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Zum Tode von Charlie Haden: Die Macht am Bass

Von Ralf Dombrowski

Charlie Haden: Sein Bassspiel war Gesang Fotos
DPA

Er war eine monumentale Persönlichkeit des Jazz, Größen wie Keith Jarrett, Jan Garbarek und Elvis Costello vollbrachten mit ihm zusammen Pioniertaten, nur wenige schenkten der modernen Musik so viel. Ein Nachruf auf den Bassisten Charlie Haden.

Kalifornien muss ein Schock gewesen sein, aber auch Verheißung. Charlie Haden stammte ja aus der Provinz. Geboren in Shenandoah im Bundesstaat Iowa, aufgewachsen im musikalischen Umkreis von Country und frühem Folk, war der Junge mit täglichen Radioshows groß geworden, mit denen seine Familie betraut war und in denen er sang und jodelte - bis in der Pubertät eine Polio-Erkrankung die Stimmbänder nachhaltig schädigte.

Zu diesem Zeitpunkt war Musik bereits sein Lebensinhalt, und so widmete sich Haden dem Kontrabass, einem Instrument, dessen vokale und melodische Qualitäten er in seiner ein halbes Jahrhundert währenden, verblüffend vielseitigen Karriere erforschte. Charlie Haden war 19 Jahre alt, als er sich schließlich für den Jazz entschloss, dann aber ging es zügig voran. Er studierte am Westlake College in Kalifornien, war bald in der Szene von Los Angeles unterwegs und hatte dort seine ersten wichtigen Begegnungen mit Musikern wie Paul Bley und Art Pepper. Und auch manche Drogenerfahrungen, die ihn eine Zeitlang plagten.

Vor allem aber kam Haden mit jungen Kollegen zusammen, die anderes als den üblichen Swingbop im Sinn hatten. Der Saxofonist Ornette Coleman beispielsweise empfand das bestehende Klangsystem als ungenügend und lud den Newcomer in sein Quartett. Haden, der eben nicht aus der Virtuositätsschule des Hardbop kam, sondern Kraft aus dem Folk, einen intensiven Ton und viel Neugier mitbrachte, war daraufhin an drei Alben des umtriebigen Texaners beteiligt, die das Jazz-System durcheinanderwirbelten und wie "Free Jazz" 1960 der Bewegung sogar den Namen gaben.

Es folgten musikalisch und politisch bewegte Jahre. Charlie Haden lebte inzwischen in New York, war mittendrin, oft im Team mit Genies und Revoluzzern. Von 1968 an gehörte er zur Band des Pianisten Keith Jarrett. Aus dem Pool des avantgardistischen Jazz Composers' Orchestra ging wenig später sein Liberation Music Orchestra hervor, eine der eher raren politisch engagierten Combos des Jazz, deren "Song for Che" ihn 1971 sogar kurzzeitig in ein portugiesisches Gefängnis brachte, weil die Diktatur sich wegen einer Widmung an die amerikanische Bürgerrechtsbewegung während ein Konzerts im Lande provoziert fühlte.

Mit Hang zu Sophistication

Immer wieder war Haden in diesen Jahren Wunschpartner von Sinnsuchern wie Ornette Coleman, Keith Jarrett, Don Cherry, Archie Shepp, immer wieder gelang ihm große, intensive Musik mit Kollegen wie dem Drummer Paul Motian, der Pianistin und Komponistin Carla Bley, dem Gitarristen Pat Metheny. Nun gehörte er auch noch zu den Pionieren des Kammerjazz, stand mit Alben wie "Folk Songs" im Trio mit dem norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek und dem brasilianischen Gitarristen Egberto Gismonti am Anfang der volksmusikalischen Rückbesinnung oder brachte mit seinem Quartett West in den Neunzigern den Neotraditionalismus auf den Punkt. Sogar Fado beschäftigte ihn, etwa an der Seite von Carlos Paredes, Pop spielte er mit Bruce Hornsby und Elvis Costello, Angerocktes mit Ginger Baker.

Und damit schließt sich der Kreis zu den Kinder- und Jugendjahren. Einerseits gehörte Charlie Haden zur Handvoll stilprägender Bassisten, die dem modernen Jazz seine Form gegeben haben. Er bekam vier Grammys verliehen, einen für sein Lebenswerk. Spätestens seit den Achtzigern war er Headliner großer Festivals von Newport bis Montreal, ein Star, den die Menschen hören wollten, auch ein Lehrer, dem die Studenten am California Institute Of Arts in Los Angeles fasziniert folgten.

Haden blieb aber andererseits die Autorität des Kontrabasses, dessen klaren, beseelten, sonoren Ton Avantgardisten ebenso schätzen wie Traditionalisten. Das hatte er schon damals als Kind in Iowa gelernt: Musik hat nur Bedeutung, wenn sie von innen kommt, wenn sie mit dem Menschen, der sie spielt, unmittelbar zu tun hat. Haden war, trotz wilder New Yorker Jahre und immensem Lebenswerk, jemand, der die Ruhe, Zurückhaltung, Sophistication liebte.

Das gab seinem Kontrabass eine Kraft und Besonnenheit, die auf jeden ausstrahlte, der mit ihm zu tun hatte. Vor kurzem erschien "Last Dance", ein 2007 aufgenommenes Duett-Album mit seinem alten Freund Keith Jarrett und ein vorweggenommener Epilog auf den Reichtum eines faszinierend bunten Künstlerlebens (klicken Sie auf den Kasten direkt unter diesem Absatz, um das Album zu hören).

Keith Jarrett/ Charlie Haden: "Last Dance"

Albumstream: Keith Jarrett & Chalie Haden - Last Dance on MUZU.TV.

Wenig später, im Jahr 2010, zog sich Charlie Haden weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, weil ihn Spätfolgen seiner Polio-Erkrankung einholten. Am Freitag starb er in Los Angeles nach langer Krankheit. Eine monumentale Persönlichkeit des Jazz, der für immer Momente, Impulse seiner Handschrift behalten wird.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. wenn
ambulans 12.07.2014
der verfasser des obigen beitrags auch noch einigermaßen zur kenntnis gebracht hätte, woher (welche kultur, strömung, stil, etc.?) und aus welchen ländern (hintergründe?) die von ihm oben so überschwänglich und -reichlich angeführten namen von musikalischen weggefährten und kollegen hadens stammen (damit man ihre bezüge auch zutreffen hätte einordnen können - wenn man es nicht bereits wusste; der autor offensichtlich aber nicht) - dann, ja dann hätte es ein würdiger nachruf für einen >Großen sein können - wenn, ja wenn ...
2. @ambulans
sentifux 13.07.2014
wenn... ein Nachruf auf einen wundervollen Musiker bedeuten würde, eine Biografie zu verfassen, hätten Sie Recht. Wenn, ja, ... wenn. Davon abgesehen. Danke für viele Stunden großartiger, bewegender Musik, Mr. Haden...
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