KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Hardy: Ich habe davon geträumt, eine Schallplatte aufzunehmen. Es gab in meiner Vorstellungskraft nichts Aufregenderes, und ich dachte nicht im Traum daran, dass daraus Wirklichkeit werden könnte. Aber ich war 17, als der Traum Realität wurde. Damals sang ich bei einer großen Plattenfirma vor, und die nahmen mich tatsächlich unter Vertrag. Das war wohl das wichtigste Jahr meiner Musikkarriere.
KulturSPIEGEL: 1962, da waren Sie 18 und hatten gerade Abitur gemacht, wurden Sie mit dem Hit "Tous Les Garçons et Les Filles" auf einen Schlag berühmt. War das anstrengend?
Hardy: Es war wirklich eine sehr aufregende Zeit in meinem Leben, obwohl ich den ganzen Rummel mit dem Berühmtwerden kaum mitbekommen habe. Ich war nämlich zum ersten Mal in meinem Leben so richtig verliebt und habe darüber dann auch Lieder geschrieben, was mich von allem anderen ablenkte. Ich war wie in einem Strudel, der mich von der Welt abschloss, und abgesehen davon reiste ich durch die Welt und musste sehr viel arbeiten. Aber das erste Mal ein Lied von dir im Radio zu hören, ist natürlich unglaublich.
KulturSPIEGEL: Sie haben mal gesagt, dass Sie mit 18 noch nicht wussten, wo die Babys herkommen. Ihr Sohn dagegen sei bereits mit fünf Jahren aufgeklärt gewesen. Stimmt das?
Hardy: Kommt hin, mit 17 Jahren war mir tatsächlich noch nicht klar, woher die Babys kommen, und mein Sohn Thomas wusste mit fünf bestens Bescheid. Aber wir waren auch zu verschiedenen Zeiten jung, das lässt sich schwer vergleichen. Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, und Aufklärung kam bei uns zu Hause nicht vor.
KulturSPIEGEL: Von Ihrem Vater haben Sie Ihre erste Gitarre bekommen?
Hardy: Das ging auch eher auf meine Mutter zurück. Die drängte meinen Vater, mir etwas zum Abitur zu schenken. Ich hatte dann die Wahl zwischen einem Radio und einer Gitarre. Ich nahm die Gitarre und war sofort begeistert, weil ich schnell begriff, dass man mit nur drei Akkorden bereits schöne Melodien schreiben kann.
KulturSPIEGEL: Die meisten Ihrer Lieder sind von einer melancholischen Grundstimmung geprägt. Stimmt es, dass Sie als Teenager eine Einzelgängerin waren?
Hardy: Meine Schwester und ich hatten eine einsame Kindheit, unsere Mutter hatte kein Geld und keine Freunde. Ich fühlte mich aber auch schon als Kind von traurigen Geschichten angezogen. Mein Lieblingsmärchen war "Die kleine Meerjungfrau" von Hans Christian Andersen.
KulturSPIEGEL: Interviews führen Sie nur auf Französisch. Sie haben in Ihrer Karriere aber auch Platten auf Englisch, Italienisch und sogar Deutsch aufgenommen. Wie kam es dazu?
Hardy: Das waren sozusagen Pflichtarbeiten für die Plattenfirma. Meine Mutter war sehr streng. Ich bin mit der Haltung aufgewachsen, dass Widerspruch nicht geduldet wird. Ich bereue diese Lieder nicht, aber ich möchte sie mir heute nicht mehr anhören. Nur das deutsche Lied "Träume" hat mir immer sehr gut gefallen.
KulturSPIEGEL: Sie wurden damals in Paris von den Beatles und Bob Dylan umschwärmt. Haben Sie mit denen Englisch gesprochen?
Hardy: Notgedrungen. Aber mein Englisch war sehr rudimentär. Wir hatten uns auch nicht wirklich viel zu erzählen, die waren alle dauerhaft so benebelt, dass eine normale Konversation eh nicht möglich war. Außerdem hätten die ja auch Französisch lernen können, oder?
KulturSPIEGEL: Sie haben mal gesagt, nach ihrem 40. Geburtstag nicht mehr singen zu wollen. Seitdem haben Sie noch mit Bewunderern wie Malcolm McLaren, Iggy Pop oder Blur musiziert. Jetzt sind sie 66 und immer noch aktiv.
Hardy: Stimmt, ich wollte nur noch Lieder schreiben. 1988, da war ich 44, habe ich acht Jahre Pause gemacht - aber es mir dann wieder anders überlegt.
Das Interview führte Christoph Dallach.
Vor kurzem ist von Françoise Hardy die CD "La pluie sans parapluie" erschienen.
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