Violin-Virtuose Roth Ein bisschen Ernst muss sein

Linus Roth liebt das Ungewohnte: Auf seiner neuen CD interpretiert der Violinist den Komponisten Karl Amadeus Hartmann neu. Obwohl es auch um Trost und Trauer geht - die lustvollen Momente überwiegen.

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Wildundleise.de

Es müssen nicht immer Mendelssohn, Mozart oder Beethoven sein, wenn man als Virtuose mit der Violine bezaubern will. Karl Amadeus Hartmann ist ein Komponist, den bereits Ingo Metzmacher als Dirigent aus dem Genie-Dornröschenschlaf wachküsste. Das gelang ihm bravourös mit dem symphonischen Werk. Doch da geht noch mehr: Den Geigen-Part der Wiederbelebung übernimmt jetzt der stets abenteuerlustige deutsche Musiker Linus Roth. Der spielt auf seiner neuen CD "Wartime Consolations" (Challenge Classics), als ginge es wirklich um letzte Dinge - eben um wahren Trost (Consolation), nicht nur in Kriegszeiten.

Roth startet mit Hartmanns verstörend betörendem "Concerto Funèbre". Von Spezialisten wird das Bestattungskonzert gern gespielt und aufgenommen, es gilt aber eher als Geheimtipp denn als Hit der E-Musik. In Roths Version lebt es höchst beeindruckend auf. Und dass Hartmann, Jahrgang 1903, ein Schüler Anton Weberns war, klingt zwar an, doch die Musik des Münchner Avantgardisten hat mit strenger Zwölftontechnik nur am Rande zu tun.

"Vor allem möchte ich so schreiben, dass man mich versteht", fasste Hartmann eines seiner künstlerischen Ziele 1965 einmal in Worte. "Es kam mir darauf an, meine auf Humanität hinzielende Lebensauffassung einem künstlerischen Organismus mitzuteilen." (Kleine Schriften). Wie überzeugend dieses anspruchsvolle Ansinnen dem Komponisten gelang, zeigt sein Trauerkonzert von 1939, das er nach 20 Jahren noch einmal überarbeitete.

"So schreiben, dass man mich versteht!"

Wenig traurig, beinahe wütend klingt der knackig rhythmisierte dritte Satz "Allegro di molto", schließlich gehört zur Trauer auch die Bewegung nach vorn. So zupackend, wie sich Roth und das kraftvoll intonierende Württembergische Kammerorchester Heilbronn unter dem armenischen Dirigenten Ruben Gazarian auf die Noten stürzen, so plastisch leuchten die Gefühle und Affekte, die sich der Komponist in der Wirkung wohl so vorgestellt hat.

Das versteht sich dann tatsächlich schnell von selbst und wirkt dennoch nicht vordergründig. Viel virtuosen Anspruch hat Hartmann in seine Trauermusik hineinkomponiert, den Linus Roth mit hörbarer Begeisterung realisiert. Selbst aus dem gezügelten Adagio des zweiten Satzes schlagen der Solist und das Ensemble blitzende Funken, Linus Roth schwingt sich effektvoll, doch nie schmachtend in die geforderte Höhe: Akzente, die den Hörer wie in eine dramatische Handlung hineinziehen.

Fast romantisch und hochmelodiös bezaubert dagegen Mieczyslaw Weinbergs (1919-1996) feinsinniges Concertino op. 42, das Linus Roth dem spröden Hartmann-Werk folgen lässt. Viele Einflüsse aus osteuropäischer Folklore finden sich im Werk des in Warschau geborenen Weinbergs, aber auch Anklänge an die Musik seines Freundes Schostakowitsch und eine Prise Bartok formen sich im reichen Oeuvre Weinbergs zu einem eigenen Sound. In immerhin 21 Symphonien, viel Kammermusik, Liederwerken und Chormusik fächert Weinberg eine große Ideenfülle auf. Darunter findet sich bestes Virtuosenfutter, wie das 17-minütige flotte Konzert zeigt. Nur mit makelloser Technik und resolutem Ton gerät diese schlank gehaltene Schonkost zu einer Delikatesse: Linus Roth zelebriert das Werk in dichtem Dialog mit dem Württembergischen Kammerorchester. Auch das abschließende, tänzelnde Allegro moderato scheint wolkenleicht und dennoch farbig auf.

Neuentdeckung von Schostakowitsch

Seine Verbundenheit mit Mieczyslaw Weinbergs Musik dokumentierte Linus Roth nicht nur durch die Einspielung vieler Werke für Violine, sondern auch mit der Gründung der internationalen Weinberg-Gesellschaft, die sich der Forschung und Interpretation der Musik des Komponisten widmet.

Als überraschende Zugabe auf der CD gibt es noch fünf Minuten Schostakowitsch, in Gestalt der unvollendeten und noch nie eingespielten Sonate für Violine und Klavier von 1945, der sich Linus Roth und Pianist José Gallardo mit vitaler Entdeckerfreude widmen. In ihrem peniblen Feinschliff, der bis in die kleinste Form der Interpretation reicht, finden die beiden Musiker zusammen. Das verwundert nicht: Schließlich verbindet Roth mit dem argentinischen Pianisten und Kammermusik-Spezialisten José Gallardo eine langjährige künstlerische Partnerschaft.

