Nachruf auf Chuck Berry Outlaw wider Willen

Als der schwarze Entertainer Chuck Berry Country und R&B zu Rock'n'Roll verschmolz, schien eine von Rassenfragen freie Popkultur möglich. Aber dann kamen Elvis, die Beatles und die Rolling Stones.

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Kein Nachruf auf Chuck Berry kann ohne diese Szene auskommen: Wie einen Schuljungen lässt Berry den Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards immer wieder das Gitarren-Intro zu "Oh Carol" spielen, bis er es dann annähernd so hinbekommt wie der gestrenge Meister selbst. Die Blicke der anderen, schwarzen, Musiker in dieser Bühnenproben-Tortur aus Taylor Hackfords Film-Dokumentation "Hail! Hail! Rock'n'Roll" sind so vielsagend wie die Szene selbst: In die - verständliche - Genervtheit ob der Pedanterie Berrys mischt sich ein anderes, tiefer verwurzeltes Unbehagen. Denn selten lag der rassistische Subtext der Rockmusik so offen wie hier: Der "White Boy" aus England will "unsere Musik" spielen? Dann aber bitte richtig!

Dabei wurde Berry damals, 1986, nicht nur als einer der ersten Musiker überhaupt feierlich in die neu gegründete Rock'n'Roll Hall of Fame aufgenommen. Bei dem Konzert zu Ehren seines 60. Geburtstags in seiner Geburtsstadt St. Louis, das auf die peinigende Probe folgte, erwies ihm neben Superstar Richards auch Gitarrengott Eric Clapton die Ehre. Der Platz des schwarzen Gitarristen, Songschreibers und Pop-Pioniers in der Geschichte war bereits damals gesichert und unumstritten. John Lennon sagte einmal, wenn man versuchte, Rock'n'Roll einen anderen Namen zu geben, könnte man es ja "Chuck Berry" nennen. Bob Dylan nannte ihn den "Shakespeare of Rock'n'Roll" - und Keith Richards selbst gab zu, jedes einzelne Gitarren-Lick von Berry abgekupfert zu haben: "This is the man that started it all."

Das stimmt. Aber trotz der zahlreichen Anerkennungen und Würdigungen, die Berry damals und heute, nach seinem Tod mit 90 Jahren erfuhr, waren es vorrangig weiße Rock'n'Roller, die mit seiner Musik zu Weltruhm gelangten und bis heute als Ikonen verehrt werden, während Berry selbst in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts in der Entfaltung seines Talents vom System der Rassentrennung in den USA nachhaltig behindert wurde.

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Chuck Berry zum 90.: Gitarrengott beim Ententanz

Dabei hatte Berry - 1926 geboren - zunächst das Glück, in einer schwarzen Mittelstandsumgebung aufzuwachsen. Sein Vater war Dekan in einer Baptisten-Kirche im Stadtteil The Ville von St. Louis, seine Mutter Schulrektorin. Noch an der Highschool versuchte sich Chuck, eigentlich Charles Edward Anderson Berry, als Musiker. Allerdings trieb er, wie jeder andere Heranwachsende, auch Schabernack. 1944, mit 18, wurde er verhaftet, weil er angeblich mit vorgehaltener Waffe ein Auto gestohlen haben sollte.

Die Pistole war jedoch nur ein Spielzeug, das Ganze wohl kaum mehr als ein übermütiger Scherz. Berry wurde dennoch zu einer harten Strafe verurteilt. "Wenn ein weißer Teenager bei so etwas erwischt worden wäre, hätte man ihm auf die Finger gehauen und damit wäre es erledigt gewesen", sagte Doku-Regisseur Taylor Hackford einmal, "aber Chuck bekam drei Jahre in einem staatlichen Gefängnis in Missouri. Es war ein definierender Moment für ihn."

