Zum Tod von Charles Aznavour Mit trauriger Klasse

Niemand konnte Zärtlichkeit, Lebensweisheit und Überlebenswillen so eindringlich in Chansons verwandeln wie Charles Aznavour. Mit ihm verliert die Welt einen Entertainment-Giganten.

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Von Max Dax


1976 wurde Charles Aznavour von Kermit dem Frosch in einem Interview für die "Muppet Show" gefragt, warum Franzosen so erfolgreich in der Liebe seien. Er antwortete: "Das liegt an der Sprache, denn Französisch ist nun mal die Sprache der Liebe. Wenn du bei den Frauen erfolgreich sein willst - lern Französisch!" Der Frosch sagte: "Das wird mir wenig helfen, denn ich kenne keine Frauen, die französisch sprechen." Darauf Aznavour: "Das macht nichts, vielleicht ist es sogar von Vorteil." Zum Beweis bittet er Miss Piggy herbei und flüstert ihr die Telefonnummer der Pariser Müllabfuhr ins Ohr, woraufhin das Schwein die Haare wirft, den Sänger abküsst und, dem Orgasmus nahe, lustvoll grunzt.

Derlei war damals im Kinderprogramm noch erlaubt, und es wollen einem heute , im Rückblick auf Charles Aznavours Leben, die Tränen kommen bei so viel souveränem Humor und Selbstironie. Auffällig auch die Kamerapräsenz Aznavours, der auch noch in Gegenwart der Puppen-Popstars alle Aufmerksamkeit auf sich zog.

Aznavour, 1924 als Sohn armenischer Flüchtlinge als Schahnur Waghinak Asnawurjan in Paris geboren, stieg mit seinen vielen Talenten schnell zu einem Topstar der französischen Unterhaltungsindustrie auf, im Film, auf der Bühne, mit seinen Chansons.

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Charles Aznavour: Meister des Chansons

Die Rolle seines Lebens spielte er schon 1960 als tragischer Pianist in François Truffauts Nouvelle-Vague-Klassiker "Schießen Sie auf den Pianisten". Die Rolle vereinte alles, was Aznavour fortan zu einem Mythos seiner selbst ausbauen sollte: Er spielte den berühmten fiktiven Konzertpianisten Edouard Saroyan, den das Schicksal von seiner Frau trennt, die vor seinen Augen Selbstmord begeht. Um diesen Schlag zu überleben, legt er sich einen neuen Namen zu und spielt von nun an inkognito in einer Pariser Vorortkneipe vor halbkrimineller Kundschaft Barmusik am Klavier, tragisch, elegant, charismatisch, mit trauriger Klasse, die nur ihm eigen war.

Die Konzerte, die Charles Aznavour im echten Leben und in aller Welt vor ausverkauften Häusern gab, lebten von dieser romantischen Aura. Seine Chansons, die er in fünf Sprachen sang, lebten von ihrer Menschlichkeit, ihrer Zärtlichkeit, von Lebensweisheit und einem beharrlichen Überlebenswillen - und alles in prägnanten Gesang gegossen. Aznavours Chansons handelten vom Leben und waren von einer poetischen Kraft durchdrungen, die in der Welt der Lieder ihresgleichen sucht.

Entdeckt von Piaf, von Dylan verehrt

Mit seiner ebenso ausdrucksstarken wie brüchigen Stimme redete Aznavour von Trost, auch seine mehr als 800 selbst geschriebenen Liedern - über Frauen, Außenseiter, Kriegskinder und Lebenskünstler - erzählen vom Scheitern und Wiederaufstehen. Kleine Geschichten, die zur Identifikation einladen und im Einklang von Sprache und Musik unvergesslich bleiben werden. Mehr als 180 Millionen Tonträger verkaufte Aznavour im Lauf seiner Karriere.

Der Durchbruch verlief in großen Schritten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Edith Piaf auf den jungen Tänzer und Sänger aufmerksam, der in Restaurants kleines Geld verdiente. Sie nahm ihn in ihre Entourage auf, und er begann für sie Chansons zu schreiben, darunter 1952 den Welthit "Plus bleu que tes yeux" ("Blauer als deine Augen"). Aus dem Schatten der Piaf trat Aznavour wenige Jahre später, als er in den Sechzigern mit "For me formidable", "Mourir d'aimer" und "La bohème" gleich mehrere Hits in Folge landet und selbst zum Star wurde.

Als Entertainer war er daraufhin gefragt wie kein zweiter Sänger aus Frankreich zu jener Zeit, als Schauspieler hatte er gute Berater und bekam immer wieder Rollen in großen internationalen Produktionen, darunter in Claude Chabrols "Die Phantome des Hutmachers" (1982) und als Spielzeughändler Sigismund Markus in Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel" (1979).

Aznavours Ruhm strahlte weit über Frankreichs Grenzen hinaus. Als Bob Dylan 1987 vom amerikanischen "Rolling Stone"-Magazin gefragt wurde, ob es einen Bühnen-Performer gäbe, der ihn nachhaltig beeindruckt habe, nannte er nur zwei Namen: den Bluesmusiker Lightning Hopkins und - Charles Aznavour.

Der kleine, große Mann wurde 94 Jahre alt. Bis zu einem Unfall im Juli, bei dem er sich einen Arm brach und eine Welttournee unterbrechen musste, stand er noch auf der Bühne. Mit seinem Tod verliert die Welt einen der letzten Giganten einer Zeit, die mit einem Mal unwiederbringlich scheint. Aber die Lieder bleiben.

insgesamt 9 Beiträge
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patrick_pronnier 01.10.2018
1. Rip
Großartiger Artist, 77 Jahre auf der Bühne mit den Größten.
klaus.karl 01.10.2018
2. Ein weiterer Gigant..
...verlässt die Bühne, nach Johnny Hallyday der vor kurzem verstarb, jetzt der von den Franzosen so geliebte Charles Aznavour, der über 1200 Chansons hinterlässt mit wunderbaren Melodien und Texten. Den ganzen Tag schon nonstop live Programme im französischen TV mit vielen Interviews ehemaliger Wegbegleiter, die in ihm den Chef-Chansonnier sahen und immer wieder Menschen auf der Straße, jung oder alt, die seine Lieder singen können. Schade schade.
motzbeutel 01.10.2018
3. Lieber Charles, mögest Du in Frieden Ruhen!
Du bleibst unvergessen und lebst in vielen Herzen weiter! Danke für Alles!
courcivil 01.10.2018
4. Charles
Avec le temps tout va s'en va. So ist das Leben, meims hast Du begleitet
mozartfreak 1 01.10.2018
5. Danke - deine Chansons haben mich ein Leben lang begleitet!
Gute Reise, unvergessener Star‼️
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