Chartstürmer Passenger und Bastille: Die Scham ist doof

Von Jörg Böckem

Unerwartete Chart-Erfolge: Kawumm! Ab in die Tonne damit! Fotos
Angelo Kehagias

"Kuschel-Pop als Teddy-Ersatz für Mädchen" - zwei von der Musikpresse geschmähte oder gleich ganz ignorierte Alben werden zum Soundtrack des Sommers. Wie kann das sein? Unser Kritiker verliert jedenfalls kein böses Wort über Passenger und Bastille.

Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser, müssen jetzt ganz tapfer sein. Was Sie hier lesen werden, wird Ihnen nicht gefallen. Trotzdem, es muss raus: Sie haben ganz offensichtlich keinen Geschmack! Punkt. Na ja, vielleicht nicht jeder Einzelne von Ihnen, aber zumindest ein großer Teil. Anders ist es nicht zu erklären, dass zwei Alben, die von der Kritik teils ignoriert, teils geschmäht wurden, sich anschicken, zum Soundtrack des Sommers aufzusteigen.

Sie waren gewarnt. Schon im vergangenen Jahr beschlossen Musikkritik und Feuilleton mit all ihrem Fachwissen und ihrer Geschmackssicherheit, den Folkpop des ehemaligen Straßenmusikers Mike Rosenberg, alias Passenger, und sein Album "All The Little Lights" geflissentlich zu ignorieren. Die Sache schien ausgemacht: Rosenberg, der 2011 von der Frau des Chefs von Embassy of Music, einem Berliner Independent-Label, auf den Straßen von Melbourne entdeckt wurde, würde bald wieder mit der Gitarre am Straßenrand sitzen. Ließ sich ein Kritiker dann doch herab, über das Album zu schreiben, klang das so: "Passenger (Mike Rosenberg) ist einer dieser Softtöner, die James Blunt kopieren. Süffiger Kuschel-Pop für Mädchen, die nach einem Teddy-Ersatz suchen." Kawumm! Das hat gesessen!

Passenger - "Wrong Direction"
Mehr Videos von Passenger gibt es hier auf tape.tv!
"Wrong Direction"-Videoclip von Passenger auf tape.tv ansehen

Und was tun Sie, verehrte Leser? Jubeln diesem Typen bei Konzerten zu! Klicken seine Single "Let Her Go" bei YouTube 20 Millionen Mal! Kaufen das Stück auf Platz 1 der Single Charts! Geraten bei Amazon in kollektive Verzückung, schwärmen von Rosenbergs Stimme, seinen kompositorischen und musikalischen Fähigkeiten, der "gefühlvollen Musik"!

Nächstes Beispiel: Bastille, die Alternativ-Rock-Band des britischen Songwriters Dan Smith. Total uncool, der Kerl! Von der Geschmackspolizei des britischen Musikzentralorgans "New Musical Express" ebenso verachtet und geschmäht wie vom Musikmagazin "Q" und dem "Guardian", dessen Autor in Smith eine Kreuzung zwischen Coldplay-Langweiler Chris Martin und Pop-Jüngelchen Justin Bieber ausgemacht hat.

Für sein Album "Bad Blood" gab es dort gerade mal zwei von fünf möglichen Sternen. Zwei von fünf! Unter dem Durchschnitt! Und trotzdem ist es dem Kerl gelungen, durch perfide Strategien wie das Platzieren seiner Songs im Fernsehen und in Computerspielen - und natürlich durch Unterstützung von Menschen wie Ihnen, verehrte Leser - nach der Spitzenposition in den britischen Charts auch in die deutschen einzusteigen und die Konzertsäle mit euphorischen Fans zu füllen. Bastilles Hit "Pompeii" ist im Radio allgegenwärtig.