Sein größter Wunsch: ein Star werden

Dass Berrys Leben ab diesem Zeitpunkt nicht aus den Fugen geriet, zeugt von der Charakterfestigkeit und Zielstrebigkeit dieses Ausnahmekünstlers. 1948 heiratete er seine Frau Themetta, mit der er - trotz einiger temporärer Trennungen - bis zu seinem Tod zusammenblieb. Berry arbeitete in Automobilfabriken, als Hausmeister und zuletzt sogar als Friseur, aber sein größter Wunsch war es, eine Berühmtheit zu werden, ein Star. Eine Karriere als Musiker aber war zu jener Zeit, Anfang der Fünfziger, ausschließlich weißen Künstlern vorbehalten. Schwarze Musiker blieben in ihrer Subkultur aus Blues, Gospel gefangen, ebenso unter sich wie im hinteren Teil öffentlicher Omnibusse oder Waschräumen "for colored people only".

Aber Berry, der Visionär, scherte sich nicht um Genres und Gettos. Als einer der ersten schwarzen Musiker brachte er den "Twang"-Sound weißer Country-Musik in die schwarzen Rhythm-and-Blues-Kneipen, in denen er mit seinen frühen Bands auftrat. Das Publikum verspottete ihn dafür als "Black Hillbilly", doch als mehr und mehr weiße Zuhörer in die Klubs kamen, schien sich für einen kurzen Moment die Möglichkeit einer von Rassenfragen befreiten Popkultur zu eröffnen. Mit seinen späteren Hits wie "Sweet Little Sixteen" oder "School Day" versetze sich Berry, damals schon um die 30, in die Frustrationen und Langeweile-Erlebniswelt weißer wie schwarzer Mittelstands-Teenager. Sie alle tanzten zu seinem verweißlichten, mit Country und Crooner-Pop angereicherten schwarzen R&B, der alsbald ein neues, weniger schwarz konnotiertes Label verpasst bekam: Rock'n'Roll.

Bill Haley oder Elvis Presley coverten Songs

Ein paar Jahre lang befand sich Chuck Berry am Ziel seiner Träume: Schwarze Musiker wie er selbst oder Little Richards und Bo Diddley wurden von einem jungen, hungrigen Publikum ebenso gefeiert wie die weißen Rock'n'Roll-Stars Bill Haley, Jerry Lee Lewis oder Elvis Presley, die Stilistik und Groove von Berry und Kollegen übernahmen oder ihre Songs coverten. Das war zunächst in Ordnung für Blues-Labels wie Chess, auf denen Berry seine frühen Hits "Maybellene" und "Johnny B. Goode" veröffentlichte, denn im rassengetrennten, von Weißen kontrollierten Markt der Fünfziger war die einzige Möglichkeit, einen Rhythm-and-Blues-Song ins weiße Mainstream-Radio zu bekommen, ihn von einem weißen Künstler singen zu lassen.

Chuck Berry betonte immer wieder, dass es keinen Konflikt zwischen ihm und dem bald ungleich populäreren Presley gegeben hat, es herrschte gegenseitiger Respekt und Bewunderung. Aber es war die Zeit, in der vor allem im Süden der USA auf Flugblättern gewarnt wurde, keine "Negro records" zu kaufen, deren "screaming, idiotic words, and savage music" unterminiere die Moral der weißen Jugend. Doch je verfemter die sexualisierten Hüftzuckungen der Rock'n'Roller und deren zweideutige Texte über Teenie-Gelüste in der Erwachsenwelt wurden, desto attraktiver wurden sie auch. Der Stein war im Rollen und konnte nicht mehr aufgehalten werden. Doch viele der schwarzen Künstler, die ihm den entscheidenden Kick gegeben hatten, blieben auf der Strecke. Es ist signifikant, dass bis heute Elvis als "King of Rock" zelebriert wird, ein Titel, der in einer besseren Welt Chuck Berry zustünde.

Statt auf den Thron kam Berry 1960 erneut für drei Jahre ins Gefängnis. Angeblich habe er in einem Nachtklub in St. Louis, den er zu jener Zeit betrieb, Sex mit einer minderjährigen Angestellten gehabt, die dort als Garderobiere arbeitete. Ein komplizierter Fall, der mehrmals nach- und neuverhandelt werden musste, unter anderem wegen rassistischer Äußerungen eines Richters.

