Bariton Gerhaher Klare Stimme, klare Worte

Der eloquente Bariton: Wie gut Christian Gerhaher über Musik reden kann, zeigt sein neues Buch. Seine Liebe zum Regietheater ist darin nur eine der Überraschungen.

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Felix Broede/ Sony

Achtung, dies ist kein Fan-Buch! Wenige Anekdoten, kaum Klatsch, selbst die übliche Nabelschau des Kreativen findet nur am Rande statt: Der große Bariton Christian Gerhaher macht es sich wie beim Gesang auch mit seinem Buch "Halb Worte sind's, halb Melodie" nicht leicht. Dafür zeigt er unterhaltsam, wie viele Details aus der täglichen Arbeit eines Sängers man auf rund 170 Buchseiten unterbringen kann.

Gerhaher geht Dingen auf den Grund, von denen er unendlich viel versteht. Seine Sprachgewandtheit ist selten in dem eher stillen Metier der Hochkultur. Dies ist ein beglückendes Buch über die schwierige musikalische Arbeit und das wunderbare Gefühl, wenn es sich am Ende wie ganz leicht gelungen anhört. Das ist kein Trick, das ist Kunst, die von Wissen, Können und Gefühl kommt. Gerhaher teilt sich offenbar gern mit, und das sorgt für Lesevergnügen.

Er kam auf Umwegen zu seiner Kunst. Zunächst studierte Gerhaher Medizin, das sogar mit Abschluss. Das akribische Analysieren und Herauspräparieren von Details gehören zu seiner Arbeitsweise. Wenn er also über das komplexe Liedschaffen von Robert Schumann spricht, so hat das einen wissenschaftlichen Ansatz, doch die Liebe zum Werk, zur Musik und vor allem die unbändige Freude an der Interpretation des Gefundenen machen Gerhahers Gesang so profund. Intellektualität und musikalisches Einfühlungsvermögen vereinen sich. Wie schön, dass er diesen Prozess sogar noch in Worte fassen kann.

Ohne die üblichen Jubel-Arien

Ein Autor ist Gerhaher allerdings nicht, aber er ist klug genug, diese Klippe souverän zu umschiffen. Sein Buch trägt den Untertitel "Gespräche mit Vera Baur" - und die studierte Musikwissenschaftlerin bietet dem Sänger mehr als nur Stichworte an. Oft hat man das Gefühl, dass sie ihr Gegenüber mit komplexen, heiklen Fragen herausfordern möchte. Doch der ebenso nachdenkliche wie diskursfreudige Gerhaher nimmt die Bälle begierig auf und kontert gerne.

Wenn Baur etwa in einem der Oper gewidmeten Kapitel die Herausforderungen des Musiktheaters beschwört und Gerhaher nach dem Glück des Gemeinschaftserlebnisses fragt, so gibt dieser trocken zurück: "Mir geht es eigentlich nicht so, dass mich das besonders glücklich macht." Ohne die üblichen Jubel-Arien über tolle Kollegen, super Techniker und klasse Orchester zu singen, beschreibt er lieber anschaulich die Schwierigkeiten einer Opernproduktion, die Geburtswehen, die Arbeit.

Auf die Frage, was denn einen guten Operndirigenten auszeichne, antwortet Gerhaher entwaffnend: "Ich möchte unterscheiden zwischen gut und angenehm. Was einen guten Operndirigenten auszeichnet, weiß ich nicht wirklich." Sanfte Koketterie: Über das Angenehme spricht er dann aber eineinhalb Seiten lang, wobei er en passant natürlich auch das Gute erklärt, gewürzt mit einer großen Prise effizienter Rhetorik.

Manche Stücke brauchen Gewalt

Das von Sängern gern gescholtene Regietheater schreckt Gerhaher wenig, "solange das Faszinosum nicht zu Entertainment und Dekoration verkommt, solange man sich als Interpret dem Publikum auch nicht anzubiedern beginnt". Sicherheitshalber setzt er gleich noch eins drauf: "Ich finde, man kann darüber hinaus manchen Stücken sogar helfen, indem man ihnen Gewalt antut." Anschließend führt Gerhaher seine Thesen wie in jedem Kapitel detailliert aus. Es geht ihm nie um Provokation, immer um Klarheit.

Natürlich ist der größte Teil seines Buches dem Lied gewidmet, der Musik Schuberts und Schumanns, seinen Vorbildern Dietrich Fischer-Dieskau und Hermann Prey, der Arbeit mit seinem langjährigen Klavierpartner Gerold Huber. Doch auch diese peniblen Darstellungen zwischen Technik und Inspiration verlaufen sich nie in langatmigen Details. Gerhaher gelingt es, seine Erfahrungen und Grundsätze plakativ und auch für Laien verständlich darzustellen. Durch die sachliche Sicherheit und Kompetenz fühlt sich der Leser ebenso ernst genommen wie zuverlässig geleitet.

Wer sich einen Eindruck davon verschaffen will, wie Gerhaher mit dem vokalen Schaffen Robert Schumanns umgeht, dem sei ein eher selten aufgeführtes Werk empfohlen: Die "Szenen aus Goethes Faust" (BR Klassik), eingespielt mit kongenialen Partnern wie Christiane Karg als Gretchen, dem Weltklasse-Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Daniel Harding, dazu ein makelloser Chor. Für Gerhaher ist das Schumanns "größtes Werk". Immer für eine Überraschung gut, der Gerhaher, aber auch die erläutert er in seinem Buch. Selbstredend.


Buchangaben:
Christian Gerhaher: Halb Worte sind's, halb Melodie. Gespräche mit Vera Baur. Henschel/Bärenreiter Verlag, Leipzig; 192 Seiten; 22,95 Euro.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
helisara 23.03.2015
1. Ein toller Sänger
Gerhaher ist ein wunderbarer, intelligenter Sänger. Hoffentlich kann ihn das Konzertpublikum bald auch in einem NEUEN Münchner Konzertsaal bewundern.
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