Bastille - "Pompeii"
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"Pompeii"-Videoclip von Bastille auf tape.tv ansehen

Wie bitte ist das möglich? Das war so nicht vorgesehen! Haben Sie keinen Respekt vor dem Sachverstand der Kritiker? Werden die etwa in Zeiten des Internets und der sozialen Netzwerke, ähnlich wie die Plattenfirmen, wenn nicht obsolet, so doch bedeutungslos? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Das Ganze lässt nur den einen Schluss zu - der Schwarm ist doof! Und Geschmack hat er natürlich auch keinen.

Aber das wussten Kritiker ja schon immer, in gewisser Weise ist diese Erkenntnis ihre Arbeitsgrundlage. Wahrscheinlich lesen die Passenger- und Bastille-Hörer auch genau jene Bücher, die der Literaturkritiker Denis Scheck in seiner Sendung "Druckfrisch" mit Verve in die Tonne haut. Und schämen sich nicht mal dafür.

Sie möchten wissen, wie die beiden Alben klingen? Wie der Autor dieses Textes sie bewertet? Nein, möchten Sie nicht. Sie hören ja eh, was Sie wollen. Viel Spaß dabei! Wenn's denn sein muss.


CDs
Passenger:
All The Little Lights. Embassy Of Music/Warner; 12,99 Euro.
Bastille: Bad Blood. Virgin/Universal; 9,99 Euro.

Tourneen
Passenger: 4./5.*11. Hamburg, 7.11. Köln*, 8.11. Frankfurt/M.*; 10.11. Berlin; 12.11. München*. Karten: Fkp Scorpio; * ausverkauft.
Bastille: 12.11. Herford; 18.11. Hamburg; 22.11. München. Karten: Marek Lieberberg Konzertagentur.

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insgesamt 35 Beiträge
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    Seite 1    
1. Experten
noalk 05.07.2013
Kritiker halten sich für Experten. Unter denen gibt es selbsternannte und tatsächliche. Die tatsächlichen Experten erkennt man daran, ... ja an was eigentlich? Die Selbsternannten erkennt man jedenfalls daran, dass sie oft falsch liegen, weil sie ihre eigene Meinung über Fakten stellen. Und dass die Mehrheit oft das bevorzugt, was von Experten verschmäht wird, ist ja wohl in allen Lebensbereichen zu finden, insbesondere in denen, welche die menschlichen Sinne ansprechen.
2. Hmmm...
lyseas 05.07.2013
beides recht langweilig, eintönig, konform, angepasst. Sicherlich nicht schlecht, aber halt uninteressant...
3. The show must go on
boblinger 05.07.2013
Ach, Herr Böckem, das ist doch alles nun wirklich nix weltbewegend Neues. Ich meine, Phil Collins? Also tapfer sein, jeden Tag einmal Kreislers "Musikkritiker" hören. Der Rest ist Schweigen.
4. Sperrig und uneingängig...
Grestorn 05.07.2013
Sperrig und uneingängig ist die Mindestvoraussetzung, damit ein Kritiker irgendein Werk (egal welcher Kunstrichtung) als "wertvoll" erachtet. Denn nur so macht er der Umwelt klar, dass er ihr - die ja per Definition eben nur Mainstream ist und sich von seichten, eingängigen, primitiven Werken einlullen lässt - ja so sehr überlegen ist.
5. Erfrischend
esheisstextravertiert 05.07.2013
Naja, dass die Beurteilungen bzw. Nichtbeurteilungen von Kritikern nichts mit musikalischer Güte zu tun haben müssen ist doch bekannt. Ein schönes Beispiel hierfür ist aus meiner Sicht das Album "The Resistance" von Muse. Als es 2009 erschien, war es den Kritikern von SPON nicht eine Zeile wert, 2010 gewann es den Grammy für das beste Rockalbum. Auch der Nachfolger "The 2nd Law" wurde nicht besprochen. Da scheint jemand Muse nicht zu mögen. Insofern finde ich es sehr erfrischend, dass Publikums- und Kritkergeschmack sich nicht decken. Wenn nur das aus dem Radio dudeln würde, was die Kritiker in den Himmel loben, wäre die Welt ein traurigerer Ort :-).
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