Berry fand keinen Anschluss mehr

Als Berry wieder entlassen wurde, hatte sich die Popwelt radikal verändert: Die "British Invasion" hatte weiße R&B-Bands wie die Beatles und die Rolling Stones zu Idolen gemacht. Demoralisiert von seinen demütigenden Erfahrungen mit Justiz und den für Schwarze verheerenden Bedingungen im Gefängnis, fand Berry keinen Anschluss mehr, weder an den Zeitgeist noch an sein Talent als Songwriter. Er beschränkte sich darauf, auf Tour zu gehen, während Bands wie Led Zeppelin, Lynyrd Skynyrd, The Grateful Dead und The Who seine Songs coverten und aus seinem Vermächtnis Weltkarrieren schufen. 1979 konnte Berry seine erste und einzige Nummer eins in den Charts feiern, allerdings mit einer Live-Version des Songs "My Ding-a-Ling", den er nicht selbst geschrieben hatte.

Es gehört zu den Absurditäten der Popgeschichte, dass gerade in den Sechzigerjahren, als Bürgerrechtsbewegung und "Summer of Love", befeuert durch den frühen Rock'n'Roll, für eine große Liberalisierung der Gesellschaft sorgten, die Utopie einer rassenüberwindenden Musik, wie Berry sie einst mit seinem Genre-Hybrid initiiert hatte, aber Utopie blieb. Der weiße Mainstream hatte das "Schwarze" des Rock'n'Rolls vereinnahmt, bis hin zur Adaption von "Sweet Little Sixteen" als "Surfin' USA" der Beach Boys, wogegen Berry erfolgreich Plagiatsklage einreichte und heute in den Credits des Welt-Hits genannt werden muss.

Seine Verbitterung, sollte er sie empfunden haben, nun ausgerechnet an Keith Richards auszulassen, wie es die berühmte Szene mit Richards aus "Hail! Hail! Rock'n'Roll" suggeriert, mag man als unfair empfinden.

Video: Chuck Berry lässt Keith Richards üben

Die Rolling Stones sind bis heute wohl die einzige große weiße Rockband, die den schwarzen R&B kompromisslos zelebrieren und Musiker wie Berry, Muddy Waters, John Lee Hooker und Ray Charles vehement als ihre Inspirationen und Ikonen zitieren, zuletzt auf ihrem traditionellen Blues-Album "Blue And Lonesome". In den Sechzigern wurden sie für diese Stiltreue - und für das sinnliche, sinistre Spiel mit Sex, Gewalt und Drogenkonsum in ihrer Musik, von der Presse verteufelt und als Bedrohung eingestuft. Ihnen fehle die Finesse der Beatles, schrieb die "Washington Post" 1965, ihre Musik klinge "morbid und armselig".

Ob Chuck Berry verbittert und zynisch wurde, wie es einige Zeitgenossen über die Jahre beobachtet haben wollen, ist Spekulation: Er sprach nicht mit Journalisten und zeigte sich nach 1963 zunehmend skeptisch gegenüber der Musikindustrie. Berry, der in den Fünfzigern so bedeutende Integrationsleistungen angeschoben hatte, war unfreiwillig zum Außenseiter geworden, zum Outlaw.

Immerhin eine klassische Rock'n'Roll-Pose.