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  • Linus Roth/Violine, Württemberger Kammerorchester Heilbronn, Ruben Gazarian/Ltg., José Gallardo/Klavier:
    Wartime Consolations

    Hartmann/Weinberg/Schostakowitsch

    Challenge Classics; CD 72680; 26,98 Euro.

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Zum Autor
Werner Theurich, Jahrgang 1954, betreut bei SPIEGEL ONLINE die Leserdebatten, schreibt aber auch für das Kultur-Ressort und den KULTUR SPIEGEL über Konzertmusik, Oper und Theater. Gern missioniert er bei Kolleginnen und Kollegen in Sachen Richard Wagner, allerdings mit durchwachsenem Erfolg. Außerdem hält er es mit dem Lester Bangs zugeschriebenem Diktum, "Wenn der Begriff 'großer Künstler' nicht für Mozart und Chuck Berry gleichermaßen gelten kann, sollte er besser auf dem Müll landen!".

E-Mail: Werner_Theurich@spiegel.de

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
dingodog 14.06.2015
1. Interessant, aber teuer
Danke, schöner Musiktip, speziell der Hinweis auf die unvollendete Violinsonate von Schostakowitsch. Passt auch perfekt in das Programm eines Webradios für moderne Klassik (twentysound). Aber 27 Euro für eine CD finde ich schon extrem teuer, auch im Vergleich mit anderen qualitativ hochstehenden Einspielungen.
Jardianer 14.06.2015
2. Durchaus hörbar
Leider treten zu viele erstklassige Komponisten in der deutschen Medienöffentlichkeit nicht in Erscheinung. Dies liegt nicht an den Komponisten, sondern an den Redakteure, die es einer Tauben nachmachen: nichts hören, nicht darüber sprechen und sich selbst im Spiegel bewundern. Und es liegt an den Medienerzeugnissen, die Kultur hassen. Selbst einer der der wichtigsten sowjetischen Komponisten der 1930er bis 50er Jahre mit einer stupenden Musikalität, Aram Khachaturian, findet keine Beachtung. Ich habe kürzlich sein Violinkonzert in D-Moll von Henryk Szernyk gehört, das einfach wunderbar ist und zu den grossen Violinkonzerten der Musikgeschichte zählt. Es ist nach meinen Kenntnissen für David Oistrach geschrieben worden, der aber mit diesem Werk nicht so gut fertig wurde. Es gibt davon keine deutsche Aufnahme. Der Herr Roth wäre dazu in der Lage. Er ist ein Virtuose. Von Aram Khachaturian gibt es auch dieses Musical „Gayaneh“, dass es durchaus mit der West Side Story von Leonard Bernstien aufnehmen kann. Die Deutschen kennen daraus nur ein Stück: Kosakenkaffee aus der Werbung. Das Concertino von Weinberg, op 42., Allegro moderato erinnert mich an ein Stück von Niccolò Paganini, den ich nicht so wertschätze. Trauermusik ist ebenfalls nicht mein Fall. Ich stehe eher auf die Heiterkeit bei Vivaldi aus dem frühen 18. Jahrhundert, z.B. in seinen Experimentalstücken für Pisendel. Der war -wie Prof. Roth- ein deutscher Violonist und reiste nach Venedig, um dann mit Vivaldi zusammen zu erkunden, welche neuen Ausdrucksformen die schon damals alten Geigen von Stradivari ermöglichten.
adelinderoth 15.06.2015
3. Nicht zu teuer!
Zitat von dingodogDanke, schöner Musiktip, speziell der Hinweis auf die unvollendete Violinsonate von Schostakowitsch. Passt auch perfekt in das Programm eines Webradios für moderne Klassik (twentysound). Aber 27 Euro für eine CD finde ich schon extrem teuer, auch im Vergleich mit anderen qualitativ hochstehenden Einspielungen.
Ich habe für diese CD bei jpc nur 16,99€ bezahlt!!
dingodog 17.06.2015
4. Ich auch...
Zitat von adelinderothIch habe für diese CD bei jpc nur 16,99€ bezahlt!!
Ich auch, habe ich später herausgefunden, aber die Ergänzungsinfo wurde wohl nicht freigegeben. Heute ist die CD gekommen, sehr wertig, eine SACD mit CD-Kompatibilität und mit dickem und sehr informativem Beiheft. Musikalisch gefällt sie mir sehr gut, ein Anlass, sich mehr mit Karl Amadeus Hartmann zu beschäftigen. Den Betrag von 16,99 eindeutig wert!
mmengi 24.06.2015
5. grandios
K A Hartmann ist grandios - eine wichtige Persönlichkeit der deutschen Musik des 20.Jahrhunderts.
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