Jazzwunder McLorin Salvant Billie mit Brille

Sie liebt Jungs, die rauchen, und singt den Jazz, ohne sich anzubiedern. Die 27-jährige Cecile McLorin Salvant, multikulturell und multilingual, gilt als die Erbin von Billie Holiday und Sarah Vaughan.

Mark Fitton

Die Musicbiz-Weisheit "Jazz doesn't sell" gilt nicht für Sängerinnen und Sänger. Ella Fitzgerald, die in diesem Jahr hundert geworden wäre, hat in ihrer jahrzehntelangen Karriere Millionen Platten verkauft. Ihre trillierende Stimme kannten weltweit Leute, die nicht wussten, dass "Ella" mit Nachnamen Fitzgerald hieß. Heute sind Diana Krall und Norah Jones über die Jazz-Gemeinde hinaus bekannt. Große Hallen füllt auch Gregory Porter. Freilich eiern die drei zwischen den Genres Jazz und Pop hin und her. Porter ist sogar in der weihnachtlichen ZDF-Schlager-Show im Duett mit Helene Fischer aufgetreten.

Müssen sich Jazzer anbiedern? Gibt es Massenerfolge nur im Pop/Schlager-Geschäft? Haben jene recht, die behaupten, Vocal Jazz sei überholt - der Einsatz der Stimme wie ein Instrument beim "scatten", die Improvisation über Ohrwürmer aus dem Great American Songbook, die Darbietung von 80 Jahre alten Blues-Balladen?

"Ich liebe es, wenn ein Song hundert Jahre alt ist und immer noch die Menschen anspricht", sagte Cecile McLorin Salvant kürzlich dem "New Yorker". Lieber als aktuellen Pop zu covern, möchte sie "Stücke von zeitloser Qualität singen". Die 27-Jährige hat kaum bekannte Kompositionen von Kurt Weill ausgegraben; Evergreens von Irving Berlin interpretiert sie absolut eigensinnig. Und Salvants Gesang ist Jazz. Ihre Phrasierung, ihre Abwandlungen der Originalmelodien erinnern an Sarah Vaughan und Billie Holiday. Ihrer Stimme kann voll oder heiser klingen, mädchenhaft und theatralisch.

"Eine Sängerin wie die gibt es in einer Generation nur ein- oder zweimal", schwärmt der Trompeter und Jazz-Chef am New Yorker Lincoln Centre, Wynton Marsalis. Entsprechend dem Text eines Songs schlüpft Salvant in verschiedene Rollen. Statt als Monologe präsentiert sie Lieder als Dramen.

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Jazzsängerin: Sing it like Sarah

So erinnert die Jazzsängerin oft an eine Musical-Darstellerin - zumal sie sich für ihre Auftritte nicht hübsch auftakelt, sondern eher schrill mit überdimensionaler bunt gerahmter Brille auf die Bühne kommt. Dabei lässt sich Salvant vom reduziertesten Grundformat des Jazz begleiten - dem akustischen Piano-Bass-Schlagzeug-Trio.

Wie die "Intellektuelle" im Jazz landet

Cecile McLorin Salvant wurde in Miami als Tochter einer Französin aus Guadeloupe und eines Haitianers geboren. Ihre bildungsbürgerlichen Eltern - Vater Arzt, Mutter Lehrerin - schickten sie mit vier zum Klavierunterricht, mit acht in einen Kinderchor. Zu Hause wurde französisch gesprochen; über die Stereo-Anlage liefen klassische Musik, Jazz, Pop und lateinamerikanische und afrikanische Songs. Als 18-Jährige ging Cecile nach Frankreich und studierte in Aix-en-Provence klassischen Gesang, Jura und politische Wissenschaften.

Der intellektuelle Teenager landete im Jazz-Programm der Uni, weil es da "coole Typen gab, die Dreadlocks trugen und Zigaretten rauchten"; anders als "die kapriziösen Mädchen bei den Klassikern" und die "arroganten und politisch rechten Schnösel bei den Politologen".

Einer der Jazz-Dozenten erkannte Salvants Talent als Sängerin. Er bombardierte die immer noch eher an Barockmusik interessierte Studentin mit Platten von Bessie Smith, Billie Holiday und Abbey Lincoln; Cecile übte mit einer Band, die bald Gigs bekam und später sogar bei europäischen Festivals (etwa im schweizerischen Ascona) auftrat. "Wo sonst haben Sie die Freiheit mit so vielen unterschiedlichen Stimmungen zu arbeiten", begründet sie ihre Entscheidung für den Jazz.

