"Freischütz"-Skandalinszenierung in Hannover CDU regt sich über "German Trash Theater" auf

Depressive Riesenkaninchen und ein Jäger, der mit einer Zauberkugel eine Frau erschießt - das soll "Der Freischütz" sein? In Hannover kann die CDU über "diese Niveaulosigkeit" nicht lachen und verlangt vom Kulturdezernenten "durchzugreifen".

"Freischütz"-Inszenierung in Hannover: CDU will, dass "durchgegriffen" wird
Thomas M. Jauk/ Stage Picture

"Freischütz"-Inszenierung in Hannover: CDU will, dass "durchgegriffen" wird


"Der Freischütz" von Carl Maria von Weber. Die deutsche Nationaloper schlechthin, 1821 in Berlin uraufgeführt, eine kurz nach Ende des Dreißigjährigen Krieges angesiedelte, romantisierende Geschichte über die nationale Wiedergeburt Deutschlands. Und jetzt, in Hannover? Wird dieses Deutschland durch den Kakao gezogen. Oder durch den Dreck, wie man es nimmt. Die CDU-Ratsfraktion Hannover jedenfalls protestiert vehement.

"Dass das German Trash Theater nun offenbar mit dem 'Freischütz' auch die Schulen in Hannover erreicht, ist in höchstem Maße befremdlich!", lässt der kulturpolitische Sprecher der Fraktion, Oliver Kiaman, in einer Pressemitteilung wissen. Und weiter: "Das ist ein unsäglicher Kulturverlust zu Gunsten vermeintlich wichtiger Dekonstruktion, angeblich gegenwartsbezogener Kontextualisierung und offenbar sensationsgetriebener Einmaleffekte."

In der "Freischütz"-Version des Dortmunder Schauspielhaus-Chefs Kay Voges hoppeln depressive Riesenkaninchen herum, Neonazis und Fußball-Prolls stürmen die Bühne, ein Jäger erschießt mit einer Zauberkugel eine Frau mit Kopftuch. Und in Filmclips und Einspielungen geschehen noch viel schrecklichere Dinge. Das Stück ist deshalb erst ab 16 Jahren freigegeben. Das überregionale Feuilleton ist überwiegend begeistert.

Für wütenden Streit sorgt in Hannover vor allem Kiamans Aussage, der Kulturdezernent der Stadt solle durchgreifen und "bei aller Freiheit für die Kunst dafür Sorge tragen, dass die Schätze, die uns Dichter und Komponisten hinterlassen haben, lebendig bleiben und nicht ins Niveaulose und Beliebige gezogen werden".

Daraufhin wurde Kiaman vorgeworfen, er wolle Kunst zensieren. Voxi Beerenklau, der Künstler, der die Multimedia-Einspielungen entwarf, schrieb Kiaman: "Damit werden Sie, als kleiner unbedeutender Sprecher einer offensichtlich empörten Partei im kleinstädtisch konservativen Hannover, sicher Wählerstimmen fischen, aber lassen Sie das demokratische Prinzip der Nichteinmischung der Politik in die Kunst genauso zu wie wir, die als Künstler sich nicht in die Politik einmischen."

Oliver Kiaman selbst sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, er sei falsch verstanden worden. Er habe nicht der Zensur das Wort reden wollen und habe auch nichts gegen zeitgenössisches Theater. Seine Sorge gelte den Schulen, die im Rahmen des Lehrplans in der 8. Klasse den "Freischütz" besuchten und dieses Jahr wegen des FSK-16-Labels ausgeschlossen sein.

"Viele Klassen hatten schon gebucht, und eine Woche vor der Aufführung hieß es plötzlich, die Inszenierung sei nicht adäquat für Jugendliche unter 16 Jahren." Das passe nicht zum Bildungsauftrag der Staatsoper.

Regisseur Kay Voges dürfte der Ärger wenig ausmachen. Er hatte schon im Vorfeld angekündigt: "Ich komme nicht nach Hannover, um hier geliebt zu werden, sondern um einen Impuls zu setzen." Das ist ihm offensichtlich gelungen.

kae

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insgesamt 45 Beiträge
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spon-facebook-10000181798 15.12.2015
1. ich bin beeindruckt:
"zu Gunsten vermeintlich wichtiger Dekonstruktion, angeblich gegenwartsbezogener Kontextualisierung und offenbar sensationsgetriebener Einmaleffekte." Ich halte mich selber für relativ wortgewandt, aber so ein Satz wäre mir nicht eingefallen. Chapeau, Herr Kiaman.
nordlys 15.12.2015
2. Fear
Warum geißelt die CDU nicht das Machwerk FEAR der Berliner Schaubühne? Entspricht es dern Vorstellungen von "christlich", wenn die Mordlust am politischen Gegner inszeniert wird?
egmc2 15.12.2015
3. Ich find´s lustig
Zitat: "hoppeln depressive Riesenkaninchen herum, Neonazis und Fußball-Prolls stürmen die Bühne, ein Jäger erschießt mit einer Zauberkugel eine Frau mit Kopftuch" Das hat was. Man sollte mal über das Althergekommene hinausdenken, auch und vor allem kulturell. Und vor allem die depressiven Riesenkaninchen karikieren die Deutschen sehr gut. Das ist Satire. Sogar eine sehr treffende! Niveaulos ist, wer zensiert oder Zensur fordert.
Kometenhafte_Knalltüte 15.12.2015
4.
"...zu Gunsten vermeintlich wichtiger Dekonstruktion, angeblich gegenwartsbezogener Kontextualisierung und offenbar sensationsgetriebener Einmaleffekte..." Besser kann man es garnicht ausdrücken. Kurz und prägnant. Oliver Kiaman trifft den Nagel auf den Kopf! Frage an den SPIEGEL: Würdet ihr auch eine Theaterinszenierung verteidigen, die als Hauptthema den Koran bis ins Lächerliche überzeichnet? Oder messt ihr mit zweierlei Maß?
whocaresbutyou 15.12.2015
5. was man(n) in Bayern so Kultur nennt...
... nennt der Rest der Welt Altertum. Kunst kommt bekanntlich nicht von Können und was wo, wann, wie und von wem aufgeführt wird, sollte man den Zuschauern überlassen und nicht Politikern, auch wenn die im Inszenieren großer Dramen ja durchaus Übung haben. Und depressive Riesenkaninchen und Zauberkugeln sind in der CDU ja nun auch nichts neues... Davon mal abgesehen habe ich allerdings seit geraumer Zeit den Verdacht, dass, seit nackte Brüste in der Kunst nicht mehr "shocking" genug sind, Nazis, Fremdenhass oder sonstige Hirnlosigkeiten herhalten müssen, um Presse zu erzeugen, weil meisten "Kunstbenutzer" sich den Mist einfach nur deshalb ansehen, wenn irgendwer sich darüber aufregt...
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