Sinfonische Kunst Die Reize der Überraschung

Zwei sehr unterschiedliche Dirigenten greifen beherzt zu. Der eine bei Schubert, der andere bei Mozart. Alles altbekannt? Christoph König und Herbert Blomstedt präsentieren stürmische Überraschungen.

Christian Wind

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Franz Schuberts "Große" Sinfonie in C-Dur, eines der schönsten Orchesterwerke der Klassik, vielleicht auch der Romantik, erscheint bestens bekannt überreich gedeutet. Wer eine maßgebliche Interpretation hören möchte, hat große Auswahl in Sachen Aufnahmen. Wobei die Version von Rudolf Kempe und den Münchner Philharmonikern von 1968 nachdrücklich empfohlen sei. Umso schöner, wenn sich Musiker wie etwa der in Dresden geborene Dirigent Christoph König eigene Gedanken in Sachen Schubert machen und seiner Interpretation der "Neunten" (oder nach neuer Zählung Achten) erst einmal Lucio Berios (1925-2003) Sicht auf Franz Schuberts Skizzen zu einer weiteren, der D-Dur-Sinfonie voran. Und dem italienischen Avantgarde-Komponisten fiel einiges dazu ein.

Selbst für Schubert ein toller Anlauf: neue Experimente mit Strukturen nach dem C-Dur-Meisterwerk, kurz vor seinem frühen Tod. Berios "Renderings" greifen Schuberts Blick in die romantische Stil-Zukunft auf, nach dort, wo schließlich Gustav Mahler neue Tore aufstieß. Berios Komposition geht von den drei Themenskizzen Schuberts für die ersten Sätze dreier D-Dur-Sinfonie aus. Behutsam und sensibel analysiert Berio mit seinem Ansatz das wenige Material: eine aufregende Erfahrung, von Christoph König penibel und klar dirigiert.

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Sinfonische Kunst: König und Blomstedt - aus alt mach neu

Strenge Melancholie

Königs Orchester, die Solistes Européens Luxembourg, folgt ihm dabei engagiert und feinsinnig. Erst seit 1989 aktiv, kommen in diesem etwas größer als gemeinhin dimensioniertem Kammerensemble regelmäßig Musiker aus europäischen Spitzenorchestern zusammen. Sie konzertieren in ganz Europa, hatten schon Gastspiele in New York, und Christoph König führt die Solistes seit 2010 zu künstlerischer Kontinuität.

Ihre Interpretation von Schuberts "Großer" C-Dur-Sinfonie lebt von den Reizen der Überraschung, einer strengen Melancholie im Klang und jähen Abgründen in Schuberts stets nur scheinbar romantischen Themenfluss. Diese vielen Stimmen und Zwischentöne präpariert Christoph König sauber heraus, entdeckt immer wieder schimmernde Details. Das Tempo pflegt er durchgängig rasant, was besonders in der kammermusikalischen Anmutung des Solistes-Sounds extrem erfrischend wirkt.

Dunkel und kraftvoll

Allein, wie das Seitenthema des dritten Satzes ausgeführt wird, ganz ohne sentimentale Überreizung, stattdessen dunkel und kraftvoll entfaltet und die Details beweglich und facettenreich entwickelt. Eine "Große" Sinfonie mit viel Sinn für die "kleinen" Momente dargestellt - Gegensätze spannend und neu entdeckt.

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Christoph Königs über 40 Jahre älterer Kollege Herbert Blomstedt lehnt sich auch mit nun schon 91 Jahren nicht altersmilde zurück, sondern langt aktuell in Sachen Mozart noch einmal kräftig zu. Die Sinfonien 40 g-moll und 41 C-Dur ("Jupiter") sind Abschluss und Höhepunkt von Mozarts Sinfonienwerk und natürlich bestens dokumentiert, ausinterpretiert, ausgeleuchtet von A bis Z. Oder?

Herbert Blomstedt, in den USA geborener schwedischer Orchesterleiter mit vielfachen Auszeichnungen und immensem Repertoire, verbindet während seines langen Dirigentenlebens stets Ungewöhnliches mit Standardrepertoire und entging somit der Beliebigkeit und dem grauen Mittelweg.

Die Suche nach der Essenz

Schon mit dem treibenden, fast ungeduldig klingenden Beginn von Mozarts g-moll-Sinfonie packt Blomstedt das großartig aufspielende Orchester des Bayerischen Rundfunks und motiviert den Luxus-Klangkörper zu einer Kondition erfordernden Tour-de-force durch Mozarts Sinfonien-Finale. Äußerste Leichtigkeit bei extremer Spannung: Die hohe Kunst der Verdichtung. Die Aufnahme entstand zwar schon 2013, atmet aber denselben Geist wie die Konzertaufnahme der "Jupiter"-Sinfonie, die 2017 im Münchner Herkulessaal mitgeschnitten wurde.

