folgen. Vor dem Hintergrund ihrer Entstehungsgeschichte verständlich, aber aus heutiger Sicht selbst ein einer weitgehend ent-romantisierten Form immer noch mehr Nebel als Erkenntnis. Alleine die (aus meiner Sicht) völlig verzichtbaren Rubati sind schon ein Grund, sich wieder z.B. den guten alten Richter an der Orgel anzusehen und -hören.
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