Zum Tod von Chris Cornell Mein Hohepriester des Grunge

Wer in der Grunge-Szene auffallen wollte, hörte nicht Nirvana, sondern Soundgarden. Niemand fing die rastlose Frustration junger Männer besser ein als Chris Cornell. Erinnerungen an einen Sommer in den Neunzigern.

Chris Cornell
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Chris Cornell


Pfingsten 1992. Alle meine Freunde fuhren zum Pink Pop Festival in Holland, das in diesem Jahr so etwas war wie die Hohe Messe des Grunge auf europäischem Boden. Pearl Jam spielten. Und Soundgarden. Und ich war nicht dabei.

Zivildienst, Frühschicht auf Station 3 des St. Bernhard-Hospitals in Kamp-Lintfort. Wenigstens übertrug das niederländische Fernsehen live, und ich nahm alles mit meinem brandneuen Videorekorder auf. Die Kassette kursierte noch Jahre später im Freundeskreis, weil das Spektakel darauf einfach so geil war.

Wie die Menge abging. Fliegende Arme und Beine, Schweiß, Regen, Rotze, Bier. Und oben auf der Bühne dieser Typ, dessen Gesicht man hinter einem Vorhang aus schwarzen Locken eigentlich nie sah. Schwarzes T-Shirt, kurze schwarze Hosen, Springerstiefel. Eine Stimme, die sich mit müheloser, schneidender Klarheit durch den ungeheuren Lärm von Gitarre und Schlagzeug fräste. Chris Cornell. An diesem Nachmittag der Hohepriester des Grunge.

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Chris Cornell: Pionier des Grunge

Ein Jahr zuvor war "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana erschienen, und Gitarrenmusik war plötzlich wieder cool und hot. Wer noch cooler und hotter sein wollte, hörte aber natürlich nicht Nirvana (es sei denn, auf Parties, zum Headbangen). Auch nicht die braven Pearl Jam. Sondern Soundgarden.

Deren Platte "Badmotorfinger" kam ebenfalls 1991 heraus, der frühe Höhepunkt im Schaffen dieser Band aus Seattle. "Rusty Cage", "Drawing Flies", "New Damage" - das waren Songs, die wütender waren als die von Nirvana, aber auch komplexer, merkwürdiger, abgefahrener, unvorhersehbarer.

Das Intro von "Jesus Christ Pose" zum Beispiel, was war das? Heavy Metal Free Jazz? Immer wieder drifteten die Songs ab in diese psychedelisch aufgeladenen Instrumentalpassagen. Dazu sang Chris Cornell Texte, die von uns ohnehin niemand verstand.

Aber die rohe Energie, die ungerichtete Frustration und Wut junger, ratloser Männer, die übertrug sich ohnehin eher durch minutenlange Lärmorgien. Beim Pink-Pop-Auftritt verstärkte Cornell die Rückkopplungen seiner Gitarre mit einem Megaphon. Sehr, sehr lange. Das war die Message, sofern es eine gab.

Natürlich ist es viel zu vereinfachend, zu behaupten, Grunge hätte den geschniegelten, gebügelten Pop der späten Achtzigerjahre mit seinen Angriffen auf den Gehörgang davongefegt. Allein: Ich empfand es damals so. Die eigene musikalische Sozialisation ist eben eine äußerst subjektive Angelegenheit. Grunge wurde für mich zur Musik der Stunde, zum Ventil für blubbernden Gefühlsmorast, für die Sehnsucht danach, unangepasst zu sein, aber nicht zu wissen, wie das geht und was das eigentlich bedeutet.

"Ihr seid so unglaublich laut!"

Für einen sehr kurzen Zeitraum raffte sich Rockmusik damals noch einmal dazu auf, eben diesen Emotionen Ausdruck zu verleihen, zum verbindenden Element sicher nicht einer Generation, aber eines Teils einer Generation zu werden. Danach kam nicht mehr viel in der Abteilung Gitarrenmusik. Hip-Hop begann seine Regentschaft, die Stile und Genres der Popmusik zerfaserten, in Sachen Rockmusik herrscht heute Krisenstimmung.

Natürlich: Wenn man Grunge mit dem Abstand von über 25 Jahren betrachtet, wird einem bewusst, wie konservativ das Genre damals eigentlich war, wie die Bands eigentlich nur Stile variierten, die schon lange vorher da gewesen waren. Auch Soundgarden wurden nach "Badmotorfinger" gefälliger, Chris Cornells Haare kürzer, mit "Black Hole Sun" vom Nummer-eins-Album "Superunknown" hatten sie 1994 sogar einen richtigen Chartserfolg.

Später spielte er mit der sogenannten Supergroup Audioslave gut abgehangenen Hardrock, recht unerträglich eigentlich, und sang - unfassbar - auch den offiziellen James Bond-Titelsong "You Know My Name", wenigstens zu dem wirklich guten Film "Casino Royale". 2009 nahm er mit dem Produzenten Timbaland das Pop-Album "Scream" auf, über das sich die Kritik lustigmachte. Die Soundgarden-Reunion ein Jahr später war die logische Konsequenz. Sich wirklich aus der künstlerischen Sackgasse befreien konnte sich Cornell damit natürlich nicht.

