Mandolinen-Star Chris Thile Das Originalgenie

Mit seiner Band Punch Brothers ist der Mandolinen-Spieler Chris Thile in den USA zum Star geworden. Das neue Album, das er mit dem Meister-Produzenten T-Bone Burnett einspielte, soll ihm nun auch in Europa den Durchbruch bringen.

AP/Courtesy of the John D. and Catherine T. MacArthur Foundation

Dass Musiker offiziell als, nun ja, Genies ausgezeichnet werden, geschieht eher selten. Vor allem nicht, wenn sie noch halbwegs jung sind und mit populärer Musik ihre Miete einspielen. Aber vor drei Jahren wurde Chris Thile ein "MacArthur Fellow" - auch "Genius Grant" genannt. Damit wurde ihm eine Würdigung von Brillanz zuteil, die meist Wissenschaftlern zugesprochen wird. Thile aber ist Mandolinenspieler.

Wer den 33-Jährigen mal mit seinem Instrument auf einer Bühne gesehen hat, weiß, warum er den mit 500.000 Dollar dotierten Preis erhielt. Chris Thile spielt, seit er drei war, Mandoline und beherrscht das in Europa wenig verbreitete, achtsaitige Instrument wie kaum ein anderer. Mit seinen beiden Bands Nickel Creek und Punch Brothers bereitete er traditionelle Bluegrass-Country-Klänge für die Moderne auf. Nebenher experimentierte er auf diversen Solo-Alben, nahm Musik mit Jack White auf, gab regelmäßig Konzerte mit dem Klavier-Jazz-Star Brad Mehldau und veröffentlichte auch schon eine CD mit Mandolinenversionen von Bach-Suiten.

Thile spielt sogar eine Debussy-Komposition

Daheim in den USA ist der Nachfahre eines Hamburger Bankangestellten -"Mein Urgroßvater musste sich über Nacht aus dem Staub machen"- ein Star. In Europa blieb er bisher ein Geheimtipp. Das könnte "The Phosphorecent Blues" ändern, das neue Werk der Punch Brothers - und der bisherige Höhepunkt in Thiles Karierre. Produziert hat das großartig gelungene Werk T-Bone-Burnett. Das passt, weil der bei jeder Gelegenheit darauf pocht, dass Chris Thile das größte Talent der vergangenen Jahrzehnte sei. Was ein gewichtiges Lob von jemandem ist, der bereits mit Bob Dylan, Roy Orbison, Elton John, Elvis Costello und Tony Bennett im Studio war. Burnett sorgte auch dafür, dass die Punch Brothers beim Coen-Brüder-Film "Inside Llewyn Davis" an Bord waren, und er heuerte Thile und seine Jungs für das den Film begleitende Galakonzert als Hausband an. Dort spielten sie mit Elvis Costello, Joan Baez, Jack White und ähnlichen Größen auf einer Bühne - was gerade auf der fabelhaften CD "Another Day, Another Time" erschienen ist.

Mindestens so toll ist "The Phosphorecent Blues": "Bis zu dieser Platte versuchte ich im Studio immer nur die Energie unserer Live-Auftritte einzufangen, was letztlich nicht möglich ist", sagt Thile. T-Bone Burnett brachte seinem Klienten dagegen bei, die Möglichkeiten eines Studios zu nutzen. Die dabei entstandene Musik entzieht sich allen Genre-Zuteilungen: Da werden Country, Pop, Rock, Jazz und Klassik miteinander verzahnt. Und wenn Thile da tatsächlich eine Debussy-Komposition spielt, erinnert das an die Verspieltheit des Beach-Boys-Meisterwerks "Pet Sounds".

In den USA werden die Punch Brothers den Sommer auf einer langen Tournee verbringen. Danach ist eine Reise nach Europa inklusive Deutschland geplant. Wer das Genie noch in kleinen Hallen erleben möchte, sollte sich dann rechtzeitig Karten sichern.


CD-Angaben:
Punch Brothers: The Phosphorecent Blues. Nonesuch; 20,99 Euro.
Diverse: Another Day, Another Time - Celebrating Music of Inside Llewyn Davis. Nonesuch; 21,99 Euro.



insgesamt 4 Beiträge
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josho 20.02.2015
1. Bluegrass Fans ist Thile seit ...
....seiner Kindheit bekannt. Dass er jetzt seine musikalischen Wurzeln verlässt, ist seiner Experimentierfreude, auf jedem Fall aber auch dem großen Geld geschuldet.
moesate 20.02.2015
2. na endlich....
SPON, auch schon draufgekommen....aber wenn´s nicht Hipster-Schluffi ist oder Titten hat, dann dauert´s bei Euch wohl länger. Konzerte der Punch Brothers kann man man nur mit den Worten beschreiben: "Wie soll man aplaudieren, während man auf dem Boden liegt und Götter verehrt"
Lint 20.02.2015
3. Live ganz klasse
Letztes Jahr habe ich Chris Thile live gesehen und mein Urteil ueber Mandoline revidiert. Gehoerte Mondoline bis dahin weggeschlossen wie Dudelsack und Harfe habe ich mir seine Bach-Suiten CD gekauft und hoere diese mit Begeisterung.
maria.mustermann 20.02.2015
4. Armes Deutschland
Warum kommt das immer von den Amis?! Ich spiele seit 18 Jahren Mandoline in verschiedenen Orchestern und zwar akustisch. Wenn man sich die deutschen Orchesterwettbewerbe anschaut, dann sind dort großartige Orchester vertreten, bei denen die Mandoline keinesfalls weg geschlossen ist. Für Einsteiger empfehle ich auf youtube Videos des Zupforchesters Ettlingen zu schauen, die die Bandbreite dieses Instrumentes zeigen. Und falls man Chris Thile so hochjubelt sollte man doch lieber vorher mal auf das Schaffen von Avi Avital verweisen. Richtige Solistenmandolinen für klassische Stücke sind übrigens nicht mit der von Thile gespielten Mandoline gleichzusetzen. Einfach mal Tante Google fragen.
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