Zehntausende bei Protestkonzert "Alles, was Anstand hat"

Eine Woche nach den Krawallen in Chemnitz wollten Musiker mit einem Gratiskonzert ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen. Mit Erfolg. Bis zu 65.000 Menschen feierten und sammelten Geld für die Familie des getöteten Daniel H.

Konzert in Chemnitz
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Konzert in Chemnitz


"Manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist." Mit diesen Worten bedankte sich Kraftklub-Sänger Felix Brummer bei Zehntausenden Menschen, die seinem Aufruf gefolgt und zu einem kostenlosen Konzert nach Chemnitz gekommen waren. Brummer, der wie seine Bandkollegen aus der ehemaligen Karl-Marx-Stadt stammt, hatte nach den rechten Krawallen in Folge des gewaltsamen Todes von Daniel H. beim Chemnitzer Stadtfest unter dem Hashtag #Wirsindmehr Freunde und Bekannte aus der Musikszene mobilisiert.

Zu den namhaften Solokünstlern und Bands, die bei dem Festival auftraten, gehörten Die Toten Hosen, K.I.Z., Feine Sahne Fischfilet, Marteria und Casper. Die Veranstalter hatten im Vorfeld auf 10.000 oder 20.000 Besucher gehofft. Tatsächlich kamen mehr als 50.000 Menschen, nach Schätzungen der Stadt waren es sogar 65.000, die zwischen 17 und 21 Uhr gemeinsam feierten.

Video zum Konzert in Chemnitz: "Es ist wichtig, dass man sich nicht allein fühlt"

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Vor Beginn gab es eine Schweigeminute für Daniel H., während des Konzerts wurden Spenden gesammelt, die zur Hälfte an die Familie des Verstorbenen und zur anderen Hälfte an antifaschistische Projekte in der Region gehen sollen.

"Alles, was Anstand hat", müsse sich gegen den rechten Mob stellen, sagte Tote-Hosen-Sänger Campino. Dabei taten sich die Altrocker aus Düsseldorf sogar mit ihren ewigen Punk-Rivalen, den Ärzten, zusammen. Die Toten Hosen spielten unter anderem eine Coverversion des Ärzte-Klassikers "Schrei nach Liebe" und holten dazu Ärzte-Bassist Rodrigo Gonzales auf die Bühne. Sie beendeten das Konzert mit der Fußball-Hymne "You'll Never Walk Alone".

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Protestkonzert in Chemnitz: Die Würde des Menschen ist tanzbar

Der aus Rostock stammende Rapper Marteria erinnerte an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Damals habe er mit seiner Familie weinend zu Hause gesessen, als das Sonnenblumenhaus von einem rechten Mob in Brand gesteckt wurde. Er habe jahrelang damit zu kämpfen gehabt, aus der "Nazi-Stadt" Rostock zu kommen. Chemnitzern solle ein ähnliches Schicksal erspart bleiben.

In der sächsischen Stadt war es zu rechten Krawallen gekommen, nachdem der 35-jährige Daniel H. auf dem Stadtfest erstochen worden war. Gegen die Tatverdächtigen, einen 23 Jahre alten Syrer und einen 22 Jahre alten Iraker, wurde Haftbefehl erlassen. In Folge der Tat war es in Chemnitz zu Angriffen auf Migranten und Demonstrationen gekommen, an denen unter anderem rechtsradikale Hooligan-Gruppen teilnahmen.

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Chemnitz: Chronologie der Ausschreitungen

Bei #Wirsindmehr sollte es darum gehen, ein friedliches Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus zu setzen. Laut Angaben der Polizei gab es während des Konzertes keine größeren Vorkommnisse. Im Anschluss verließen die Besucher zügig das Veranstaltungsgelände. Die Polizei vermeldete kurz darauf via Twitter, dass sich am Gedenkort für Daniel H. "einige Personen nicht friedlich" verhielten.

mmm/AFP/dpa

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