Cello-Poet Altstaedt Tanz den Warschauer Tango!

Sinnlicher klang das Cello selten: Nicolas Altstaedt spielt sein Instrument mit solcher Hingabe, dass Osteuropäisches wundersam südländisch klingt. Auf seinem neuen Album zaubert er mit Schostakowitsch und Weinberg.

Marco Borggreve

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Ist das schon Tango? Wenn man den zweiten Satz in Mieczyslaw Weinbergs Cellokonzert hört, fühlt man sich eher nach Buenos Aires versetzt denn nach Warschau. Der sowjetische, in Polen geborene Komponist (1919-1996) schuf mit seinem c-moll-Werk im Jahre 1948 ein eigenwilliges Stück, das sich deutlich von Schostakowitsch unterscheidet, der gern als sein stilistisches Vorbild bezeichnet wird. Vielleicht war er auch die Vergleiche leid, denn Weinberg kopierte keineswegs die Kunst des Petersburger Kollegen.

Im Falle dieser Aufnahme wird der Interpret Weinbergs Anwalt: Der wendige Cellist Nicolas Altstaedt greift im Wortsinn ins pralle Melodien- und Rhythmus-Leben von Weinbergs Zauberstück. Das klingt dann manchmal nach Film und Programm. Sentiment, Sinnlichkeit und griffige Harmonien: Wer jetzt aber "Unterhaltungsmusik" diagnostiziert, spielt die Miesepeter-Karte. Sicherheitshalber hat Nicolas Altstaedt das erste Cellokonzert op. 107 von Dmitri Schostakowitsch (11 Jahre nach Weinbergs Werk entstanden) an den Anfang seiner CD gestellt: Jeder kann also selbst vergleichen, was beide Komponisten gemeinsam haben. Oder was sie unterscheidet.

Der deutsch-französische Musiker Nicolas Altstaedt versteht sich bestens auf Südamerikanisches, er hat Astor Piazzolla ebenso im Repertoire wie Haydn, Schumann und Bach. Auf seinem Gigli-Cello von 1760 spielt er neben dem klassischen Programm gern auch zeitgenössische Werke von Thomas Adès und Jörg Widmann, und er wird demnächst auch als Dirigent die Österreichisch-Ungarische Haydn-Philharmonie leiten.

Hörbar hat er eine Menge Aufmerksamkeit dem Zusammenspiel von Orchester und Solist gewidmet, denn das Verständnis zwischen Altstaedt und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Michal Nesterowicz funktioniert blendend. Kein Kampf zwischen Ensemble und Solist, sondern ein wirkliches Miteinander, ein Verweben der Klangebenen zu einem einzigen, dichten Sound, bei dem dennoch der Solopart klare Kontur zeigt. Hohe Schule, die hier erfrischend uneitle Ergebnisse bringt.

Dazu trägt Altsteadts meist federleichtes Spiel bei: Sein Cello klingt oft wie eine geschmeidige Violine, was Passagen wie dem vierten Satz von Schostakowitschs Konzert besonders gut tut. "Con moto", mit Bewegung, das kann man wohl sagen: Diesmal gerät der gepflegte Tanz fast zu einem Csárdás, solch elegante Motorik gehört bei Schostakowitsch gern zum Programm.

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Seit Altstaedt 2010 gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern unter Gustavo Dudamel beim Luzernfestival überzeugte, nahm seine internationale Karriere Fahrt auf. Neugierig geworden auf das Talent, luden ihn Top-Orchester von Zürich und Amsterdam bis Detroit, Boston und Ottawa ein. Anfang April spielte er in Hamburg das Cellokonzert von Henri Dutilleux und durchleuchtete mit sicherer Hand die differenzierten Klangschichtungen des Werkes. Auch hier geriet das sensible Miteinander von Orchester und Solist zum Aktivposten der Interpretation.

Der polnische Dirigent Michal Nesterowicz gehört noch nicht zu den Top-Artisten des internationalen Dirigentenzirkus, aber seine Arbeiten mit den philharmonischen Orchestern etwa in München, Liverpool und Zürich ließen bereits aufhorchen, ab 2016 leitet er als erster Gastdirigent die Sinfoniker in Basel.

Als keckes Zwischenspiel präsentieren die Deutschen Symphoniker Lutoslawskis sehr dankbare "Mala Suita" von 1951, übermütige und folkloristisch gefärbte Miniaturen voller Charme. Das Berliner Orchester, das zu Beginn der Nullerjahre so profilierte wie unterschiedliche Chefs wie Kent Nagano, Ingo Metzmacher und Tugan Sokhiev beschäftigte, arbeitet hier unter Nesterowiczs Dirigat die subtilen Unterschiede der scheinbar ähnlich gelagerten Komponisten heraus. Wie schön, dass sie mit Nicolas Altstaedt einen Partner fanden, der diese Intentionen offenbar nicht nur teilte, sondern darin auch Inspiration fand.

Nicolas Altstaedts Talent für Überblick und Leitung erkannte auch Violinist Gidon Kremer, der dem jungen Virtuosen parallel zu seinem Engagement bei der Österreichisch-Ungarischen Philharmonie (in der Nachfolge Adam Fischers) auch die künstlerische Leitung seines Lockenhaus-Festivals übertrug. Auch in Deutschland gibt es Anerkennung: Am 25. Mai soll Nicolas Altstaedt in Bonn der Beethoven-Ring verliehen werden.

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    Cello Concertos

    Mit Nicolas Altstaedt/Cello, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Michal Nesterowicz/Ltg.

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Die CD erscheint am 6. Mai 2016.



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