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So klingt der 4. Satz der g-moll-Sinfonie nicht wie ein versöhnliches Resumé, sondern wie das eigentliche Kernstück: saftig, pur, kompromisslos. Blomstedts akribische Suche nach dem Wesen dieser letzten Sinfonien Mozarts bringt Struktur, Emotion und Klangschichten auf einen neuen Punkt. Im fast swingenden Rhythmus der Tanz-Sätze wie auch der Finale treiben Blomstedt und sein Orchester Mozarts Ideen-Ballungen zu einer beglückenden Einheit. Alles klingt einfach, alle Komplexität selbstverständlich leicht. Dennoch ist dies hier keine fröhliche Musik: Der tiefe Ernst blitzt nur allzu deutlich auf.



insgesamt 5 Beiträge
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Bluemax 13.08.2018
1. Überflüssiger Schubert
Königs Aufnahme ist schlichtweg langweilig und hat nicht wirklich Neues zu bieten. Wie so viele Neuaufnahmen, die krampfhaft Neues entdecken wollen und kläglich scheitern. Wer weiß, wie lange es noch dauern wird, bis jemand Furtwänglers bisher unerreichte Interpretation der "Großen" C-Dur-Symphonie übertreffen wird.....ich vermute noch sehr, sehr lange. Furtwängler fand genau die richtige Balance zwischen klassischer Form und romantischem Geist, der diesem Werk innewohnt (etwas, was der Autor des obigen Artikels dem Werk abspricht und damit leider seine mangelhafte Kenntnis preisgibt). Der späte Schubert war, wie auch Beethoven ein Schwellenkomponist, eine Brücke zwischen Klassik und Romantik. Das ist für sehr viele Interpreten eine Stolperfalle. Entweder wird auf Biegen und Brechen "klassifiziert" oder ein schwülstiger romantischer Brei zelebriert. Ich weiß auch nicht, warum der Autor gerade Kempes zugegebenermaßen solide Interpretation (aber eben auch nicht mehr) als Referenz anführt. Ganz nett, aber da gibt es Überzeugenderes von Kempe.
cremuel 13.08.2018
2. ??
"So klingt der 4. Satz der g-moll-Sinfonie nicht wie ein versöhnliches Resumé, […]" So darf er nie klingen und wo wäre die Aufnahme, auf der er so klingt? Das ist nur wieder ein Beispiel der enervierenden Standardfigur "Hier klingt alles anders als vorher, weil seit 1791 noch keiner darauf gekommen ist, wie es klingen muss." Totzdem Danke für den Hinweis auf Blomstedts Aufnahme, die ich mir sehr gerne anhören werde. Schuberts 9. (oder 8.)...da beginnt jetzt wirklich seit zwanzig Jahren jede Rezension damit, dass es nun alles anders klingen würde (bei Harnoncourt, bei Immerseel etc.pp.) Wen interessiert das? Wer Schubert liebt, weiß doch, dass das Quatsch ist. Wer sich nicht für Schubert interessiert, den wird das doch völlig kalt lassen. Bitte, bitte, bitte: Motten Sie doch diese rhetorische Figur ein, sie bringt IMO überhaupt nichts.
jautaealis 13.08.2018
3. Es ist eine Beleidigung jeglichen ästhetischen Empfindens, ...
... die Wolfgang Amadé Mozartschen Machwerke als Kunst zu bezeichnen! Gleich in welcher Interpretation sie erklingen: Sie werden stets stümperhaft instrumentierte Flickenteppiche stereotyper Vulgarismen bleiben, die in aller Regel mit einem hässlichen großen akustischen Tintenfleck anheben...
helisara 13.08.2018
4.
Zitat von jautaealis... die Wolfgang Amadé Mozartschen Machwerke als Kunst zu bezeichnen! Gleich in welcher Interpretation sie erklingen: Sie werden stets stümperhaft instrumentierte Flickenteppiche stereotyper Vulgarismen bleiben, die in aller Regel mit einem hässlichen großen akustischen Tintenfleck anheben...
Für Leute wie Sie, gibt es ja noch so viel zur Auswahl: Helene Fischer, Bushido, Modern Talking, Andrew Lloyd Webber....
cremuel 14.08.2018
5.
Zitat von jautaealis... die Wolfgang Amadé Mozartschen Machwerke als Kunst zu bezeichnen! Gleich in welcher Interpretation sie erklingen: Sie werden stets stümperhaft instrumentierte Flickenteppiche stereotyper Vulgarismen bleiben, die in aller Regel mit einem hässlichen großen akustischen Tintenfleck anheben...
Das hat was, finde ich. Da man Mozart eigentlich nur 24/7/365 preisen und verehren kann, finde ich diesen Ausbruch irgendwie rührend. Nur der Tintenfleck...Erstens hat Mozart immer perfekte Partituren geschrieben und zweitens fängt er nicht selten leise an. Soll aber vielleicht eine Verbeugung vor Mozarts Kanons und Bäsle-Briefen sein?
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