Kultur

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Comeback von Christina Aguilera

Maria, uns schmeckt's nicht!

Mit ihrem neuen Album will Christina Aguilera zurück auf die Weltbühne des Pop, die sie einst so "beautiful" wie "dirrty" dominiert hat. Doch der Befreiungsschlag scheitert an zu vielen guten Absichten.

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Montag, 18.06.2018   12:58 Uhr

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"Liberation" ist ein Album wie eine Sängerin im Morgenrock: Die Stadt liegt noch im unscharfen Dunst des jungen Tages. Die Diva geht auf den Balkon, ungeschminkt, trinkt Kaffee aus weißem Porzellan. Sie singt: Jetzt mache ich etwas gaaaanz Be-sooooon-dereees. Sie geht ihre Register und Oktaven durch. Sie hat sie alle.

Es folgt ein Lachen, so kehlig, wie es nur Sängerinnen lachen können. Ihr mögt denken, ich sei vielleicht verrückt, aber ich bin eine Künstlerin, röhrt sie vom Balkon. Eine Künstleriiiiiiin! Unten hupt ein Lkw. Menschen fahren zur Arbeit. Die Sängerin weiß, sie müsste jetzt wirklich auch mal wieder etwas machen. Nur was?

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Sie setzt sich in ihrem Ankleidezimmer vor den Spiegel, schaut sich an. Niemand wird mich zurückhalten, sagt sie sich. Ich werde mich verwirklichen!

Real!

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Ungeschminkt!

Stripped!

Back to Basics!

Sie freut sich.

Das hat sie noch nie gemacht.

Dann erschrickt sie.

Wer zu Hölle ist das da im Spiegel eigentlich?

Nach "Genie In A Bottle", "Dirrty", "Beautiful", fünf Grammys und dem weitgehend unbeachteten letzten Studioalbum "Lotus" von 2012 ist "Liberation" ein Album, das - im Streaming-Zeitalter unfassbar rührend - mit nicht weniger als vier Intros und Interludes daherkommt, und insgesamt auch selbst eine einzige Exposition ist.

Es ist die Ankündigung, jetzt etwas ganz Großes, Befreiendes zu machen. Ein Versuch mit Gitarren, Synthies, Reggae, Rappern, Kindern und Kanye West als Produzenten. Aguilera singt mehrstimmig gegen sich selbst, das ist aber auch alles, was das Ganze zusammenhält. Außer natürlich ihrem Willen. Ja, Christina Aguilera will.

Zurück auf die Bühnen der Welt.

Große Kunst.

Sie will: Maria!

Wo bist du?, flüstert sie im Piano-und-Streicher-Intro. Es folgt ein Kinderlachen. Bist du da? Remember! Es folgt das a cappella gesungene Intro "Searching For Maria" für den dann endlich folgenden ersten Song "Maria": "How do you find a word that means Mariaaa?" Er überrascht mit einem Cembalo-Synthie-Sound im Stile der Neunziger. Zu den von Kanye West produzierten Beats gesellen sich Streicher und die eine oder andere Triangel. Dazu singt Aguilera von der eigenen emotionalen Abstumpfung. Maria soll ihr dabei helfen, wieder etwas zu fühlen: "I'm facing the mirrors. Where, where, where is Maria? Why, why don't I see her?"

Ja, wo ist denn nun Maria?

Und wer ist das eigentlich?

Die Mittelnamen im Pop

Maria ist Christina Aguileras Mittelname, und der steht, wie Britney Spears' "Jean" (2013) oder Lady Gagas "Joanne" (2016), für den Teil ihrer Identität, der privat bleiben durfte. Ihr wahres Ich quasi, die Frau hinter dem Make-up, unter den Perücken, der Mensch, der die Blond-und-bauchfrei-Rolle zugunsten des Ruhmes spielte. "Maria" ist das innere Kind. Aber "Maria" soll noch mehr sein: Zündung und Inspiration. Denn Julie Andrews als Maria Trapp in der Verfilmung von "The Sound Of Music" (1965) soll es gewesen sein, die Aguilera überhaupt erst zum Singen gebracht hat.

Im Video-Trailer zum Album erzählt sie davon, dass ihr Leben zu Routine verkommen sei, dass sie in ihrer Karriere in kreativen Dingen lange nichts zu sagen hatte, dass sie ein junges Mädchen in einer Welt älterer Herren war. Und nun, mit 37, endlich Frau, endlich emanzipiert, will sie dieses kleine Mädchen, ihre Maria, frei lassen. Sie schaut in den Spiegel. Man sieht ihr von kosmetischen Stichen geschwollenes Gesicht. Man hört sie sagen, dass sie heute besser zu ihren Makeln stehen könne. Sie bleibt ein Widerspruch, die Aguilera. Am Ende von "Maria" atmet sie schwer. "How am I supposed to face this lonley life I've created?"

Spätestens nach "Fall in Line", einem Selbstbehauptungs-Song mit Demi Lovato, der sich zum Ende hin in vielstimmiges Schreien auflöst, hat man das Gefühl, man hätte bereits Aguileras gesamte Parfüm-Kollektion - es sind ingesamt 15 Stück - auf dem Boden zerschmissen: Der Duft ist so dick, dass einem der Atem stockt.

Erschlagen von der unfassbaren Stimme

Der beste Song ist das modern klingende, wiederum von Kanye West produzierte "Accelerate" (mit den Rappern 2 Chainz und Ty Dolla Sign). Die angenehmsten Momente sind jedoch die, die am wenigsten wollen, die Aguilera auch ruhige Töne und Pausen erlauben. Es sind Balladen wie "Twice" von Kirby Lauren, die auch "FourFiveSeconds" für Rihanna, Kanye und Paul McCartney geschrieben hat. Aber auch sie bleiben nur klägliche Versuche gegenüber den Power-Balladen, die man aus Aguileras großer Zeit kennt ("Hurt").

Wie der "Masochist" aus dem vorletzten Song fühlt man sich nach dem Hören dieses Albums. Man wurde zusammengeschlagen von dieser unfassbaren Stimme, von zu vielen guten Absichten, aber keiner inspirierenden Idee. Man wurde verbrannt für nichts. Man wünscht Christina Maria Aguilera, dass "Liberation" wirklich nur ein Intro ist - für ihr nächstes, gutes Pop-Album.

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