Die Platte, die 2012 entstand, "King Animal", ist gut, keine Frage. Oft gehört hab ich sie nicht. Der Faden war abgerissen. Dass Chris Cornell jetzt tot ist, mit 52 Jahren, bringt aber sehr stark in Erinnerung, wie wichtig dieser Mann damals in den frühen Neunzigern war. Bei Soundgarden und auch bei dem legendären Band-Projekt Temple of the Dog.

Für mich ist der Nachmittag des 8. Juni 1992 der Zeitpunkt, an dem das alles kumulierte. Als es draußen regnete, ich vor dem Fernseher saß und die Menge auf dem Bildschirm dampfte und Chris Cornell sie in der Hand hatte und mit ihr via Rockmusik kommunizierte.

"Warum spielt ihr so laut, ihr seid so unglaublich laut!", fragte ihn ein sichtlich mitgenommener Interviewer des niederländischen Fernsehens damals nach dem Auftritt. "Weil es Spaß macht", brummelte Chris Cornell ins Mikro und hatte ebenso sichtlich keinen Bock auf dämliche Fragen. Aber Spaß hatte er, das war laut und deutlich.



insgesamt 33 Beiträge
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mariomeyer 18.05.2017
1. Grunge
Mein Bruder meinte immer, dass Grunge die Pop-Musik der frühen 90er gewesen sei, weil das damals wohl ständig auf MTV lief und darum all die Leute, die eben das mochten, was auf MTV gezeigt wurde, Grunge hörten. Dass Grunge bei MTV so populär werden konnte, lag daran, sagt mein Bruder, dass die Pop-Musik zu dieser Zeit durch ein tiefes Tal ging, so mit "Cotton Eye Joe" und "Weil ich ein Mädchen bin" und so. Vielleicht lag es auch daran, dass sich die Musik-Szene sehr stark in verschiedene Bereiche geteilt hat: Pop, Brit-Pop, Techno, Grunge, Extrem-Metal und was da sonst nicht noch alles auf einmal gab. Wie sieht es denn heute aus? Hören heute Leute noch Grunge? Ist das noch ein Ding?
Kasob 18.05.2017
2. Ich mochte Grunge nie
Grunge war immer der lahme Bruder von Metall. Irgenwie fehlte immer der Biss. Und nach dem Ende von Nirvana war Grunge auch tot.
Alias bereits vergeben 18.05.2017
3. cooler und hotter?
Wer "cooler und hotter" sein wollte, hörte Soundgarden und nicht Nirvana? Hm, das habe ich anders erlebt. Auf Nirvana konnten wir uns, die wir coole Musik mochten, alle einigen. Soundgarden war einigen Szenengängern zu breitbeinhardrockig und nicht so schön intellektuell autodestruktiv wie Kurt Cobain. Da stand ich mit meiner Zuneigung zu Soundgarden eher allein da. Für mich waren stets Nirvana pophistorisch wichtiger, Soundgarden musikalisch besser. Unabhängig davon: Schöner Bericht. RIP Chris, RIP Kurt
istvanfred 18.05.2017
4.
Zitat von mariomeyerMein Bruder meinte immer, dass Grunge die Pop-Musik der frühen 90er gewesen sei, weil das damals wohl ständig auf MTV lief und darum all die Leute, die eben das mochten, was auf MTV gezeigt wurde, Grunge hörten. Dass Grunge bei MTV so populär werden konnte, lag daran, sagt mein Bruder, dass die Pop-Musik zu dieser Zeit durch ein tiefes Tal ging, so mit "Cotton Eye Joe" und "Weil ich ein Mädchen bin" und so. Vielleicht lag es auch daran, dass sich die Musik-Szene sehr stark in verschiedene Bereiche geteilt hat: Pop, Brit-Pop, Techno, Grunge, Extrem-Metal und was da sonst nicht noch alles auf einmal gab. Wie sieht es denn heute aus? Hören heute Leute noch Grunge? Ist das noch ein Ding?
"Cotton Eye Joe" und "Weil ich ein Mädchen bin"... ich klopf mir gerade grinsend die Schenkel wund.... :D Für mich war Grunge immer so eine Art Lame-Duck-Metal, dessen Stil-Elemente mitterweile bruchstückhaft in allen anderen möglichen benachbarten Strömungen eingeflossen sind, so wie z.b. der Umweltschutz der GRÜNEN mittlerweile bei nahezu allen relevanten Parteien angekommen ist.... also, ein bisschen Grunge ist heutzutage daher fast überall (ausser bei Helene Fischer, vermute ich)
Deify 18.05.2017
5. Bin schon etwas älter
und habe deshalb eine Menge, wenn auch nicht alles, an Musik mitbekommen. Weshalb eine bestimmte Musik mal in Mode, mal au Schade... und dnake für Deine Musik.s der Mode sein soll, verstehe ich nicht; ich liebe z. B. nach wie vor Gitarren, Saxophon, Stimme, Rhythmus u.v.a.m.. Ich bin überzeugt davon, dass man die Musik, die man in jungen Jahren mag, durchs Leben mitnimmt und immer neue dazukommt. Ich fand und finde Grunge ganz hervorragend, voller Kraft und Leidenschaft, und ich werte auch nicht, ob Soundgarden nun "besser" war als Nirvana; jeder hat seine Fans und Berechtigung. Chris Cornell war auf jeden Fall eine Größe! Schade, und danke für Deine Musik!
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