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03. September 2018, 17:12 Uhr

Musiker vor Chemnitzer Konzert

"Ich müsste mich schämen, wenn ich hier nicht dabei wäre"

Vor dem Protestkonzert gegen Rechtsradikalismus haben sich die Musiker von den Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet und Kraftklub zu ihren Motiven geäußert. Tenor: "Den Schneeball zerstören, bevor er zur Lawine wird."

Mit dem "#wirsindmehr"-Konzert in Chemnitz wollen die Musiker ein lautes Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen: "Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet", sagte Kraftklub-Sänger Felix Brummer am Montag vor dem Open-Air-Konzert. "Aber manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist."

Er habe nur zwölf Stunden gebraucht, um Musikerkollegen wie Trettmann, Marteria oder Feine Sahne Fischfilet für das Konzert zu gewinnen. "Was wir können, ist halt Leute mobilisieren, Musik machen. Das ist die Art, wie wir uns engagieren können", sagte Kraftklub-Sänger Brummer, der aus Chemnitz stammt. "Wir sind Chemnitzer, wir bleiben Chemnitzer", betonte er. "Wir sind noch hier, wenn die Kameras ausgehen." Auch der Rapper Trettmann betonte seine Wurzeln in der sächsischen Stadt: "Ich bin auch in Chemnitz geboren und das Problem Rassismus verfolgt mich seit jeher."

Der aus Rostock stammende Rapper Marteria, der bei dem Konzert gemeinsam mit seinem in Nordrhein-Westfalen aufgewachsenen Kollegen Casper auftreten wird, erzählte, er habe 1992 miterlebt, was in Rostock-Lichtenhagen passiert ist: "Das sitzt tief bei mir. Meine Familie und ich haben im Wohnzimmer geheult, als die Molotowcocktails flogen." Casper und er seien "für die Chemnitzer hier, die gegen Rassismus kämpfen. Die wollen wir bestärken".

Ebenfalls aus Mecklenburg-Vorpommern gekommen sind Feine Sahne Fischfilet, deren Auftritt im Vorfeld am stärksten diskutiert wurde. Sänger Jan Gorkow, genannt Monchi, sagte dazu: "Wenn der Verfassungsschutz mehr über dich und deine Band als über Nazibands weiß, dann weiß man, wo der steht. Wenn der uns scheiße findet, sehe ich das als Kompliment."

Monchi erzählte aus seiner Jugend: "Bei uns standen die Faschos vor der Schule und haben CDs verteilt", das sei immer noch Realität in Mecklenburg-Vorpommern, die Strukturen seien aufgebaut. Deswegen sei es für sie so leicht, sich in die Chemnitzer zu versetzen. Was hier passiert sei, könne überall passieren. Dagegen müsse man sich jetzt stemmen: "Ich müsste mich schämen, wenn ich hier nicht dabei wäre." Er habe dann "Campi" angerufen und auch der habe sofort zugesagt.

Campino äußerte seine Freude darüber, "als alte Cowboys kurz vor der Rente gefragt worden zu sein, hier auch dabei zu sein". Der Sänger der Toten Hosen sagte, es gehe bei dem Konzert nicht um einen Kampf Links gegen Rechts, sondern: "Alle, die Anstand haben, stellen sich gegen den rechten Mob." Man wolle "den Schneeball zerstören, ehe er zur Lawine wird". Dass Feine Sahne Fischfilet als linksradikal bezeichnet werde und die Toten Hosen als Merkels Blaskapelle, das versuche bloß, Dellen in das Bündnis zu hauen. Das lasse man nicht zu, so der 56-Jährige.

"Für uns gibt es zwei Kriterien des Erfolgs des Konzerts", definierte Campino. "Dass eine Riesenzahl an Menschen kommt, und dass es gewaltfrei bleibt. Keine Schaufensterscheibe darf hier zu Bruch gehen, wir dürfen es der Gegenseite nicht zu leicht machen, uns dann als linke Chaoten zu bezeichnen."

Einen friedlichen Verlauf erwartet Sören Uhle, Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschafts- und Entwicklungsgesellschaft. Etwa 20.000 Besucher erwarten die Organisatoren. Bei dem Konzert sollten auch Spenden gesammelt werden, die jeweils zur Hälfte an die Familie des getöteten Daniel H. und an antirassistische Initiativen in Sachsen gehen sollen, sagte Uhle. Die Polizei ist mit einem verstärkten Aufgebot im Einsatz und erhält Unterstützung von Beamten aus Berlin, Bremen, Thüringen und weiteren Bundesländern.

evh/feb/dpa/AFP

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