Cello-Verführer Steckel Zurückhaltung wäre jetzt tödlich

Er gehört zur hochklassigen Musikergarde, die das Cello-Erbe großer Komponisten bestens verwaltet. Jetzt ist Julian Steckels neue CD erschienen, die Rares mit Melodischem verbindet - und mit heimlichen Hits aufwartet.

Von

Marco Borggreve

Natürlich ist Julian Steckel längst kein Geheimtipp mehr, doch der junge Cellist pflegte auf seinen bisherigen CD-Veröffentlichungen vornehmlich Kammermusik: ehrenwert und auf hohem Niveau, aber ein Repertoire für Kenner, keines, mit dem man ein breites Publikum erobert. Mozart, Brahms, Mendelssohn und August Klughardt - ein ambitioniertes Programm, mit dem der 1982 in Pirmasens geborene Steckel lieber erst mal seinen Qualitätsstandard festlegte und seine Vorlieben dokumentierte, als mit wohlbekannten Konzertreißern aufzutrumpfen.

2010 räumte er dafür renommierte Preise ab (unter anderem gewann er den ARD-Musikwettbewerb), erwarb den Lohn für solide künstlerische Integrität und begründete eine Karriere, mit der es seitdem steil aufwärts geht. Kein einfaches Unterfangen, denn an hochkarätigen Cellisten herrscht derzeit kein Mangel. Konzerte absolvierte Steckel natürlich in Menge - speziell als Gast der großen deutschen Rundfunkorchester, und mit gleichem Erfolg wie im Studio.

Jetzt legt er eine CD mit Solokonzerten vor, die vergleichsweise breitwandig klingen - vom intimen Kammerensemble zu voluminösem Orchestersound mit Werken, die vor Emotionen explodieren. Doch auch hier geht Steckel wieder seinen eigenen Weg, interpretiert klangmächtige, anspruchsvolle Werke der Cello-Literatur, die aber wunderbar zueinander passen.

Hollywood auf dem Cello

Erich Wolfgang Korngolds (1897-1957) Musik quillt manchmal über vor melodischer Fülle und orchestralen Effekten. Sie kann überwältigend verführerisch, aber auch süßlich aufdringlich klingen. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland ging er in die USA und schrieb dort neben Konzertwerken erfolgreiche Filmmusiken, die allerdings weit über das gängige Hollywood-Niveau hinausreichten. Auch sein Cellokonzert op. 37 aus dem Jahre 1947 konzipierte Korngold ursprünglich für einen Kinofilm ("Deception" von Irving Rapper), was die griffige Struktur und die eingängigen Harmonien des einsätzigen Werkes spüren lassen.

Barocke Klarheit und Fülle

Geradezu prädestiniert für dieses Material erscheint Julian Steckels Cello-Ton, der mit geschmeidiger Sanglichkeit das Konzert offensiv und klangsicher darbietet. Zurückhaltung wäre hier tödlich, auch virtuose Effekthascherei würde an der Oberfläche verpuffen. Steckel präsentiert die Korngoldsche Fülle einfach souverän: Erstaunlich, dass dieses so wirksame Werk so selten aufgeführt wird. Mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie unter Daniel Raiskin fand Steckel ein biegsames Ensemble, das sich ebenso sicher auf dem Korngold-Terrain bewegte. Die Interaktion funktionierte perfekt.

Eben solche Dichte im klanglichen Ausdruck verlangt Ernest Blochs (1880-1959) häufiger aufgeführtes Werk "Schelomo, Rhapsodie hébraique", seit jeher ein Prüfstein für Cellisten, die den von orientalischen Klangstrukturen geprägten Charakter von Blochs Werk in den Griff kriegen müssen. Die Geschichte König Salomos (Schelomo) inspirierte die Rhapsodie, und Steckel spielt sie mit Lust am exotischen Sound, ohne europäische Kühle - wieder ein idealer Stoff für sein singendes Cello und seine stilistische Flexibilität. Mischa Maisky spielte "Schelomo" 1988 gemeinsam mit Leonard Bernstein ein, sicher eine ideale Kombination. Doch auch vor diesem Team müssen sich Steckel und Raiskin nicht verstecken.

Auch der Komponist Berthold Goldschmidt (1903-1996) wurde ein Opfer der Nazis und musste aus seiner deutschen Heimat fliehen, weshalb sein Talent nicht die Erfüllung und Anerkennung finden konnte, die ihm gebührt hätte. Als Schüler von Franz Schreker experimentierte er freizügig, aber noch tonal melodisch mit der klassischen Konzertform, übernahm Einflüsse aus der Populärmusik, verknüpfte diese mit barocker Klarheit und überführte seine Ideen in einen Korngold und Bloch nicht unähnlichen Stil. Seine Originalität und Spritzigkeit rechtfertigt die späte Anerkennung, die Goldschmidt erst gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland erfuhr. Sein Cellokonzert op. 23 liefert das überschwängliche Finale einer CD, die von Beginn bis Schluss Spaß macht wie ein prallbunter Blockbuster.

Zu diesem Film für die Ohren darf es gern ein Sequel geben.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
avollmer 02.07.2011
1. Korngold
Man kann noch hinzufügen, dass Korngolds Konzert in dem Film "Deception" oder "Trügerische Leidenschaft", der von einen Cellisten handelt, nicht nur als szenische Hintergrundmusik dient, sondern als Gegenstand von Orchesterszenen reales Konzertstück innerhalb der Filmhandlung ist. Auf YouTube findet man unter "Deception Rehearsal" eine der Filmszenen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.