Video-Schocker "This Is America" Amerika tanzt, Amerika tötet

30 Millionen YouTube-Abrufe in zwei Tagen: Mit dem verbittert brutalen Video "This Is America" bildet der US-Musiker Childish Gambino die prekäre Lebenswirklichkeit der Afroamerikaner in den USA ab.

Szene aus "This Is America"-Video

Szene aus "This Is America"-Video

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"Grandma told me/ Get your money, black man", rappt Donald Glover in seiner Rapper-Persona Childish Gambino an einer Stelle in seinem neuen Song "This Is America". Afroamerikaner, und um die geht es in dem verbitterten Musikstück, können in der weiß dominierten Gesellschaft der USA oftmals nur auf zweierlei Weise reüssieren: durch Entertainment oder Kriminalität. Entweder du tanzt und sorgst für gute Laune - oder du dealst Drogen und gerätst in einen Kreislauf der institutionalisierten Gewalt, die mit lebenslanger Haft und Marginalisierung oder dem Tod durch Schusswaffen endet.

Aus dieser zugespitzten, aber dennoch realen Dichotomie schöpfte Glover nicht nur einen suggestiven Hiphop-Track, der sonnig verspielte Afro-Rhythmen mit düsteren Trap-Sounds und hartem Rap kontrastiert, er lieferte auch einen Videoclip dazu, der mit kunstvoll inszenierter Brutalität auf dem besten Wege ist, ein Pop-Phänomen zu werden. Seit seiner Veröffentlichung am Samstagabend wurde der Clip auf dem offiziellen YouTube-Kanal von Childish Gambino bereits mehr als 30 Millionen Mal aufgerufen. In den klassischen und sozialen Medien überschlagen sich die Analysen und Deutungen der vielschichtigen Symbole und Bilder, die Glover unter der Regie des japanischen Regisseurs Hiro Murai (TV-Serie "Atlanta") tänzelnd, schießend und grimassierend in einer leeren Lagerhalle choreografiert.

Musiker und Schauspieler Donald Glover alias Childish Gambino
REUTERS

Musiker und Schauspieler Donald Glover alias Childish Gambino

Es ist ein brillantes und wirkmächtiges Panorama der schwarzen Lebenswirklichkeit, das man in solch ätzender Konsequenz noch nicht gesehen hat. Als Rap-Größe wurde Childish Gambino lange belächelt, bis Donald Glover das Alltagsgefühl afroamerikanischer Millennials als Schauspieler in "Atlanta" kongenial auf den Punkt brachte und 2016 sein seelenvolles Funk- und Hiphop-Album "Awaken, My Love" veröffentlichte. Für seinen Song "Redbone" gewann er einen Grammy, mit "This Is America", ein Vorbote seines neuen Albums, stellt er sich nun in eine Linie mit Beyoncé und Kendrick Lamar, den gesellschaftspolitisch relevantesten Black-Music-Künstlern zurzeit.

Karikatur der Jim-Crow-Karikatur

Was genau macht den Videoclip aber zu einer solchen Sensation? Es beginnt bei den Bewegungen, die Glover, in einfacher Jerseyhose und nacktem Oberkörper, der Kamera darbietet: Er schwitzt, er grimassiert wild, er verrenkt und schleudert seine Gliedmaßen, als führe er einen Jim-Crow-Tanz auf, jene Blackface Performance, mit der sich Weiße im 19. Jahrhundert über schwarze Sklaven lustig machten. Die Musik dazu ist geradezu anbiedernd beschwingt: "We just wanna party/ Party just for you/ We just want the money/ Money just for you."

Doch im nächsten Augenblick zieht Glover aus dem Bund seiner Hose eine Pistole und schießt unvermittelt dem vor ihm auf einem Stuhl sitzenden Mann in den Hinterkopf. Das Gesicht des Opfers, ein Afroamerikaner, sieht man nicht, ihm wurde, wie zur Folter oder zum Lynching, ein Sack über den Kopf gebunden. Der Beat ist jetzt bedrohlich und scharf. "This Is America", rappt Glover, "Don't catch you slippin' up/ Look what I'm whippin' up" - Guck mal, was ich angerichtet habe, lass dich bloß nicht erwischen.

