Charles Aznavour gestorben Sechs unvergessene Chansons des "französischen Sinatra"

Kaum ein französischer Sänger war weltweit so beliebt wie Charles Aznavour. Nun ist er mit 94 Jahren gestorben. Hören Sie hier noch einmal seine Klassiker.

Getty Images/ Mondadori

Charles Aznavour war ein Spätstarter als Chanson-Star. Zwar hatte er schon in den Fünfzigerjahren Lieder für andere Sänger geschrieben und erste Singles veröffentlicht ("Sur ma vie"), doch der Durchbruch kam erst 1960 mit "Je m'voyais déjà". Im selben Jahr erschien "Tu t'laisses aller", ein Song, der wie damals üblich auch schnell auf Deutsch erschien.

"Du bist so komisch anzuseh'n", besingt der Sänger die Frau, von der "schlampigen Figur", "dein Geschwätz so leer und dumm" - was der sich traut! Das Umschlagen von Liebe über Gewöhnung in Überdruss, so etwas war auch in der Schlagerwelt der Sechziger selten Thema. Immerhin: Die letzten beiden Strophen drehen den Text (von Ernst Bader übersetzt) ins Versöhnliche. Aznavour blieb einer, der Worte sang, die sonst auf Deutsch selten zu hören waren - siehe "Als es mir beschissen ging" (vom Album "Melodie des Lebens", 1980).

"Hier encore" von 1964 ist ein Klassiker von Aznavour, der aufs Leben zurückblickt. Gerade noch sei er Zwanzig gewesen, habe die Zeit mit lauter selbstsüchtigen Dingen verplempert, nun sind die Jahre dahin. Die Ballade wurde in der englischsprachigen Version "Yesterday When I Was Young", gesungen von Roy Clark, zum US-Hitparadenerfolg - nur eine von über hundert Interpretationen.

Nostalgisch kommt auch "La Bohème" daher, eines der berühmtesten Chansons von Charles Aznavour. Ein Künstler erzählt von der großen Zeit der Szene im Pariser Montmartre-Viertel. Man aß zwar nur alle zwei Tage, aber man war eben jung und verrückt. Auf Deutsch sang unter anderem Hildegard Knef den Song.

Eine Fernweh-Melodie: Weg aus dem Grau des Nordens und der Plackerei, hinaus aufs Meer und in den Süden, so geht der Traum in "Emmenez-moi". Das Video, aufgenommen 1968 im berühmten Olympia in Paris, zeigt, warum Charles Aznavour als Showman so beliebt und bis ins hohe Alter unterwegs war.

Über Liebe lässt sich immer singen, in der Sprache von Shakespeare ebenso wie in der von Molière: In diesem englisch-französischen Mischmasch ist die Kombination zwischen traurigen Augen, größter Lässigkeit im Auftritt und beiläufiger Frechheit bestechend.

Aznavours größter Hit in Großbritannien (Nummer eins 1974) war "She", ein Song, der in den Neunzigern in der Komödie "Notting Hill" noch einmal aufgegriffen wurde, allerdings gesungen von Elvis Costello.

Und hier noch als kleiner Bonus: Charles Aznavour als Barpianist Charlie Kohler in François Truffauts Nouvelle-Vague-Klassiker "Schießen Sie auf den Pianisten" (1960).

Charles Aznavour ist nun im Alter von 94 Jahren gestorben. Lesen Sie hier sein letztes SPIEGEL-Interview.

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insgesamt 25 Beiträge
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brux 01.10.2018
1. Na ja
Sinatra hat seinen Welthit My Way in Frankreich kopiert, von Claude François. Und das wohl auch noch ohne Genehmigung. Aznavour war ein kompletter Musiker. Sinatra nicht. Man muss nicht für alles einen hinkenden Vergleich in den USA suchen. Ganz besonders nicht in Fragen der Kultur.
Angelheart 01.10.2018
2. Im Dezember 2016...
..haben wir die Chance ergriffen, ihn nochmals live im Olympia in Paris zu erleben - welch ein Erlebnis: eine Ikone von 92 und unverwüstlich singt und singt und singt... Nach der dritten Zugabe erst verabschiedet er sich in aller Form mit ausdrücklichem Hinweis auf sein Alter! On ne va jamais vous oublier Monsieur... R.I.P.
sekundo 01.10.2018
3. Natürlich haben Sie recht!
Die Amerikaner waren und sind ein kulturloses Volk. William Faulkner, Cormac McCarthy, Mark Rothko, Barbra Streisand, Willem de Kooning, Mark Twain, Edgar Allan Poe, John Updike, Paul Auster, Herman Melville, Jackson Pollok, Edward Hopper, Georgia O'Keefe, Willem de Kooning und Jasper Johns usw. sprechen da eine klare Sprache! Und Blues, Rock 'n' Roll, Rock und Pop sind natürlich in Deutschland entwickelt worden, oder?!?
spon_1980133 01.10.2018
4. Vergleich?
Charles Aznavour hat ja bestimmt genug eigenes Format, ein hinreichend umfangreiches Schaffenswerk sowie eine Jahrzehnte währende Kariere – all das, ohne den Vergleich mit Frank Sinatra bemühen zu müssen.
RuedigerGrothues 01.10.2018
5. @brux
Naja... Klingt ein bisschen feindselig, und erweckt einen falschen Eindruck, was Frank Sinatra und und nicht nur "My Way" angeht. Denn Paul Anka hatte die Rechte an der Komposition, zumindest insoweit, als er die Komposition von Francois mit einem eigenen englischsprachigen Text verbinden durfte. Den Rest besorgen sowieso die Verwertungsgesellschaften. Und Frank Sinatra war immer INTERPRET und hat sich auch niemals berühmt, Urheber seines Repertoires zu sein. Das ist bei Charles Aznavour natürlich ganz anders.
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