90. Geburtstag live in Berlin Der unschlagbare Monsieur Aznavour

Darauf einen Cognac! Charles Aznavour, Star des Chanson und der bekannteste Franko-Armenier aller Zeiten, feierte seinen 90. Geburtstag live in Berlin - und glänzt mit Charme und Charisma.

DPA

Die Hand am Mikrofon zittert im Takt mit dem schönen, charakteristischen Tremolo seiner Stimme. Seinen 90. Geburtstag feiert Charles Aznavour in der Berliner O2-World mit einem von zwei Deutschlandkonzerten, seiner Tochter Katia als Backgroundsängerin und umringt von Musikern und Fans aus sieben Jahrzehnten, die die riesige Arena - für einen mätzchenfreien Chansonnier - ziemlich ausfüllten. Joyeux Anniversaire!

Aznavour, dessen armenischer Name Shâhnourh Varenagh Aznavourian lautet, ist ziemlich klein, das weiß man, aber er hält sich gerade und stolz, weißhaarig, in dunklem Anzug und dunklem Hemd. Das Spiel seiner charakteristischen Augenbrauen, die einst in François Truffauts "Schießen Sie auf den Pianisten" von 1960 das erste Mal in all ihrer zur Nasenwurzel ansteigenden Pracht zu sehen waren, kann man noch aus Reihe Zehn bewundern.

Aznavour hat sich gegen eine überbordende Bühnenshow entschieden und für das adäquat kultivierte, barmäßige Interpretieren seiner Klassiker: "La Bohème" von 1966 wird er als letztes spielen, vorher singt er mit seiner Tochter im Duett "Je voyage", er charmiert das herrliche "For me - Für mich - Formidable" von 1964, er tanzt zu "Mon ami, mon Judas" und schmettert "Jamais Plus", und auch wenn die Stimme manchmal doch ein paar Probleme mit der Tongenauigkeit hat: Immerhin ist sie präsent und charismatischer, als so manche andere Stimmen so mancher anderer Best-Ager-Chansonniers.

Song über Schwule

Aznavour ist eben einmalig: 1972 hatte er "Comme ils disent" geschrieben, das er in Berlin - nach einer kleinen Ansprache - ebenfalls spielt. Es ist einer der ersten deutlichen, in Ich-Form vorgetragenen Songs über homosexuelles Leben samt aller Klischees (Crossdressing, mit der Mutter zusammenleben, Künstler sein) und einem flammenden Appell für Toleranz. So etwas kann man sich in Deutschland kaum vorstellen: ein deutscher Schlagersänger älteren Semesters mit einem positiven Song über Schwule? Undenkbar, selbst für Rex Gildo.

Monsieur Aznavour dagegen, Vater von sechs Kindern und der bekannteste Franko-Armenier aller Zeiten, hat früh - neben l'amour - tatsächlich noch ein paar andere Themen gefunden und in seine Songs hereingebracht. Als Einwanderersohn hatte er stets ein Bewusstsein für Politik, für Integration, für das Scheitern. Er wirkte leidenschaftlich in Filmen mit, die ihn mit thematischer Relevanz überzeugten: In Volker Schlöndorffs Grass-Verfilmung "Die Blechtrommel" gab er den jüdischen Spielzeughändler, von dem Oskar Matzerath seine Trommel bekommt. In Claude Chabrols düsterer Komödie "Die Fantome des Hutmachers" spielt er einen Armenier, der einen Mörder erkennt. Eine seiner letzten Rollen hatte er 2002 in "Ararat", Atom Egoyans Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern.

Doch Kino, behauptete Aznavour vor sechs Jahren, habe er hinter sich. Die Chansons reichen ihm: In Berlin spielt er "Mes emmerdes" ("Pretty shitty days") genauso wie eine kitschige Version von "Ave Maria", in der dann doch einmal die Bühnenbeleuchtung in eine sakralere Stimmung wechselt. Und Aznavour singt sich richtig ein, zu Anfang des Konzerts noch eher steif, beginnt er nach einer Weile, seine typischen, eigenwilligen Handbewegungen als Untermalungen für seine Texte zu machen, steigert sich, bis man ihn am liebsten stante pede für einen "Ilja Rogoff Knoblauchpillen"-Spot casten würde, so viel Energie kann ein 90 Jahre alter Mann erzeugen.

"She", das vielen in der Elvis Costello-Version aus dem Film "Notting Hill" bekannt ist, führt er ebenfalls vor, bevor er gen Ende ein weißes Schweißtüchlein in die Menge wirft und zwei begeisterte Fans damit glücklich macht - vielleicht wird es später schwesterlich geteilt. Ein Ständchen hatte ihm das Publikum eh bereits vor Konzertanfang gebracht, etwas ungelenk weil ungeprobt, aber aus vollem Herzen. Nach dem Konzert sollte man jedenfalls einen "Ani", armenischen Cognac, auf den Jubilar kippen. Und dann für ihn eine Partyversion seines Songs "J'ai bu" ("Ich habe getrunken", 1956) grölen.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mitch72 23.05.2014
1. Schön
Ich mag ihn, er macht klasse Musik, einer der letzten der alten Garde. Happy Birthday!!
glen13 23.05.2014
2.
Zitat von sysopDPADarauf einen Cognac! Charles Aznavour, Star des Chanson und der bekannteste Franko-Armenier aller Zeiten, feierte seinen 90. Geburtstag live in Berlin - und glänzt mit Charme und Charisma. http://www.spiegel.de/kultur/musik/charles-aznavour-90-geburtstag-live-in-berlin-a-971184.html
Ich war noch in der Vorpubertät als ich das erste Mal sein Lied "Du lässt dich gehen" hörte. Es hat mich so berührt, dass ich später alle seine Platten gesammelt habe. Er ist einer der größten französischen Chansoniers.
romeov 23.05.2014
3. Ein ganz Großer
Danke für die tollen Chansons und bitte mach' weiter - 90 ist doch kein Alter!
damp2012 23.05.2014
4. Chapeau... !
... Monsieur Aznavour ... :-)
licorne 23.05.2014
5. Aznavour
Ein Sänger, bei dem jeder Ton sitzt (heute vielleicht nicht mehr) auch bei extrem schwierigen Melodie- oder Textpassagen. Mit Bigband ein Hochgenuss. Trotz seines Erfolges ist Aznavour ein bescheidener Herr, der sich auch immer um das Schicksal seines Herkunftlandes gekümmert hat, besonders nach dem furchtbaren Erdbeben von 1988.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.