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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
vor.morgen 19.03.2017
1. Immer mehr scheint heute möglich, dass die Wissenschaft noch vor ein paar Jahrzehnten höchstens als unseriösen Schabernack bezeichnet hätte.
Einige Theoretischen Physiker halten Parallele Universen nicht für eine Passage aus "Star Treck", sondern eine Möglichkeit. Und wie Zeit wirklich aufgebaut ist (als "Ding an sich" betrachtet, um Kant zu zitieren), ist noch lange nicht geklärt. Laufen mehrere Zeiten "in Wirklichkeit" parallel ab? Sind Geburt und Tod, Anfang und Ende vielschichtiger miteinander verknüpft, als wir es heute verstehen? Und sind einige Künstler, die Speerspitze der theoretischen Physik? Weil sie intuitiv ahnen, dass große Taten der Menschen zeitlich anders Wirken als wir es mit unseren Sinnen heute aufnehmen und intellektuell begreifen können? Vielleicht Chuck Berry, bist du heute noch unter uns am Beeinflussen? Aktiv und eben nicht nur passiv, durch dein Vermächtnis. Und ahnen Theoretische Physiker unbewußt, dass manche Künstler intuitiv schreiben oder verfilmen, was sie selber noch am Entdecken sind? Und manifestiert sich diese unbewußte Ahnung der Theoretischen Physiker in ihrer Affinität zu Science Fiktion? Die bei ihnen Prozentuell viel höher ist, als beim Durchschnitt. Eine schöne Szene als Gedenken an einen strahlenden Künstler und die Möglichkeit seiner Transzendenz. R.I.P. und werke weiter., großer Mann. https://tinyurl.com/al8jusn
gibmichdiekirsche 19.03.2017
2. Chuck B. Goode
Ich hatte das große Vergnügen, Chuck Berry 1979 live bei einem OpenAir-Festival in London erleben zu können. Hinter ihm stand die starke Band des irischen Blues-Rockers Rory Gallagher. Chuck war in Höchstform, spielte alles, was ihn groß gemacht hat, scherzte unentwegt mit dem Publikum, baute auch ein paar "versaute" Verse in manche Lieder ein und brachte das Festival zum Kochen. RIP, Chuck. You "could play the guitar just like a ringing a bell".
kleinbürger 19.03.2017
3. chuck
Zitat von vor.morgenEinige Theoretischen Physiker halten Parallele Universen nicht für eine Passage aus "Star Treck", sondern eine Möglichkeit. Und wie Zeit wirklich aufgebaut ist (als "Ding an sich" betrachtet, um Kant zu zitieren), ist noch lange nicht geklärt. Laufen mehrere Zeiten "in Wirklichkeit" parallel ab? Sind Geburt und Tod, Anfang und Ende vielschichtiger miteinander verknüpft, als wir es heute verstehen? Und sind einige Künstler, die Speerspitze der theoretischen Physik? Weil sie intuitiv ahnen, dass große Taten der Menschen zeitlich anders Wirken als wir es mit unseren Sinnen heute aufnehmen und intellektuell begreifen können? Vielleicht Chuck Berry, bist du heute noch unter uns am Beeinflussen? Aktiv und eben nicht nur passiv, durch dein Vermächtnis. Und ahnen Theoretische Physiker unbewußt, dass manche Künstler intuitiv schreiben oder verfilmen, was sie selber noch am Entdecken sind? Und manifestiert sich diese unbewußte Ahnung der Theoretischen Physiker in ihrer Affinität zu Science Fiktion? Die bei ihnen Prozentuell viel höher ist, als beim Durchschnitt. Eine schöne Szene als Gedenken an einen strahlenden Künstler und die Möglichkeit seiner Transzendenz. R.I.P. und werke weiter., großer Mann. https://tinyurl.com/al8jusn
chuck berry : "what this fuckin` man want, i want the money for my show "
blurbs 19.03.2017
4. Probe von
Tatsächlich ist es noch schlimmer als vom Autor geschildert: Chuck Berry übernimmt das kurze Riff, an dem Keith Richards scheitert, schließlich selbst, erst gegen Ende des Songs darf es Richards auch spielen. Für ihn um so demütigender, als die Stones den Song selbst oft genug gespielt haben und auf der Live-LP "Get Yer Ya-Yas Out" schon Anfang/Mitte der 70er Jahre veröffentlicht haben.
99Augustus 19.03.2017
5. Traurig
Ich habe Berry 2005 in der Hamburger "Fabrik" live gesehen und war traurig, wie wenige Zuschauer gekommen waren. Auch wenn das nicht mehr die Musik der jungen Leute ist, die Chance, einmal eine große Legende des Rock'n'Roll zu sehen, hätten sie nicht verpassen sollen.
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