Charles-Lloyd-Album "Mirror": Einmal Seelenmassage mit Schmerzen, bitte!

Von Sarah Seidel

"Wir alle sind Seelen auf der Reise durch das menschliche Dasein", sagt Charles Lloyd. Dem legendären Saxophonisten und Flötisten geht es in seiner Musik ganz offenkundig um Spiritualität. Sein neues Album "Mirror" fasst den Hörer mit herzzerreißenden Balladen zärtlich an.

Charles-Lloyd-Album "Mirror": Herzzerreißende Balladen Fotos
DPA

"Charles ist ein spiritueller Mensch", sagt der Pianist Jason Moran. "In den drei Jahren, die ich mit Charles gespielt habe, wurde mir klar, was das Wesentliche in der Musik ist." Charles, damit ist der Saxophonist und Flötist Charles Lloyd, 72, gemeint. Lloyd wiederum beruft sich auf einen anderen Jazzmeister, den Saxophonisten John Coltrane: "Trane hat das Element der Spiritualität in die Musik eingebracht. Das hat mich geprägt. Er hat mein Spiel beeinflusst, aber es gab da auch die früheren Einflüsse von Charlie Parker, Lester Young, Duke Ellington, Billy Strayhorn und Thelonious Monk."

Lloyds Haare sind schlohweiß, meistens trägt er einen Hut oder eine Kappe. Seine Statur ist respekteinflößend, zugleich wirkt er zerbrechlich, so fragil wie auch der Sound seines Saxophons klingt. Liedhaft und hymnisch entfalten sich die Stücke auf seinem neuen Album "Mirror". Darauf spannt Lloyd den Bogen von Thelonious Monk über traditionelle Weisen bis hin zu seinen eigenen Kompositionen und einem Song der Beach Boys. Die Grenzen zwischen Thema und Improvisation bricht er auf und schafft damit einen Raum, der transparent und offen ist.

So schön, dass es fast weh tut

Aufsehen erregte Charles Lloyd 1966 mit seinem Quartet, für das er einen damals noch unbekannten Pianisten engagiert hatte - Keith Jarrett. Bis in die späten sechziger Jahre war Lloyd aktives Mitglied der Jazz-Szene, dann zog er sich zurück. In den Siebzigern machte er überwiegend Studioaufnahmen mit den Beach Boys und ging mit ihnen auf Tourneen. Es war der junge Pianist Michel Petrucciani, der ihn in den achtziger Jahren schließlich überzeugen konnte, auf die Jazzbühne zurückzukehren. Lloyd wurde wenig später vom Münchner Label ECM unter Vertrag genommen und spielte in der Folge vorwiegend mit skandinavischen Musikern.

Seit gut drei Jahren besteht mittlerweile Lloyds Quartet mit Jason Moran (Piano), Reuben Rogers (Bass) und Eric Harland (Drums). Alle drei gehören einer jüngeren Generation von Musikern an. "Ich denke nicht in Kategorien wie Alter", sagt Lloyd. "Wir alle sind Seelen auf einer Reise durch das menschliche Dasein. Meine Musiker sind vielleicht jung, aber sie haben alte Seelen. Sie sind sehr gewachsen, seit sie mit mir spielen."

Auf dem Album "Mirror" erinnern Stücke wie "Monk's Mood" und "Ruby My Dear" an die Tradition, aus der Lloyd seine Musik entwickelt hat. Wenn der Saxophonist Balladen spielt, ist das herzzerreißend. Zärtlich fasst seine Musik den Hörer an und streichelt seine Seele. Das ist so schön, dass es fast ein bisschen weh tut.


Konzerte: 23. November: München, Muffathalle; 28. November: Oldenburg/O., Kulturetage;
30. November: Hamburg, Fliegende Bauten.

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