Konzert-Avantgarde Die Fidel im Fitness-Test

Musik ohne Publikum? Von wegen! Der deutsche Avangarde-Komponist Jörg Widmann füllt die Konzertsäle, seine Neutöne sind populär. Wie man sein schwieriges Violinkonzert anpackt, zeigt uns Christian Tetzlaff - schließlich komponierte es Widmann exakt für ihn.

Giorgia Bertazzi

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Widmen kann schiefgehen, auch wenn es um Musik geht. Arnold Schönberg wünschte sich seinerzeit Jascha Heifetz als Premieren-Virtuosen für sein Violinkonzert, aber der lehnte das Präsent mit dem Urteil "Unspielbar!" ab. Ob der große Heifetz vor den technischen Hürden des Werkes kapitulierte, darf bezweifelt werden: Er mochte es wohl einfach nicht, Widmung hin oder her.

Da hatte der deutsche Komponist Jörg Widmann (Jahrgang 1973) mit der Zueignung seines 2007 komponierten Violinkonzertes mehr Glück: Der angepeilte Solo-Pate Christian Tetzlaff war sofort begeistert. Über die Widmung ebenso wie über die Qualität des Werkes. Es verlangt natürlich technische Brillanz, entfaltet aber auch opulente Klangwirkungen: alles drin, was ein Geigen-Artist sich nur wünschen kann. Schwierig, aber beherrschbar. Einziger Haken: Tetzlaff erhielt die Noten erst zwei Wochen vor der geplanten Uraufführung in der Essener Philharmonie!

Doch die knappe Frist bis zur Premiere brachte kaum Stress: "Ich hatte keinerlei Fragen technischer Art", sagt Tetzlaff über die für ihn auf Anhieb glasklare Partitur, die sich wie ein Fitness-Parcours ausnimmt. Ein einziger Satz über fast dreißig Minuten, das verlangt langen Interpreten-Atem, Kondition und Durchhaltevermögen. "Ein Konzert voller Kraft und Schönheit", beschreibt es Christian Tetzlaff. "Eine einzige, große Arie, der Geiger ist Sänger und Erzähler in einem, der Gegensatz zwischen Solist und Orchester ist aufgehoben."

Auf den Spuren von Alban Berg

Das Schwedische Radio-Symphonieorchester unter seinem jungen britischen Chef Daniel Harding wählte Solist und Komponist nach über einem Dutzend verschiedener Aufführungen des Konzertes aus. "Es ist eines der großen Orchester in Europa, und hier war es die ideale Verbindung, nach der man immer sucht", fasst es Christian Tetzlaff zusammen. Der in Hamburg geborene Violinist kennt sich aus: Mit den Top-Orchestern in New York, Berlin, London, Paris, Tokio oder Boston spielt er regelmäßig auf, und seine Aufnahmen ernten stets höchstes Lob.

Ebenso wie seine Sicht auf Stücke des 20. Jahrhunderts und taufrische Novitäten: "Ich bemühte mich während der letzten zehn Jahre, immer mindestens eine Uraufführung pro Jahr zu spielen." Natürlich gehört zu seinem Arbeitspensum - bei Virtuosen heute fast obligatorisch - auch Kammermusik. Daher die Verbindung zu Jörg Widmann: Beide traten schon oft gemeinsam auf, Widmann gilt auch als einer der kompetentesten Klarinetten-Solisten.

Jörg Widmanns Violinkonzert schöpft aus der Tradition des 20. Jahrhunderts, und wer etwa Alban Bergs Konzert mag, wird als Hörer mit Widmanns Komposition keine Schwierigkeiten haben. Dazu oszilliert sein zupackender, melodisch und technisch extrovertierter Stil zwischen den Klangwelten von Kollegen wie Wolfgang Rihm und seinem Lehrer Hans Werner Henze, stets in eigener, markanter Tonsprache.

So süffig manche Passagen auch klingen, immer wieder überraschen Höhenflüge des Solisten und irrwitzige Wendungen - ein Erzählung voller Pointen, eine Achterbahnfahrt zwischen Idylle und Eruption, wie Christian Tetzlaff sie liebt. Widmann geht oft an die Grenzen der Tonalität, doch er kehrt immer wieder in harmonische Gefilde zurück. Er verbindet die Extreme und verarbeitet geschickt die frühe Zwölftonmusik mit der Opulenz der Spätromantik. Evolution statt Revolution: altes Rezept, stets neuer Erfolg. Widmann komponiert dabei fleißig und smart, sein Werk beinhaltet neben Orchesterwerken und Kammermusik ebenso erfolgreiche Opern, wie die 2012 uraufgeführte "Babylon" mit Texten vom Philosophen Peter Sloterdijk.

Auch Christian Tetzlaffs nächste Produktion für das kleine Ondine-Label dürfte für eine Überraschung gut sein: Es geht um Musik des zeitgenössischen britischen Komponisten Mark-Anthony Turnage, der gern mit Jazzmusikern wie dem Bassisten Dave Holland zusammenarbeitet und zuletzt eine Oper über Anna Nicole Smith herausbrachte.


Jörg Widmann: Violin Concerto u.a. Mit Christian Tetzlaff, Violine; Swedish Radio Symphony Orchestra, Leitung: Daniel Harding. Ondine/Naxos, 18,90 Euro.



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sir 18.05.2013
1.
Zitat von sysopGiorgia BertazziMusik ohne Publikum? Von wegen! Der deutsche Avangarde-Komponist Jörg Widmann füllt die Konzertsäle, seine Neutöne sind populär. Wie man sein schwieriges Violinkonzert anpackt, zeigt uns Christian Tetzlaff - schließlich komponierte es Widmann exakt für ihn. http://www.spiegel.de/kultur/musik/christian-tetzlaff-spielt-das-violin-concerto-von-joerg-widmann-ein-a-900081.html
Nachdem ich das Konzert in digitaler Fassung gehört habe, hier mein subjektives Urteil: Inhaltlich beliebig, zusammenhangslos, mit unvermittelten Steigerungen der Tonhöhen und ebensolchen Einsätzen verschiedener Orchesterinstrumente, natürlich ohne Melodien, ab und zu interessante Zusammenklänge. Es lässt mich völlig gleichgültig zurück. Ob der Geiger dabei gut war, ist nicht zu beurteilen, da man nicht heraushören kann, was seinem Können entspricht. Leider auch kein Lichtblick einer Orchestermusik, die Form und Emotion wieder annähern möchte. Zu akademisch und prätentiös, "Avantgarde"-Musik eben. Sie wirkt hilflos, wie ein um sich greifender Ertrinkender. Es heißt also weiter abwarten. Die Partitur sieht aber sicherlich interessant aus.
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