Dann tänzelt er im Jim-Crow-Stil weiter, als wäre nichts gewesen. Die Waffe übergibt er einem Helfer, ihr Verbleib scheint wichtiger als das Schicksal des Opfers. Die Kamera folgt ihm zu einer weiteren willkürlichen Mordaktion: Beiläufig mäht er einen Gospelchor mit einem Maschinengewehr nieder, vielleicht ein Verweis auf das Kirchenmassaker in Charleston von 2015. Schon gesellt er sich fröhlich wieder zu einer Teenager-Tanzgruppe, tanzt weiter. Im Hintergrund der Lagerhalle, die anders als sonst in der glitzernden Fetischwelt der Hiphop-Videos, mit eher schäbigen Mittelklasseautos gefüllt ist, spielen sich unterdessen Szenen eines Aufstandes ab.

Aber man muss schon genau hinsehen, um diese Hintergrundaktionen mitzukriegen, zu abgelenkt ist man vom Song-and-Dance-Entertainment, das Glover vor der Kamera, die ihm auf Schritt und Tritt folgt, aufführt.

Und hier liegt natürlich die bittere Anklage, die der Rapper in seinem Clip führt: Amerikas Gesellschaft, auch die afroamerikanische, lässt sich viel zu schnell von den Gewaltexzessen, die alltäglich geschehen, ablenken, von hirnlosen Memes, Tanzperformances und Influencer-Unsinn in YouTube-Videos ebenso wie von pseudo-heroischen Gangsternarrativen. So leichtfüßig wie treffsicher schildert Glover die Machtlosigkeit des schwarzen Amerikas, das immer nur Marionette bleibt, versklavt im Gewaltenspiel der weißen Dominanzgesellschaft - sowohl als Künstler wie auch als Krimineller. Am Ende sieht man ihn mit panisch aufgerissenen Augen durch dunkle Korridore rennen, auf der Flucht vor weißen Polizisten.

Die Schlussszene erinnerte einige Beobachter an die im vergangenen Jahr erfolgreiche Rassismus-Komödie "Get Out", in der sich die Hauptfigur in einem Horror-Hospital für Schwarze wiederfindet. Amerika, ein auswegloses Irrenhaus.



insgesamt 23 Beiträge
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mhwse 08.05.2018
1. weil der ganze Schlamassel
in und von einem Umfeld der Bigotterie umschlossen wird. (will er sich wohl mit Waffengewalt daraus befreien) Der homophobe Rassismus der Schwarzen, ist ja nicht weniger dramatisch, als es der, der Weißen gegen die Schwarzen, ist .. linkes Denken und religiöses Glauben - sind eigentlich Gegensätze .. (da war der Schreiber wohl etwas geschockt .. wollte er doch den einen offensichtlichen Missstand aus seinem wohl klerikalen Weltbild deuten .. nur um dann über die eigenen Beine zu fallen ..)
Peletua 08.05.2018
2. Alles stimmt
Ich bin absolut kein Fan des handelsüblichen US-Hiphop-/GangstaRap-Genres, aber das hier ist deutlich anders. Gute Musik, ein großartiges Video, und dazu ein lesenswerter Artikel mit der nötigen Hintergrund-Info. Danke!
libertarian2012 08.05.2018
3.
“Aus dieser zugespitzten, aber dennoch realen Dichotomie” Ein Schlag ins Gesicht aller schwarzen Amerikaner, die sich durch ehrliche Arbeit, Bildung und die vielen vielen Möglcihkeiten, die dieses Land bietet, aus evtl. einfachen Verhältnissen ein anständiges und normales Leben erreichen. Genauso wie weiße, braune oder gelbe Menschen.
Bueckstueck 08.05.2018
4. @libertarian2012
Sprich lieber mal mit diesen Schwarzen die du da als Gegenargument missbrauchst, und du wirst feststellen wie viel Mühe es macht jemanden zu finden, der deiner Weltanschauung zustimmt. Denn auch und gerade die Schwarzen, die es in die weisse Liga geschafft haben, wissen nicht nur wie es für sie zweifelsfrei mal war, sie erleben es unterschwellig immer noch, auch im Erfolg.
brehn 08.05.2018
5. nicht ganz
Kleine Korrektur, "Get Out" war keine "Rassismuskomödie" (was auch immer das sein soll) sondern ein Horror-Thriller, welcher auch nichts mit einem Sanatorium zu tun hat. Bitte lesen Sie doch den Artikel hinter dem Link, welchen Sie selbst eingefügt haben...
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