Die Beste von 237 Bewerberinnen

Nach der Rückkehr in die USA 2010 schickte Cecile McLorin Salvant eine Demo-CD an den Thelonius Monk Wettbewerb für Sängerinnen in Washington. Sie war eine von 237 Bewerberinnen, kam unter die zwölf Halbfinalisten und gewann den ersten Preis. Damit öffnete sich der Weg nach oben auch in Amerika. Schon mit ihrem zweiten Album "For One to Love", gewann sie einen Grammy. Als sie im vergangenen September eine Woche lang mit ihrem Trio im New Yorker Village Vanguard gastierte, war der berühmte Klub ständig ausverkauft. Überdurchschnittlich im begeisterten Publikum war der Anteil der jungen Fans.

Sie feierten eine junge Frau, die gleichermaßen die amerikanische Jazz-Tradition verkörpert - "Timeless Jazz" schrieb der "New Yorker" - wie die Öffnung des über hundert Jahre alten Genres. Aufgrund ihrer Herkunft und ihres Europa-Aufenthalts sind zum Beispiel "Chansons ein Teil meiner Geschichte" (so Salvant); ihr Repertoire enthält die Jazz-Version eines Josephine Baker-Songs.

Weil es ihr nicht ums große Geldverdienen geht, ist die Sängerin bei einem unabhängigen Label unter Vertrag. Da darf sie nämlich die Cover ihrer Alben gestalten. Denn die unermüdliche Kreative singt, komponiert und dichtet nicht nur, sondern liebt es auch zu zeichnen und zu malen.

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Cecile McLorin Salvant:
Dreams and Daggers

Mack Avenue / Inakustik; 16,99 Euro


Kommende Auftritte in Deutschland:

14.10.: Dortmund, Domicil
17.10.: Hamburg, Elbphilharmonie
31.10.: München, Unterfahrt



insgesamt 5 Beiträge
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haresu 17.08.2017
1. Die ewigen Vergleiche ...
... sind langweilig und tun dem Künstler nicht gut. Wer will denn eine neue Billie Holiday hören? Etwas Neues will man hören! Oder sind die Jazz- Fans mittlerweile so stockkonservativ, dass ihnen ein gelegentliches neues Gesicht auf der Verpackung reicht? Muss erst jemand kommen zu dem niemand ein Vergleich einfällt? Der Mainstream- Jazz ist echt arm dran.
brical 18.08.2017
2. In einem Atemzug
Diana Krall oder Norah Jorah Jones mit der grandiosen Ella Fitzgerald zu nennen ist absurt. Die Krall säusel langweilig vor sich hin , bei Jones ist es nicht viel anders. Und Gregory Porter wird nicht schlechter, ( von wegen eiern ! ) wenn er mal bei Helene Fischer auftritt .
Analog 18.08.2017
3. Der Begriff Jazz,
schreckt viele schon ab, weil auch jeder was anderes darunter versteht. Für die einen Jazz Dixieland, für andere Free Jazz gedudel ... Dabei gibt es so viele neue tolle Platten jedes Jahr, in fast allen Europäischen Ländern. Die Krall, Jones und auch der Gregory Porter toller Sänger), sorgen dafür, dass Menschen sich mit dem Jazz beschäftigen und Vorurteile abbauen. Also POSITIV !
germ, 19.08.2017
4. Ohne Berührung
Technisch gut, gute Stimme, sie sieht auch noch gut aus, aber Jazz berührt mich emotional überhaupt nicht. Klingt auch alles so nach 50er Jahre - muss das so sein im Jazz? Ich weiß wie gut Jazzmusiker technisch und theoretisch sind, schließlich hatte ich selbst 5 Jahre Gitarrenunterricht bei einem Jazzmusiker.
Analog 21.08.2017
5. Verstehe was Du meinst.
Zitat von germTechnisch gut, gute Stimme, sie sieht auch noch gut aus, aber Jazz berührt mich emotional überhaupt nicht. Klingt auch alles so nach 50er Jahre - muss das so sein im Jazz? Ich weiß wie gut Jazzmusiker technisch und theoretisch sind, schließlich hatte ich selbst 5 Jahre Gitarrenunterricht bei einem Jazzmusiker.
Bei mir ist es genau umgekehrt, empfinde nichts bei Rock oder Pop. Die Geschmäcker sind nun mal verschieden, ist auch gut so. Suspekt sind mir immer Menschen, die auf die Frage: "was hörst Du so" Antworten: " Alles, Jazz, Pop, Rock Klassik, gefällt mir alles..."
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