Cello intim Doppelt spielt besser

Mal etwas anderes auf dem Cello präsentieren Camille Thomas und Daniel Müller-Schott. Dabei verlassen sie sich nicht nur auf originelles Repertoire, sondern auch auf kompetente Mitstreiter. Ergebnis: pures Hörvergnügen.

Schneider Photography/ Orfeo

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Cello und Klavier, Beethoven und Brahms, wunderschöne Sonaten: alles gut bekannt und zu Recht beliebt. Die 1988 in Paris geborene Cellistin Camille Thomas widmet sich auf ihrem neuen Album "Reminiscences" (La dolce volta) dem nicht ganz so gängigen Repertoire. Gut so, denn dadurch steht sofort ihr tiefgründiger, betörender Ton im Vordergrund. Wem zunächst der Sinn nach einer markanten solistischen Probe ihres Könnens steht, der möge mit der knackigen Sonate für Violoncello op. 28 von Eugène Ysaye (1858-1931) beginnen.

Ysaye erwarb neben seiner Karriere als Violinvirtuose und Dirigent dauerhaften Ruhm als Komponist effektvoller Bravourstücke für Streichinstrumente. Sein "Poème de l'Exstase" oder seine sechs Violinsonaten, die er jeweils berühmten Solisten widmete, bestechen bis heute durch ihre Technikherausforderungen. Für das Cello schrieb er nur op. 28, aber dieser Seitensprung in bester Ysaye-Manier bezaubert komplett.

Der hier verlangte selbstbewusste Ton Camille Thomas' dokumentiert ihre enormen Möglichkeiten beispielhaft an der sehr kompakten Ysaye-Sonate. Alles drin: rhythmisch biegsam und pointiert im gestrichenen wie gezupften Bereich, zweistimmig sehnsuchtsvoll im Intermezzo, bedeutungsvoll im kurzen Adagio, dann wieder fast swingend im flotten Brio-Finale. Hohe Kunst, sicher und inspiriert serviert.

An ihrer Seite agiert auf der "Reminiscences"-CD der ebenso junge Pianist Julien Libeer, dem in der spätromantischen Sonate von César Franck (1822-1890) das Kunststück gelingt, seiner Cellopartnerin Thomas das Spotlight zu überlassen, aber dennoch so effizient und passgenau zu flankieren, dass sein Beitrag zum dichten Sound unüberhörbar gelingt.

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Sinnliches von Fauré

Auch bei den vier kleinen Stücken von Gabriel Fauré (1845-1924) ergänzen sich beide exzellent: Von der Eingangs-"Elégie" bis zur sanglichen "Sicilienne" op. 78 lassen Thomas und Lebeer die empfindsam-luftige Welt des Saint-Saens-Schülers behutsam entstehen. Weshalb gerade die Kammermusik Faurés bis heute zu den Rennern des Repertoires gehört, macht das Duo beeindruckend sinnfällig.

Camille Saint-Saens (1835-1921) selbst kommt mit einer kurzen Impression aus dem "Karneval der Tiere" und einer "Sérénade" aus der Suite op.16 zu Ton und Interpretation: hingetupft und sinnlich ausgemalt mit hörbarer Freude an der Miniatur, wie sie das ganze Album auszeichnet.

Camille Thomas hat nach ihrer Ausbildung an der Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin den europäischen Wettbewerbs-Parcours erfolgreich absolviert und erhielt 2014 den französischen Grammy "Les Victoires de le Musique". Mit vielen Orchestern des Kontinents konzertierte sie seitdem. Camille Thomas spielt ein klassisches Gagliano-Cello aus Neapel von 1788, das ihr der französische Bordelaiser Spitzenwinzer Bernard Magrez ("Chateau Pape-Clément") zur Verfügung stellte. Womit der Mann bewies, dass er von Cellokunst mindestens so viel wie von der Bordeaux-Erzeugung versteht.

Mit einer Prise Jazz

Schon längst an der Spitze der Klassikszene angekommen sind die Geigenvirtuosin Julia Fischer und ihr Cellokollege Daniel Müller-Schott. Die Literatur für beide Instrumente im Tandem ist nicht gerade üppig, weshalb beiden allein schon ein Repertoire-Lob für ihre CD "Duo Sessions" (Orfeo) mit Entdeckungen und Preziosen gebührt. Dass Fischer und Müller-Schott auch musikalisch kompetent hinlangen, überrascht nicht: Wer zum Beispiel Fischers Paganini-CD kennt, weiß, dass diese Saiten-Zauberin wirklich alles kann, dazu stets noch mit einem überlegenen Lächeln.

Auch hier ein Tipp für Eilige: Wer gleich in die volle Wonne erleben will, sollte mit dem dritten Stück, der komplexen und extrem anspruchsvollen Sonate von Maurice Ravel (1875-1937) starten. Das Claude Debussy gewidmete Stück von 1920 bietet neben harmonischer Fülle jede Menge Klangexperimente, was die Solisten zu Ravels Lebzeiten nicht unbedingt entzückte.

Aber auch die weniger bekannten Stücke vom Jazzfan und Multistilisten Erwin Schulhoff (1894-1942) und dem Folk-beeinflussten ungarischen Komponisten und Musikpädagogen Zoltán Kodály (1882-1967) bestechen mit farbiger Melodienfreude und klanglicher Opulenz. Dass Fischer und Müller-Schott Zusammenspiel ohne Lücken und Löcher bieten, versteht sich von selbst. Manchmal sind es eben genau die Seitenwege, die sich lohnen. Bitte immer wieder neue suchen!

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